Wie lassen sich epileptische Anfälle frühzeitig erkennen und Betroffene im Alltag schützen? Bei einem Vortragsabend in Weißenau gaben Experten praktische Tipps.
Seit 16 Jahren veranstaltet das ZfP Südwürttemberg anlässlich des Tags der Epilepsie einen Informationsabend für Patienten und Angehörige. Auch in diesem Jahr war der Hörsaal des Klosters Weißenau voll besetzt. Die Schirmherrschaft übernimmt die Stadt Ravensburg.
„Neben neuen Forschungsergebnissen geben wir alltagsnahes und praktisches Wissen weiter“, erklärte Prof. Dr. Juan Valdés-Stauber, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatik, Neurologie und Psychiatrie Ravensburg-Bodensee, bei der Begrüßung.
Epileptische Anfälle frühzeitig erkennen
Fünf Prozent der Menschen erleiden im Laufe ihres Lebens mindestens einen epileptischen Anfall. Ein Prozent ist regelmäßig von Anfällen betroffen und hat damit eine Epilepsie. Dabei müssen epileptische Anfälle von anderen anfallsartigen Ereignissen unterschieden werden.
PD Dr. Christian Tilz, Chefarzt der Klinik für Neurologie und Epileptologie, betonte die Bedeutung einer frühzeitigen Anfallserkennung. „Jeder Anfall kann mit Komplikationen wie Schmerzen, Knochenbrüche, Herzrhythmusstörungen und weiteren Folgen einhergehen.“
Zur Überwachung von Anfällen, die überwiegend nachts auftreten, stehen auch für den häuslichen Gebrauch spezielle Geräte, Apps und Sensoren zur Verfügung. Gleichzeitig werden weitere Technologien entwickelt, darunter Ohrelektroden und die kardioresponsive Vagus-Nerv-Stimulation. Bei diesem Verfahren wird eine erhöhte Herzfrequenz erkannt und ein zusätzlicher Impuls abgegeben, um den Anfall zu unterdrücken.
Richtig handeln bei einem epileptischen Anfall
Epileptische Anfälle können sowohl für Betroffene als auch für Angehörige belastend sein. Oberarzt Hassan Adnan Seklawi erklärte, worauf Außenstehende achten sollten: Ruhe bewahren, die Umgebung sichern und die betroffene Person weder festhalten noch in den Anfall eingreifen.
„Der Anfall soll seinen Verlauf nehmen“, betonte Seklawi. Wichtig sei es, gemeinsam mit der behandelnden Person individuelle Maßnahmen für den Ernstfall festzulegen und sich entsprechend vorzubereiten.
Von der sofortigen Verabreichung eines Notfallmedikaments während eines Anfalls riet der Oberarzt grundsätzlich ab. „Ein Anfall ist als Symptom zu sehen und dauert in den meisten Fällen nicht länger als zwei Minuten.“
Schutzmaßnahmen und psychische Belastungen im Alltag
Welche Hilfsmittel Menschen mit Epilepsie im Haushalt, beim Sport und im Straßenverkehr unterstützen können, erläuterte Sozialarbeiterin Heike Bierenstiel. Dazu gehören unter anderem Herdgitter, automatische Abschaltfunktionen, Smartwatches mit GPS und Temperaturregler.
Neben technischen und baulichen Schutzmaßnahmen spielt auch das Wissen über die eigene Erkrankung eine wichtige Rolle. Allerdings eignet sich nicht jedes Hilfsmittel für jeden Betroffenen. „Individuell muss geschaut werden, was zu meiner Anfallsart und meiner Lebensgestaltung passt“, erklärte Bierenstiel.
Mit den psychischen Herausforderungen einer Epilepsie beschäftigte sich die Psychologische Psychotherapeutin Mirijam Geiger-Riess. „Ängste, Trauer, Einschränkungen, Kontrollverlust – vieles bringt Epilepsie mit sich.“
Je nach persönlicher Situation können unterschiedliche Strategien helfen. Während manche Betroffene durch Akzeptanz besser mit ihrer Erkrankung umgehen, profitieren andere davon, bewusst eine beobachtende Haltung einzunehmen, kalkulierte Risiken einzugehen oder sich stärker auf Selbstfürsorge und aktives Handeln zu konzentrieren.
„Finden Sie eine Balance zwischen Annehmen und Handeln“, empfahl Geiger-Riess.
Mobile EEG-Geräte eröffnen neue Möglichkeiten
Über technische Entwicklungen bei der Untersuchung epileptischer Anfälle informierte Sarah Meurer, Medizinisch-technische Assistentin für Funktionsdiagnostik.
Ein Elektroenzephalogramm (EEG) zeichnet die elektrische Aktivität des Gehirns auf. Damit lassen sich Anfallsmuster erfassen sowie Diagnosen stellen und Therapien kontrollieren.
Tragbare EEG-Geräte ermöglichen mehr Flexibilität. Mobile Langzeit-EEGs und das Video-EEG-Monitoring (VEM) können zusätzliche Erkenntnisse liefern.
„Es gibt eine rasant fortschreitende technische Entwicklung“, erklärte Meurer. Erforscht wird unter anderem ein mobiles Langzeit-Video-EEG, das zu Hause eingesetzt werden kann. Allerdings bringen die technischen Neuerungen auch Herausforderungen mit sich. „Es bleibt spannend, wie sich die Medizintechnik in diesem Bereich weiterentwickelt.“
Die zahlreichen Nachfragen der Betroffenen und Angehörigen verdeutlichten das Interesse an neuen Forschungsergebnissen und praktischen Informationen zum Umgang mit Epilepsie. Auch für das kommende Jahr plant das ZfP Südwürttemberg wieder einen Themenabend.
(Quelle: ZfP Südwürttemberg)