Umgestürzte alte Obstbäume können weiterhin wertvolle Lebensräume für Vögel, Fledermäuse und Insekten bieten. Die Rohr-Vogelschutz-Stiftung rät deshalb zu einer genauen Prüfung.
Die heftigen Stürme der vergangenen Wochen haben neben Gebäuden und Infrastruktur auch zahlreiche Bäume und Gehölzstrukturen beschädigt oder zerstört. Davon betroffen sind Streuobstwiesen und andere Landschaftsbereiche, die für die Artenvielfalt wichtig sind.
Besonders problematisch ist der Verlust alter Obstbäume. „Was auf den ersten Blick wie ‚nur‘ ein umgestürzter Baum aussieht, kann einen ganzen Mikrokosmos beherbergen“, erläutert Dr. Patrick Pyttel, der als Mitarbeiter der Bodensee-Stiftung in Vogelschutzprojekten der Franz und Hildegard Rohr-Vogelschutz-Stiftung engagiert ist. Er betont: „Ein genauer Blick lohnt sich, bevor ein umgestürzter alter Obstbaum zersägt und abtransportiert wird“.
Höhlen und Totholz bieten Lebensraum
Über Jahrzehnte entwickeln alte Obstbäume Höhlen, Astlöcher, Spalten, Rindentaschen und Totholzbereiche. Diese Kleinlebensräume werden von zahlreichen Tierarten genutzt. Höhlen bieten beispielsweise Vögeln wie Wendehals, Gartenrotschwanz oder Star geeignete Brutplätze und können auch Fledermäusen als Quartiere dienen. In abgestorbenen Ästen und im Totholz leben zudem zahlreiche Insekten und andere Organismen.
Mit dem Umstürzen eines alten Baumes gehen diese Strukturen nicht automatisch verloren, häufig verlieren sie jedoch ihre ursprüngliche Funktion. Am Boden liegende Baumhöhlen sind für viele Vogelarten nicht mehr als Brutplatz nutzbar. Gleichzeitig beginnt das Holz durch den Kontakt mit dem Boden vergleichsweise schnell zu verrotten.
Patrick Pyttel motiviert Baumbesitzer deshalb, beschädigte Bäume darauf zu prüfen, ob deren Lebensraumstrukturen erhalten werden können. „Dabei muss nicht zwangsläufig der gesamte Baum wieder aufgerichtet werden“, sagt er und ergänzt: Besonders wertvolle, möglichst große Stammteile mit Höhlen oder anderen Kleinstrukturen könnten von der übrigen Baumbiomasse – etwa Krone und stärkeren Ästen – getrennt und anschließend in eine möglichst aufrechte Position gebracht werden. Die wertvollen Stammabschnitte sollten dabei möglichst groß erhalten und nicht unnötig zerteilt werden.
Stammteile können aufgerichtet werden
Je nach Situation können die Stammteile an einem geeigneten, noch stehenden Baum oder an eigens dafür installierten, stabil verankerten Stützpfosten befestigt werden. Für die Sicherung kommen geeignete Stahlseile oder belastbare Textilgurte infrage. Die Textilgurte sollten UV-beständig und für die auftretenden Belastungen ausreichend dimensioniert sein.
Die konkrete Ausführung muss an Größe, Gewicht und Zustand des Baumteils angepasst werden und standsicher erfolgen. Der Einsatz sei den Aufwand wert, so Patrick Pyttel: „So können Lebensraumstrukturen gerettet werden, deren Entstehung Jahrzehnte gedauert hat.“
Nicht jeder umgestürzte Baum sei dafür geeignet und nicht überall sei eine solche Maßnahme möglich oder sinnvoll, räumt der Waldökologe ein. Weniger strukturreiche Stamm- und Astteile könnten dagegen weiterhin als Totholz am Boden wertvoll für die Natur sein.
Nachpflanzungen ersetzen alte Bäume nicht sofort
Parallel dazu seien Nachpflanzungen wichtig, um die Streuobstbestände langfristig zu erhalten. Ein junger Obstbaum kann jedoch nicht kurzfristig ersetzen, was ein alter Baum über Jahrzehnte entwickelt hat.
„Bei der Aufarbeitung von Sturmschäden sollte daher nicht nur auf die Beseitigung der Schäden geschaut werden, sondern auch auf die ökologischen Werte, die erhalten werden können. Denn was über Jahrzehnte gewachsen ist, lässt sich nicht kurzfristig ersetzen“, so Patrick Pyttel.
Die Franz und Hildegard Rohr-Vogelschutz-Stiftung Bodensee wurde 2005 von Franz und Hildegard Rohr gegründet. Zweck der Stiftung ist der Schutz von Vögeln im deutschen Bodenseeraum. Bereits zu Lebzeiten des Paares konnte die Stiftung Kleinprojekte fördern. Nach ihrem Verscheiden ist das Stiftungsvermögen so groß, dass dauerhaft Personalmittel bereitgestellt werden können, um diese Geldmittel wirksam einzusetzen und zu vervielfältigen. Die Erträge aus dem Stiftungsvermögen fließen satzungsgemäß an die Bodensee-Stiftung mit dem Auftrag, den Stiftungszweck umzusetzen.
Weitere Informationen:
bodensee-stiftung.org
(Quelle: Bodensee-Stiftung)