Erwin Egger arbeitet seit 60 Jahren im Ravensburger Krankenhaus und denkt nicht ans Aufhören. Wer Zeitzeugen des St. Elisabethen-Klinikums sucht, kommt an dem gebürtigen Weingartner nicht vorbei. Vor einigen Tagen feierte er seinen 75. Geburtstag und gab spannende Einblicke in sein Schaffen.
Am 21. April 1965 beginnt Erwin Egger seine Arbeit im Krankenhaus – zunächst als Assistent des Hausmeisters. Er lädt Holz und Kohlen im Lager ab, die für die Back- und Hauptküche gebraucht werden, und hilft bei der beschwerlichen Überführung der verstorbenen Patienten in die Kapelle. Eggers Mutter arbeitet bereits seit Jahren im EK in der Hauswirtschaft, sie hatte sich für ihn eingesetzt, ebenso die Ordensschwestern, die sich für den tief gläubigen Jungen stark machen. Erwin Egger gibt viel zurück, heißt es in der zu Herzen gehenden Pressemitteilung des EK.
„Seit es Feuermelder gibt, ist Weihrauch leider verboten“
Bei jeder Messe, egal ob morgens um 6 Uhr oder abends um 18 Uhr, in allen vier Kapellen, die es in den 60 Jahren gibt, assistiert er als Ministrant. Immer ist er bereit, einzuspringen, Besorgungen zu machen, er hilft eifrig dabei mit, Gottes Willen geschehen zu lassen. Noch heute übernimmt Erwin Egger die Mesnerdienste bei den Gottesdiensten, nur den typisch katholischen Duft von einst vermisst er. „Seit es Feuermelder gibt, ist Weihrauch leider verboten“, sagt er.
Wem Egger Einblick in seine Memoiren gewährt, der begreift erst, wie revolutionär der technische Fortschritt in einem Menschenleben sein kann. „Als ich hier anfing, hatten die Krankenbetten keine Räder, konnten also nicht geschoben werden. Die Schwestern und Pfleger mussten die Kranken fast immer zu dritt auf eine fahrbare Liege umbetten, wenn sie zum OP, zum Röntgen oder zu anderen Untersuchungen mussten. Das war mühselig und umständlich, aber so war es eben damals. Man kannte es ja nicht anders“.

Ärzte und Pflegekräfte aßen in separaten Speisesälen
Es habe damals bereits Ein- oder Zweibettzimmer für Privatpatienten gegeben, „aber es gab auch einige große Krankensäle mit acht bis zehn Patienten, ohne Badezimmer. Die Gemeinschaftstoiletten und -Bäder lagen abgetrennt auf der Station. Für Patienten, die am Bett gewaschen werden mussten, benutzte man Porzellanschüsseln mit Wasserkrügen.“ Auch die Klinik-Hierarchie war damals noch in Stein gemeißelt: Ärzte und Pflegekräfte aßen in separaten Speisesälen.
Das EK der Sechziger-Jahre war nicht die hochmoderne, in Glas gefasste High-Tech-Klinik von heute, es hatte seine eigene Ästhetik. Es war ein Schmuckkästchen mit viel Charme und Eigenleben – auch dank der umtriebigen, streng disziplinierten Ordensschwestern, die das Krankenhaus wie ein nachhaltiges Unternehmen führten und Wert auf Selbstversorgung legten.
Telefonzentrale sah aus wie das Raumschiff Enterprise
Erwin Egger erinnert sich noch an die eigene Bäckerei und an das Schwimm- und Bewegungsbad, in dem die Patienten bei ihren wochenlangen Aufenthalten entspannen und ihre Muskulatur langsam wieder aufbauen konnten. Und an die Telefonzentrale, die mit ihren vielen bunten Knöpfchen aussah wie das Raumschiff Enterprise. Vor allem aber erinnert sich Egger an die eigenen Stallungen, die Landwirtschaft mit Kühen, Schweinen, Pferden und Hühnern, die die Schwestern an einen Verwalter verpachtet hatten.
Tagsüber grasten die Pferde gemächlich auf dem Feld, bis der Rettungshubschrauber im Anflug war. Dann herrschte Aufruhr: „Kurz bevor er landete, klingelte immer das Telefon. Erwin, Erwin, rief die Schwester, tu die Pferde rein, sonst drehen sie wieder durch und werden scheu. Da war klar, dass es gleich wieder laut wird“, erinnert sich Erwin Egger.

Erwin Egger übernimmt mit viel Feingefühl die Aufbahrung der Toten
Als im Jahr 2014 die Wäscheversorgung ausgelagert wird, ist Erwin Egger 63, in Rente gehen möchte er aber noch nicht. Er wechselt in Teilzeit und findet neben dem Patiententransport eine Aufgabe, die nicht jeder ausfüllen kann: Immer, wenn ein Patient im EK stirbt und sich die Angehörigen im Raum der Stille von ihm verabschieden möchten, übernimmt Erwin Egger die Aufbahrung. Er hat das Feingefühl. Auch an Tagen, an denen er eigentlich frei hat, ist er auf Abruf da. Der Raum solle den Menschen ein Gefühl von Würde, Wärme und Geborgenheit geben, sagt er. Und: „Ich gebe den Menschen alle Zeit, die sie brauchen, um sich zu verabschieden.“
Jetzt, mit 75 Jahren, denkt der Jubilar immer noch nicht ans Aufhören. So lange sein Körper es mitmacht, möchte er am EK bleiben. Er hat kaum einen Fitnesskurs für die Mitarbeiter ausgelassen und ist noch immer kerngesund. „Ich möchte hier keinen Tag missen.“

Die ganze Geschichte zu Erwin Egger gibt`s unter: https://www.oberschwabenklinik.de/service/aktuelles/detailseite/die-gute-und-treueste-seele-des-st-elisabethen-klinikums.html