„Wir wollen den Menschen Gründe geben, in ihre Innenstadt zu kommen“

„Wir wollen den Menschen Gründe geben, in ihre Innenstadt zu kommen“
Der frisch gekürte Innenstadtberater Josef Röll muss wohl dicke Bretter bohren, bis die Innenstädte wieder richtig boomen (Bild: IHK ULM)

Freier Redakteur
E-Mail senden

Die Attraktivität der Innenstädte ist zunehmend in Gefahr, vor allem der Online-Handel und aktuell auch die Corona-Pandemie setzen ihnen zu. Handel und Gastronomie fürchten deswegen teilweise um ihre Existenz, auch Verpächter von Innenstadtflächen kommen in Bedrängnis.

Das Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg will nun die Innenstädte als Standorte des stationären Einzelhandels mit einem Förderprogramm stärken. Josef Röll, Handelsreferent der IHK Ulm, übernimmt als Innenstadtberater die Aufgabe, in den IHK-Kammerbezirken Ulm und Bodensee-Oberschwaben dieses Projekt erfolgreich umzusetzen. Partner sind dabei auch die beiden Regionalverbände Bodensee-Oberschwaben und Donau-Iller. Das WOCHENBLATT sprach mit Josef Röll über seine Aufgaben.

Herr Röll, wo drückt dem Innenstadthandel der Schuh?

Die Innenstädte der kleineren Städte hatten schon vor Corona besonders unter dem immer stärker werdenden Onlinehandel und Kaufkraftabfluss in die Außenbereiche oder nächsten Zentren zu leiden. Das hat dazu geführt, dass der Branchenmix immer größere Lücken bekam und es damit immer weniger Gründe für die Menschen gibt, in „Ihre“ Innenstadt zu kommen. Dazu kommt, dass viele Inhaber auf die Rente zusteuern und Probleme haben werden, einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin zu finden.

Deshalb müssen wir Innenstadt nicht nur in Handel denken, sondern auch mit Gastronomie, Ärzten, Dienstleistern, Vereinen, Bewohnern, Immobilienbesitzern und allem was Leben herein bringt reden.

Bei allen Maßnahmen Frequenz und Attraktivität zu erhalten oder zu steigern ist die Erreichbarkeit ein ganz wichtiger Punkt für die Zukunft der Innenstädte. Was nutzen die tollsten Aktionen, wenn das Fachmarktzentrum einfacher und schneller zu erreichen ist wie die Innenstadt.

Ein umfangreicher und attraktiver Branchenmix ist in Innenstadtlagen eine wichtige Voraussetzung für die Kundenfrequenz
Ein umfangreicher und attraktiver Branchenmix ist in Innenstadtlagen eine wichtige Voraussetzung für die Kundenfrequenz (Bild: J. ROELL)

Was ist ein Innenstadtberater?

Der Begriff Innenstadtberater gefällt mir nicht so richtig. Es klingt für mich so, als ob da jetzt jemand käme, der das Ei des Kolumbus im Handgepäck hat und alles besser weiß.

Aber von Anfang an: Der Innenstadtberater ist ein Ergebnis des Dialogprojekts Handel 2030 des Landes Baden-Württemberg und wird vom Wirtschaftsministerium gefördert. Das Projekt wurde bereits vor Corona geplant. Es geht darum die Akteure der Innenstädte bei der Stärkung und Stabilisierung einer lebendigen Innenstadt zu unterstützen. Im Fokus sind Städte zwischen 10 und 50.000 Einwohner. Es gibt Innenstadtberater in fast allen IHK-Regionen Baden-Württembergs.

Die IHK Bodensee Oberschwaben und die IHK Ulm haben sich dabei zusammengetan. Wir haben 27 Städte, die für das Programm in Frage kommen, dabei auch einige Städte knapp unter 10.000 Einwohner. Damit liegen wir etwas über dem Durchschnitt der Städte pro Regionen in BW.

Auch in einer historischen Innenstadt müssen Gastronomie und Ladenlokale für die Besucher und Kunden „anziehend“ sein
Auch in einer historischen Innenstadt müssen Gastronomie und Ladenlokale für die Besucher und Kunden „anziehend“ sein (Bild: J. ROELL)

Welche Ansatzpunkte gibt es für Sie, um die Innenstädte weiterzuentwickeln oder zukunftsfähig machen?

In der Hauptsache geht es um die Punkte

  • Zusammenarbeit aller Akteure einer Innenstadt unterstützen.
  • Umgang mit Leerständen – Umnutzung, neue Ideen
  • Digitalisierung der Betriebe und die digitale Sichtbarkeit der Innenstadt als Ganzes

Um diese Punkte zu erreichen, suchen wir zunächst sechs bis acht Städte, die sich am Programm beteiligen möchten. In diesen Städten führen wir einen intensiven Innenstadtcheck durch, der nicht nur Branchenmix und Leerstände erfasst, sondern zum Beispiel auch prüft, wie gut die einzelnen Betriebe im Internet auffindbar sind.

Wir sprechen Verwaltung und Gewerbevereine gemeinsam an. Wir möchten, wo es das noch nicht gibt, einen Lenkungskreis bilden. Gemeinsam möchten wir die Ergebnisse des Checks diskutieren und Maßnahmen in die Wege leiten. Die dabei in den Städten gewonnenen Erfahrungen sollen dann allen Städten zur Verfügung stehen und multipliziert werden. Ich möchte Innenstadtbegehungen organisieren und mit den Lenkungskreisen auch andere Städte besuchen.

Neben der Attraktivität der Geschäfte ist die Erreichbarkeit der „Einkaufsmeile“ ein entscheidender Faktor
Neben der Attraktivität der Geschäfte ist die Erreichbarkeit der „Einkaufsmeile“ ein entscheidender Faktor (Bild: J. ROELL)

Und die anderen Städte?

Wir nehmen gerade Kontakt mit den in Frage kommenden Städten und Gewerbevereinen auf und werden dann entscheiden, mit welchen Städten wir mit dem Innenstadtcheck beginnen.

Über diese Best Practice Städte hinaus, möchte ich einen aktuellen Laden-Mietspiegel für alle 27 Städte erstellen und überall Leerstände erfassen, um ein überregionales Verzeichnis zu erstellen. Sobald wir mit den Checks durch sind, kann eine zweite Runde mit anderen Städten beginnen.

Ihr Schlusswort?

Wir wollen den Menschen wieder mehr Gründe geben in „Ihre“ Innenstadt zu kommen. Eine lebendige Innenstadt ist ein Stück gelebte Regionalität und Identität.