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Wirrwarr um die Riedlinger Gesundheitsversorgung
Die Lage um die medizinische Versorgung im Raum Riedlingen wird immer verworrener. (Bild: picture alliance / dpa | Daniel Karmann)

Verwirrung unter der Ärzteschaft in Riedlingen. Die wurde um ihre Meinung zur Notwendigkeit des Baus eines weiteren Gesundheitszentrums gefragt. Doch braucht es dieses Primärversorgungszentrum wirklich? Das Wochenblatt hat nachgefragt.

Mitte Oktober waren in Riedlingen Hausärzte der Raumschaft zu einem Runden Tisch eingeladen. Zur Überraschung der beteiligten Ärzte, erhielten sie anschließend einen Brief der Stadtverwaltung. Darin teilte Stadtbaumeister Wolfgang Weiß den Ärzten mit, dass die Stadt nun die Möglichkeit eines Primärversorgungszentrums (PVZ) prüfen lasse. Demnach sei die Firma Dostal&Partner beauftragt worden, die Kontakt aufnehmen wolle, um die Meinungen und Anregungen der Ärzte abzufragen, die in die Entwicklung eines realisierbaren Gründungskonzeptes einfließen sollen.

Nicht nur für das Wochenblatt stellt sich die Frage, ob mit diesem Schritt eine Konkurrenzsituation zu dem im Bau befindlichen Ärztezentrum auf der Klinge, das 2023 in Betrieb geht, geschaffen wird? Wir fragten bei Ärzten und der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) nach.

Was ist ein Primärversorgungszentrum?

Bei der Gesundheitsversorgung sollen beim Erstkontakt von Kranken mit dem Hausarzt, zukünftig auch sogenannte „Primärversorgungszentren“ eine wichtige Rolle spielen. Hier arbeiten unterschiedlichste Gesundheitsberufe eng zusammen und bieten Bürgerinnen und Bürgern eine umfassende Betreuung. Sie sollen Krankenhäuser entlasten und die Gesundheitsversorgung gerade in ländlichen Regionen sichern und verbessern.

KV und Ärzte winken ab

Die von uns angesprochenen Ärzte und die KV sind über den nun eingeleiteten Weg der Stadt allesamt irritiert. Mit einem eindeutigen „Nein“ beantwortete Dr. Johannes Fechner (Vorstand der KV Baden-Württemberg) die Frage, ob ein weiteres Ärztezentrum für Riedlingen Sinn mache. Er sprach sich dafür aus, weitere Ärzte und Fachärzte in das 2023 in Betrieb gehende Gesundheitszentrum einzubinden. Dem schließt sich auch Dr. Herwig Fichtl (Langenenslingen) an: „Es sollte alles getan werden, dieses Zentrum zum Erfolg zu führen.“ Fichtl forderte, dass alles getan werden müsse, um die SI-Klinik in Riedlingen zu halten: „SI hat eine BG-Zulassung. Sollten die Ärzte sich anderweitig orientieren, müsste jeder Arbeits- oder Schulunfall zu den Kliniken in Sigmaringen, Ehingen oder Biberach gefahren werden.“ Bürgermeister Marcus Schafft sollte, so Fichtl, das bestehende Gesundheitszentrum tatkräftig unterstützen und den nun eingeschlagenen Weg eines weiteren PVZ verlassen. Er bedauert, dass durch die bereits jetzt entstandenen Unsicherheiten eine Kinderärztin und eine Kinder-Endokrinologin ihre Zusagen für eine Praxistätigkeit im Gesundheitszentrum zurückgezogen haben.

Dr. Michael Mittendorfer (Ertingen) findet zum Vorhaben der Stadt Riedlingen klare Worte: „Das im Bau befindliche Projekt stellt entsprechend der Parameter ein Primärversorgungszentrum dar. Die Prüfung der Möglichkeit der Errichtung eines weiteren PVZs in Riedlingen, stellt hingegen einen Schildbürgerstreich dar. Anstatt einer Prüfung eines zusätzlichen Baus, sollten alle Akteure nun so schnell als möglich zusammenfinden und das im Bau befindliche Projekt zu einem gemeinsamen Erfolg für Riedlingen und die gesamte Raumschaft machen. Bei dem im Bau befindlichen Projekt geht es schlichtweg um nichts weniger als die Gesundheit der Bürger und damit um ein Grundbedürfnis, wie Strom oder Wasser.“

Ambulant Medizinisches Dienstleistungszentrum (AMD): Investorenlösung kaum zielführend

Kritisch äußert sich Mittendorfer auch zu dem von der Stadt eingeschlagenen Weg beim AMD: „Als selbstständig niedergelassener Arzt würde ich persönlich nicht mit gewinnorientierten Investoren zusammenarbeiten wollen. Medizin sollte nicht gewinnorientiert, sondern patientenzentriert erfolgen. Ein Investor ist jedoch niemals patientenzentriert.“ Die Chancen, dass ein Investor auch noch entsprechende Ärzte/Fachärzte „mitbringt“, sieht Mittendorfer skeptisch: „Eine/n Arzt/Ärztin zu akquirieren ist enorm schwierig. Niemand kann neues Fachpersonal backen. Wir können nur Arbeitsbedingungen schaffen die zukunftsfähig sind, das heißt Elternzeit, Teilzeit oder auch Vollzeitstellen müssen möglich sein. Familie und Beruf muss vereinbar werden – auch in med. Berufen. Ob ein Investor diese Möglichkeiten schaffen möchte, bezweifle ich und ohne Ärzte gibt es auch keine Zulassung.“

Selbst KV-Vorstand Fechner meldet zu einer Investorenlösung für das AMD seine Zweifel an: „Ein Investor beauftragt eine Baufirma erst, wenn er 80 Prozent der Fläche fest vermietet hat. Knackpunkt ist aber die Miete. Da ist die Erwartungshaltung eines Investors deutlich höher, als es der Markt in Riedlingen hergibt.“ Die für ihn einzig erfolgsversprechende Investorenlösung wäre, wenn dieser als Mäzen auftritt.“ Mit Verweis auf die Bundesgesetzgebung, die Obergrenzen für Ärzte und Fachärzte vorschreibt, sieht er kaum Chancen für eine Investorenlösung, die auch neue Arztsitze beinhaltet. „Hier wären ohnehin nur erfolgreiche Verhandlungen mit Bestandspraxen, die über entsprechende Zulassungen verfügen, zielführend,“ so Fechner.

Lesen Sie dazu auch unseren Kommentar.