Zur Arbeit in der Fremde gezwungen – Gedenksäule erinnert an Zwangsarbeiter:innen in Lindau während der NS-Zeit

Zur Arbeit in der Fremde gezwungen – Gedenksäule erinnert an Zwangsarbeiter:innen in Lindau während der NS-Zeit
Die neue Gedenksäule vor der Lindauer Eissporthalle erinnert an die Menschen, die in Lindau während des 2. Weltkrieges zur Arbeit in der Fremde gezwungen wurden. Bei der Einweihung der Säule bedankten sich die Lindauer Oberbürgermeisterin Dr. Claudia Alfons (Mitte) und Kulturamtsleiter Alexander Warmbrunn (rechts) bei dem Lindauer Karl Schweizer (links), er hatte die Gedenksäule initiiert und konzipiert. (Bild: Kulturamt Lindau)
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Redaktion

Lindau – An ein dunkles Kapitel der Lindauer Geschichte erinnert eine Gedenksäule, die jetzt an der Eichwaldstraße eingeweiht wurde. Der Lindauer Lokalhistoriker Karl Schweizer hat in jahrelanger Recherche Bilder und Texte zum Thema Zwangsar-beit im nationalsozialistischen Lindau gesammelt. In Kooperation mit dem Kulturamt der Stadt Lindau ist nun eine Gedenk- und Informationssäule entstanden, die den Frauen und Männern ein Gesicht gibt, die von 1939 bis 1945 in Lindau und in ganz Deutschland zur Arbeit in der Fremde gezwungen wurden – allein im Stadtgebiet Lindau mussten ab September 1939 bis zum Kriegsende rund 770 Menschen Zwangsarbeit verrichten.

Wie wichtig es ist, nicht müde zu werden, an diese Zeit zu erinnern, erklärte die Lindauer Oberbürgermeisterin Dr. Claudia Alfons, bei der Einweihung der Gedenk-stätte, die Corona bedingt nur im allerkleinsten Kreis stattfand. „Gedenken und Erinnern ist wichtig, denn nur, wer sich seiner Vergangenheit stellt, hat ein Funda-ment für die Zukunft“, so die Lindauer Oberbürgermeisterin, die dem Lokalhistoriker Karl Schweizer für seine unermüdliche und hartnäckige Recherche dankte.

Dass die Gedenkstätte am 27. Januar eingeweiht wurde, ist kein Zufall: Der 27. Januar wurde zum Tag der Opfer des Nationalsozialismus proklamiert und die Vereinten Nationen haben diesen Tag zum internationalen Holocaust-Gedenktag erklärt. Es ist der Tag, an dem sich die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz jährt.

Auch der Ort, an dem die Gedenksäule errichtet wurde, ist nicht zufällig gewählt. Denn östlich der Kamelbuckelbrücke befand sich das flächenmäßig größte Bara-ckenlager für Zwangsarbeiter:innen in Lindau. Die dort eingesperrten Menschen arbeiteten unter anderem für die Reichsbahn aber auch für verschiedene Lindauer

Firmen. „Es ist gut, dass genau an dieser Stelle an das Schicksal der Menschen erinnert wird. Es ist wichtig, dass wir die Erinnerung wach halten, damit sich die Ge-schichte nicht wiederholt“, sagte Oberbürgermeisterin Alfons bei der Einweihung.

„Dass an eben diesem Ort in wenigen Monaten die Lindauer Therme eröffnet wird, zeigt, wie sehr sich unsere Welt verändert hat – Gott sei Dank. Niemand aber soll auf den Gedanken kommen, dass deswegen Gras über die Geschichte gewachsen wäre“, gab die Oberbürgermeisterin zu bedenken und sie dankte allen, die daran beteiligt waren, „diese Art von Stolperstein auf diesem Areal zu errichten.“ Wenn die Bauarbeiten für die Therme abgeschlossen sind, zieht die Säule noch einmal um und steht dann an einem Platz auf dem Gelände, „an dem sie hoffentlich von vielen Menschen beachtet wird. Wir wünschen uns auch, dass Schulkassen an die-sen Ort kommen, um sich anhand der Fotos und Dokumente mit unserer Geschichte auseinander zu setzen“, so die Oberbürgermeisterin.

Karl Schweizer bedankte sich bei der Lindauer Oberbürgermeisterin Claudia Al-fons, dass „sie meinen Impuls aufgenommen haben“. Sein Dank ging aber auch an alle, die zur Realisierung des Projektes beigetragen haben. Bereits seit den 80er Jahren beschäftigt sich der Historiker mit dem Thema Zwangsarbeit in Lindau. Zum Hintergrund für sein Engagement erklärte er: „Es ist der Versuch, über dieses öffentliche Gedenken einen, wenn auch winzigen Beitrag zur Wiederherstellung der Würde dieser meist verschleppten und gedemütigten Menschen zu ermöglichen.“ Denn diesen Menschen habe der NS-Faschismus ihre Freiheit genommen, ihre Menschenrechte, ihre Gesundheit, oft ihre Lebensfreude, Jahre ihres Leben und teilweise sogar ihr Leben, so Schweizer, der nicht nur in zahlreichen Archiven re-cherchiert hat, sondern auch immer wieder mit verschiedenen Zeitzeugen gesprochen hat.

Kulturamtsleiter Alexander Warmbrunn nannte es „ein großes Glück“, dass Lindau mit dem Lokalhistoriker einen „unermüdlichen Mahner hat, der oft auch unbequem ist“. Und er kündigte an, dass die Geschichte der Zwangsarbeiter auch im neu konzipierten Stadtmuseum im Cavazzen weiter erzählt werde.


Verfasserin: Stefanie Bernhard-Lentz