Der neue Dokumentarfilm von Anna Schubert beleuchtet das traditionsreiche Rutenfest jenseits der Postkartenidylle. Bei „Vaterstadt“ handelt es sich um den wohl am kontroversesten diskutierten Film aus der Region.
Aufregung, Spannung, Vorfreude und Neugier lagen am Freitagabend in der Luft, als sich der Kinosaal am Samstag im Frauentorkino in Ravensburg nach und nach mit rund 500 Gästen füllte. Vor ausverkauftem Haus und im Rahmen der Filmtage Oberschwaben fand die Weltpremiere des Films „Vaterstadt“ von Anna Schubert (Produktion, Regie, Drehbuch) und Claudio Brauchle (Kamera) in der Heimatstadt der Regisseurin statt. Der 106 Minuten lange Dokumentarfilm wirft einen kritischen Blick auf das traditionsreiche und beliebte Rutenfest. Jährlich strömen rund 100.000 Besucher an den fünf Festtagen nach Ravensburg.
Zwischen Emotionen, Trommelmusik und historischen Wurzeln
Jedes Jahr vor den Sommerferien steht das Leben in Ravensburg für fünf Tage still, wenn die Stadt in einem Rausch aus Emotionen, Trommelmusik und blau-weißen Fahnen taumelt. Das traditionsreiche Rutenfest soll auf einen Brauch aus dem 17. Jahrhundert zurückgehen, bei dem Schüler kurz vor den Sommerferien mit ihren Lehrern „in die Ruten“ gegangen seien, um die Züchtigungsinstrumente für das neue Schuljahr zu schneiden. Ein weiterer Erklärungsansatz führt den Namen auf die Pestepidemien zurück. Demnach hätte man sich, um Ansteckungen zu vermeiden, zur Begrüßung lediglich eine Rute gereicht, statt sich die Hand zu geben. Alle Erklärungsversuche stammen jedoch erst aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Allen Theorien ist gemein, dass sie in einem großen Fest enden.
Jenseits der Postkartenidylle: Exklusive Männerkreise im Fokus
Für die einen ist es ein identitätsstiftendes Heimatfest, bei dem Schüler als Trommlergruppen im Mittelpunkt stehen. Für andere ist es ein Fest, bei dem altmodische Vorstellungen und Geschlechterrollen weitergegeben werden. In diesem Spannungsfeld bewegt sich Anna Schubert mit ihrem Film „Vaterstadt“. Was wie eine gemütliche Dokumentation über ein Fest in Oberschwaben mit Bildern eines Rummels beginnt, regt schnell dazu an, auch die eigene Sichtweise auf das Fest zu hinterfragen.
Die Kamera fängt Szenen ein, in denen militärische Begriffe und eine straffe Marschordnung für Außenstehende nur schwer zu einem unbefangenen Schülerfest passen. Sie zeigt das Fest jenseits der Postkartenidylle als einen Raum, der stark von exklusiven Männerkreisen und überkommenen Geschlechterrollen geprägt ist. Die Interviewpartner, die selbst in der Vorbereitung oder in den Gruppen aktiv sind, sagen von sich selbst, dass sie keineswegs gegen Veränderungen sind – die Trommlergruppen sollten aber weiterhin Räume ausschließlich für Männer bleiben.

Aufbruch der Tradition: Die Gründung der „Turmfalken“
Dem entgegen stehen die Stimmen, die sich aktiv für Veränderungen einsetzen und dafür gesorgt haben, dass Frauen nicht nur schmückendes Beiwerk, sondern aktive Mitglieder sind. So reflektiert Dila Tütünci den langen Weg bis zur Gründung der „Turmfalken“, einer reinen weiblichen Trommlergruppe. Sie berichtet von der Idee, die von ihrem Physiklehrer angestoßen wurde, den vielen Gesprächen und ihrer Überzeugung, dass sie mit der Gründung nicht als Bittstellerin auftrete, sondern man sich an den Gedanken gewöhnen müsse, dass es eine Trommlerinnengruppe geben werde.
Ein ehemaliges Mitglied, Moritz Helmreich, berichtet über seinen Wandel: Als 16-Jähriger war er noch stolz, Teil der Landsknechte zu sein. Später, auch angeregt durch sein Studium, entwickelte er einen kritischeren Blick auf das Rutenfest im Allgemeinen und die festgefahrenen Strukturen in den einzelnen Gruppen.
Wie viel Veränderung verträgt das Rutenfest?
Im Mittelpunkt der Aussagen steht immer wieder die Frage, wie sehr sich die Tradition des Festes verändern darf. Auch Außenstehende kommen zu Wort: Eine namentlich nicht genannte Lehrerin berichtet von ihrer Verwunderung und teilweise auch ihrem Unverständnis angesichts der teils altmodischen Strukturen. Auch der Chef der Rutenfestkommission, Dieter Graf, gibt zu, dass es schwierig ist, als Außenstehender Fuß zu fassen. Während man den Argumenten von Befürwortern und Kritikern folgt und immer wieder Szenen des Rutenfests 2024 zu sehen sind, kommt man nicht umhin, sich eine eigene Meinung zu bilden. Spätestens als Johanna Oswald-Schwerin, die bereits vor Tütünci eine Trommlerinnengruppe initiieren wollte, über ihre Erfahrungen mit Mobbing spricht, muss man selbst Stellung beziehen.
Dass Johanna Oswald-Schwerin erst gegen Ende so ausführlich über ihre Erfahrungen sprechen darf, kann man als Kritikpunkt am Film anbringen. Denn dadurch – und auch durch das Donaulied mit seinem mehr als sexistischen und frauenfeindlichen Text, das den Film beendet – werden die Zuschauer in eine Richtung gelenkt. Hier wäre eine frühere Einbindung in die Dokumentation vielleicht passender gewesen.
Starke Bilder und die Forderung nach mehr Inklusion
Filmisch schaffen es Schubert und Brauchle geschickt, durch ein präzises Schnitt-Gegenschnitt-Verfahren die Aussagen der Interviewpartner zu unterstreichen oder durch Bilder infrage zu stellen. Die engen Kameraeinstellungen bei den Festszenen sorgen dafür, dass man als Zuschauer direkt in die Szene eingebunden ist und das Gefühl bekommt, dabei zu sein. Bei den Interviewszenen nimmt die Kamera hingegen vorsichtig Abstand, sodass den interviewten Personen und ihren Aussagen genügend Raum gegeben wird.
Die Ravensburger SPD-Stadträtin und ehemalige Bundestagsabgeordnete Heike Engelhardt versucht in ihren Aussagen immer wieder, zwischen den Positionen zu vermitteln. Sie spricht sich zugleich für mehr Inklusion aus und gibt der Hoffnung Ausdruck, dass die Gruppen nicht nur geschlechtergemischt aufgestellt werden, sondern auch die Trennung der Schularten aufgehoben wird. Ein besonderes Lob sprach sie beim anschließenden Filmgespräch gegenüber Tütünci aus. Dabei berichtete sie von ihrem ersten Gespräch über die „Turmfalken“, bei dem sie sich durch das Engagement der jungen Frau in ihre eigene Studentenzeit zurückversetzt fühlte. Die Gründung der „Turmfalken“ sei „revolutionär“ gewesen.

Emotionales Filmgespräch: Ein Film, der triggert und bewegt
Beim anschließenden Filmgespräch mit der Regisseurin und einigen Protagonisten wurde die Aufregung von Anna Schubert deutlich. Sie bat um einen respektvollen Umgang miteinander, auch wenn man unterschiedlicher Meinung sei. Dieser Abend war für sie nicht irgendeine Filmpremiere. Der Film „Vaterstadt“ ist ihre erste Langfilmproduktion, und sie wusste – auch durch die Kritik im Vorfeld –, dass der Film kritisch beäugt würde. Schubert war klar, dass Emotionen beim Rutenfest eine große Rolle spielen und sich vermutlich einige Personen durch ihre kritische Auseinandersetzung angegriffen fühlen würden.
Anna Schubert selbst habe ein ambivalentes Verhältnis zum Fest. Als Ravensburgerin wuchs sie mit dem Fest auf, hat heute aber einen Blick von außen und findet, dass Kritikpunkte nicht schöngeredet werden dürfen. Mit allen Vorarbeiten und Recherchen hat sie rund vier Jahre an „Vaterstadt“ gearbeitet. Allein der Schnitt dauerte rund anderthalb Jahre. Insgesamt wurde an 20 Drehtagen gedreht. Die Regisseurin bedankte sich nochmals ausdrücklich bei allen, die so mutig gewesen waren, sich für den Film ihren Fragen zu stellen. Sie wisse, dass das nicht selbstverständlich sei.
Moritz Helmreich sagte, dass er verstehen könne, dass dieser Film triggert, weil er verschiedene Blickwinkel auf das Rutenfest eröffne. Dass die Diskussion über das Rutenfest und die damit verbundenen Ansichten sehr emotional geführt werden, ließ sich an den Fragen und Reaktionen im Saal beim Filmgespräch ablesen. Auch die engagierten Gespräche im Foyer machten deutlich, dass der Film einen Nerv getroffen hat und eine kritische Auseinandersetzung mit dem Fest wichtig ist. Doch auch in den Gesprächen gingen die Meinungen auseinander.
Für die Regisseurin selbst schloss sich mit der Premiere im Frauentorkino ein persönlicher Kreis. Hier hatte sie als Kind zum ersten Mal einen Kinofilm gesehen: „Der kleine Eisbär“.
Der Film „Vaterstadt“ begibt sich nun auf Festivaltour und ist voraussichtlich Ende Oktober noch einmal in Ravensburg im Kino zu sehen. Die Termine werden rechtzeitig bekannt gegeben.