100 Tage Rückschau Ravensburger Polizeipräsident Renato Gigliotti: Rückschau auf 100 Tage im Amt

Ravensburger Polizeipräsident Renato Gigliotti: Rückschau auf 100 Tage im Amt
Renato Gigliotti an seinem Arbeitsplatz im Ravensburger Polizeipräsidium. Seit 100 Tagen ist er dort als Polizeipräsident im Amt. (Bild: David Pichler)

Seit Anfang Mai steht Renato Gigliotti an der Spitze des Polizeipräsidiums Ravensburg. Der 57-Jährige wechselte vom Polizeipräsidium Mannheim nach Oberschwaben und trat die Nachfolge von Uwe Stürmer an. 100 Tage später spricht Gigliotti mit dem WOCHENBLATT über seine ersten Eindrücke, Unterschiede zwischen Großstadt und ländlicher Region, seine Führungsphilosophie und die Herausforderungen für die Polizei.

„An vielen Stellen fühle ich mich noch wie ein Tourist“

Die Frage, ob er bereits angekommen sei, höre er inzwischen beinahe täglich. Seine Antwort falle differenziert aus. Fachlich habe ihn der Alltag vom ersten Tag an eingeholt. Persönlich gebe es dagegen noch viel zu entdecken.

„An vielen Stellen habe ich häufig noch das Gefühl, dass ich ein Tourist bin. Ich muss die Region und die regionalen Besonderheiten erst kennenlernen“, sagt Gigliotti. Immer wieder sei er überrascht, wie vielfältig die Region sei und wie viele attraktive Orte es gebe. Gleichzeitig müsse er ein Gefühl dafür entwickeln, „wie die Menschen hier ticken“ und welche Besonderheiten die drei Landkreise Ravensburg, Sigmaringen und Bodenseekreis auszeichnen. 

Beruflich sei das anders. Bereits als Polizeipräsident komme man vom ersten Arbeitstag an mit allen Facetten polizeilicher Arbeit in Berührung. Entscheidungen müssten getroffen, Vorgänge bewertet und Entwicklungen begleitet werden. „Was das Arbeitspensum und den Arbeitsrhythmus angeht, bin ich sicherlich schon angekommen.“

Ein Bild eines Streifenwagens vor dem Wasserturm in Mannheim ziert als Andenken an seinen vorigen Arbeitsplatz Gigliottis Präsidialbüro.
Ein Bild eines Streifenwagens vor dem Wasserturm in Mannheim ziert als Andenken an seinen vorigen Arbeitsplatz Gigliottis Präsidialbüro. (Bild: David Pichler)

Von der Großstadt nach Oberschwaben

Zuvor war Gigliotti Polizeivizepräsident in Mannheim. Dort bestimmten Demonstrationen, Fußballspiele und Großlagen regelmäßig den Arbeitsalltag. Im Polizeipräsidium Ravensburg seien die Rahmenbedingungen andere, die Herausforderungen jedoch keineswegs kleiner.

„Ein großstädtischer Raum funktioniert einfach anders“, sagt Gigliotti. Während sich in Mannheim viele Einsatzlagen auf engem Raum konzentrierten, sei das Polizeipräsidium Ravensburg flächenmäßig eines der größten in Baden-Württemberg. Die Zusammenarbeit mit zahlreichen Städten, Gemeinden und Landkreisen spiele deshalb eine noch größere Rolle. Gleichzeitig sei ihm aufgefallen, wie eng die regionalen Netzwerke funktionieren und wie intensiv der Austausch zwischen Polizei, Kommunen und weiteren Institutionen gepflegt werde. Dabei habe sein Vorgänger Uwe Stürmer wertvolle Vorarbeit geleistet. 

Beeindruckt von den Traditionen

Ein wichtiger Bestandteil seiner ersten Monate war das Kennenlernen der großen Veranstaltungen in der Region. Rutenfest, Blutritt, Seehasenfest und weitere Feste besuchte Gigliotti nicht nur dienstlich, sondern teilweise auch privat.

Sein Eindruck fällt eindeutig aus: „Die Menschen kommen, die wollen sich vergnügen, die wollen feiern und ihren traditionellen Vorstellungen nachgehen.“ Besonders beeindruckt habe ihn die starke Identifikation der Bevölkerung mit ihren Festen. Für viele seien diese Veranstaltungen weit mehr als bloße Volksfeste – sie gehörten selbstverständlich zum Leben in der Region. 

Aus polizeilicher Sicht sei seine erste Veranstaltungssaison in der Region erfreulich verlaufen. Wo viele Menschen zusammenkämen, gebe es zwar immer wieder kleinere Konflikte oder Auseinandersetzungen. Insgesamt seien diese Ereignisse jedoch überschaubar geblieben. Aufgabe der Polizei sei es, gemeinsam mit den Veranstaltern und Kommunen für einen sicheren Ablauf zu sorgen.

Netzwerkarbeit gehört zum Alltag

Mit Beginn seiner neuen Tätigkeit prägte Gigliotti vor allem eines: Netzwerken. Ob mit den Bürgermeistern, Landräten, seinen Mitarbeitern und Kollegen oder Bürgern. Bei rund 1.250 Beamten im Polizeipräsidium Ravensburg ist das jedoch keine einfache Aufgabe.

„Mir ist wichtig, dass ich zunächst meine Kolleginnen und Kollegen kennenlerne“, sagt der Polizeipräsident. Er wolle verstehen, wie die Menschen arbeiten, welche Herausforderungen sie sehen und wo Verbesserungen möglich seien. Parallel dazu gelte es, die bestehenden Netzwerke weiterzuführen und neue Kontakte aufzubauen. Dass ihn die Menschen in der Region offen aufgenommen hätten, erleichtere diese Aufgabe erheblich. 

Die zahlreichen Gespräche haben allerdings auch eine kleine Nebenwirkung. Auf die Frage, wie viele Tassen Kaffee er an besonders terminreichen Tagen trinke, antwortet Gigliotti mit einem Lächeln: „Ich versuche zumindest grob darauf zu achten, dass es nicht mehr als vier oder fünf werden.“ Zusätzlich habe sein kollegiales Umfeld stets ein wachendes Auge über ihn und seinen Kaffeekonsum.

BU: Ein persönlicher Willkommensgruß von Uwe Stürmer an seinen Nachfolger Renato Gigliotti: „Herzlich Willkommen Renato“ mit einem Smiley. Rechts daneben hängen Programmhefte des Blutritts und des Rutenfests.
BU: Ein persönlicher Willkommensgruß von Uwe Stürmer an seinen Nachfolger Renato Gigliotti: „Herzlich Willkommen Renato“ mit einem Smiley. Rechts daneben hängen Programmhefte des Blutritts und des Rutenfests. (Bild: David Pichler)

Führung durch Konsens statt Konfrontation

Auch seinen Führungsstil beschreibt Gigliotti deutlich. Er wolle Entscheidungen möglichst gemeinsam entwickeln und unterschiedliche Meinungen zulassen. Konsens sei für ihn wichtiger als das Durchsetzen der eigenen Position.

„Ich lasse mich gerne überzeugen“, sagt er. Gleichzeitig bringe er die Erfahrungen aus mehreren Polizeipräsidien mit und wolle diese nutzen, um neue Impulse zu setzen. Besonders wichtig sei ihm derzeit, dass ihn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter persönlich kennenlernen und einschätzen könnten. 

Dabei setzt er auf Präsenz. Ob Präventionsstand auf dem Wochenmarkt oder Gespräche mit Streifenbeamten – Gigliotti möchte möglichst viele Bereiche der Polizeiarbeit unmittelbar kennenlernen. Sein Interesse gelte ausdrücklich den Beschäftigten an der Basis. 

Neubau, Sicherheit und Cyberkriminalität

Für die kommenden Jahre sieht Gigliotti drei zentrale Aufgaben.

An erster Stelle steht für ihn der seit Jahren geplante Neubau des Polizeipräsidiums Ravensburg. Die Planungen entwickelten sich Schritt für Schritt weiter. Zwar wünsche er sich ein höheres Tempo, gleichzeitig sehe er jedoch, dass alle Beteiligten an einer Lösung arbeiteten. 

Ebenso wichtig sei es, das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung weiter zu stärken. Objektiv gehöre das Polizeipräsidium Ravensburg zu den sichersten Regionen Baden-Württembergs. Entscheidend sei aber auch, dass sich die Menschen tatsächlich sicher fühlten. Dafür brauche es sichtbare Polizeiarbeit, Prävention und den engen Austausch mit den Kommunen.

Als dritte große Herausforderung nennt Gigliotti die Digitalisierung der Kriminalität. Anlagebetrug und Cyberkriminalität nähmen weiter zu. Die Polizei müsse technisch und personell Schritt halten, um diese Delikte wirksam bekämpfen zu können. Gleichzeitig dürfe auch eine vergleichsweise sichere Region internationale Konflikte oder extremistische Entwicklungen nicht unterschätzen. Diese müssten gemeinsam mit dem Landeskriminalamt und anderen Sicherheitsbehörden kontinuierlich beobachtet werden. 

Positive Bilanz nach 100 Tagen

Nach 100 Tagen zieht Renato Gigliotti insgesamt eine positive Zwischenbilanz. „Mir macht das hier riesig Spaß“, sagt er. Die Offenheit der Menschen, die funktionierenden Netzwerke und die hohe Identifikation der Bevölkerung mit ihrer Region hätten ihn beeindruckt. Gleichzeitig sieht er seine Aufgabe noch lange nicht als abgeschlossen: Das Kennenlernen der Region und ihrer Menschen werde ihn auch in den kommenden Monaten weiter begleiten.