Viele Menschen haben heute das Gefühl, dass politische Entscheidungen über ihre Köpfe hinweg getroffen werden und dass die eigene Stimme nichts bewirkt. Bei der L 277 ist das Gegenteil geschehen: Bürgerinnen und Bürger haben sich organisiert, mehr als 6.300 Unterschriften gesammelt, öffentlich für ihr Anliegen geworben und eine ganze Region zusammengebracht. Aus einer zunächst als kaum vermeidbar dargestellten monatelangen Vollsperrung wurde am Ende eine sehr viel praxistauglichere Lösung.
Steffen Tanneberger hat das Projekt vom ersten Tag an verfolgt und begleitet. Wir fragten bei ihm nach.
Herr Tanneberger, warum haben Sie sich damals für eine andere Lösung an der Donaubrücke eingesetzt?
Weil diese Planung am Alltag der Menschen vorbeigegangen ist. Insgesamt mehr als ein Jahr Vollsperrung hätte erhebliche Umwege bedeutet: zur Arbeit, mit den Kindern zur Schule oder zum Arzt. Das kostet Geld und Lebenszeit, die gerade unseren Familien fehlt.
Und noch etwas: Es hat mich ehrlich gesagt geärgert, dass für alles Mögliche Geld da ist – aber hier sollte eine vernünftige Lösung zu teuer sein. Die Menschen im Donautal arbeiten hart, zahlen Steuern und engagieren sich ehrenamtlich. Sie halten unseren Staat am Laufen. Da dürfen sie doch erwarten, dass der Staat ihnen das Leben nicht unnötig schwer macht.
Und das führt mich zum nächsten Punkt: Viele Bürgerinnen und Bürger fragen sich inzwischen: „Und wo bleiben eigentlich wir? Wann geht es mal um uns?“ Dieses Gefühl spielt Populisten in die Hände. Deshalb mein Appell an die Politik: Vergesst die eigenen Leute nicht!
Wie war die ursprüngliche Ausgangslage bei der Donaubrücke an der L 277?
Die Brücke war 70 Jahre alt und musste wegen ihres schlechten Zustands ersetzt werden. Das Regierungspräsidium ging von 17 Monaten Bauzeit aus, davon voraussichtlich 13 Monate unter Vollsperrung. Jetzt müssen Sie sehen, dass täglich rund 13.000 Fahrzeuge diese Strecke nehmen. Die Umleitung über Neuhausen ob Eck ist in der Regel zwölf, in einzelnen Fällen bis zu 20 Kilometer länger – und zwar je Fahrt. Über den Daumen gepeilt hätten diese Umwege rund zehn Millionen Euro zusätzliche Kraftstoffkosten verursacht. Arbeitskosten und Verschleiß nicht eingerechnet – und die vergeudete Lebenszeit kommt noch obendrauf.
Was haben Sie gegen die geplante Vollsperrung unternommen?
Anfang Juni 2023 haben wir eine Petition gestartet. Ich habe sie ausgearbeitet und der CDU-Kreisverband Tuttlingen mit unserer Bundestagsabgeordneten Maria-Lena Weiss sowie die CDU-Ortsverbände Tuttlingen, Nendingen und Mühlheim-Stetten haben das unterstützt. Unser Ziel war klar: Die Verbindung sollte auch während des Brückenneubaus offenbleiben – etwa durch eine Behelfsbrücke. Innerhalb von drei Monaten haben 6.310 Menschen unterschrieben.
Wie reagierten die betroffenen Bürgerinnen und Bürger?
Am 23. Juni 2023 sind rund 500 Bürgerinnen und Bürger zu einer überparteilichen Kundgebung auf den Latschariplatz in Nendingen gekommen. Dort haben Vertreter von Unternehmen, Handwerk, Pflege, Rettungsdiensten, IHK, Kirchen, Pendlern und aus der Politik gesprochen. Auch Kommunen und Vereine haben diese Initiative unterstützt. So ist dann aus einer Petition die gemeinsame Sache einer ganzen Region geworden.
Wie ging es danach weiter?
Ende September 2023 haben Maria-Lena Weiss und ich die 6.310 Unterschriften an die damalige Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer übergeben. Darüber hat auch das Wochenblatt ausführlich berichtet. Übrigens möchte ich Ihnen dafür ausdrücklich danken – ebenso den anderen regionalen Medien. Denn diese Berichterstattung hat unserem Anliegen Gehör verschafft und den Einsatz der Bürgerinnen und Bürger sichtbar gemacht. Ohne diese öffentliche Aufmerksamkeit hätten wir kaum so viel bewegen können.
Welche Hürden mussten auf dem Wege zur Behelfsbrücke überwunden werden?
Eine zentrale Hürde war die Finanzierung. Die Erneuerung der Brücke ist eine Landesaufgabe und eigentlich müsste das dann auch für die Behelfsbrücke gelten. Dennoch haben sich auch der Landkreis und die Stadt Tuttlingen mit erheblichen Mitteln eingebracht – trotz ihrer angespannten Finanzlage. Dafür haben sich viele mit großem Einsatz starkgemacht, insbesondere Landrat Stefan Bär, der Mühlheimer Bürgermeister und CDU-Kreisrat Jörg Kaltenbach und unsere CDU-Bundestagsabgeordnete Maria-Lena Weiss.
Wann begannen die Bauarbeiten, wie lange dauerten sie und welche Kosten fielen an?
Im April 2026 ging es mit den ersten Arbeiten los. Für den Einbau der Behelfsbrücke und die Straßenanschlüsse musste die L 277 rund vier Wochen voll gesperrt werden. Seit Ende August läuft der Verkehr über die Behelfsbrücke, auch die schweren Lkw. Die neue Donaubrücke soll dann 2027 gebaut werden. Das gesamte Projekt soll rund sechseinhalb Millionen Euro kosten. Davon entfallen etwa zweieinhalb Millionen auf die Behelfsbrücke. Diese Kosten teilen sich Land, Landkreis und die Stadt Tuttlingen zu gleichen Teilen.
Wie bewerten Sie den Einwand, die Behelfsbrücke sei im Verhältnis zum eigentlichen Neubau zu teuer?
Das ist der völlig falsche Vergleichsmaßstab. Die Frage ist doch: Was kostet die Behelfsbrücke – und was hätte es die Menschen und Betriebe gekostet, auf sie zu verzichten? Allein für den zusätzlichen Sprit wären rund zehn Millionen Euro angefallen. Das muss man den rund zweieinhalb Millionen Euro für die Behelfsbrücke gegenüberstellen. Deshalb ist die Behelfsbrücke für mich eine der besten Investitionen seit Langem. Und ganz ehrlich: Wenn ich sehe, wie viel Geld andernorts zum Fenster hinausgeworfen wird – davon könnte man so viele Brücken bauen, dass die Donau bis Budapest unterirdisch fließt.
Was zeigt dieser Erfolg über die Möglichkeiten der Bürger, etwas zu bewegen?
Dass es sich lohnt, sich einzumischen. Aus Ärger und Frust ist ein gemeinsames Ziel geworden. Ohne die vielen engagierten Bürgerinnen und Bürger, ohne unsere Petition und die Demonstration würde diese Behelfsbrücke heute nicht stehen. Die Menschen haben erlebt: Unsere Stimme zählt, wir können etwas verändern. Genau solche Erfahrungen brauchen wir, damit wieder mehr Menschen unserer Demokratie vertrauen.
Am Ende steht eine Brücke. Für mich ist das ein schönes Bild: Wenn Menschen sich einmischen und Verantwortliche ihre Argumente ernst nehmen, lässt sich auch die Distanz zwischen Bürgern und Politik überbrücken. Aus Protest ist eine konkrete Lösung geworden. Das ist gelebte Demokratie – und ich hoffe, dass diese Geschichte auch anderen Mut macht.