Warnung vor „Verkehrswende in die falsche Richtung“ bodo-Geschäftsführer zieht kritische Bilanz zum 9-Euro-Ticket

bodo-Geschäftsführer zieht kritische Bilanz zum 9-Euro-Ticket
bodo-Geschäftsführer Jürgen Löffler. (Bild: bodo)
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Redaktion

Das Resümee des bodo-Verkehrsverbunds nach drei Monaten 9-Euro-Ticket fällt gemischt aus. Einerseits hat die Sonderaktion viele Menschen – wieder oder erstmals – mit dem Öffentlichen Nahverkehr in Berührung gebracht. Andererseits hat sie zahlreiche Schwierigkeiten im System aufgezeigt und nochmals verdeutlicht: Mit Billigaktionen allein gelingt die Verkehrswende nicht.

Sind Bus und Bahn eine sinnvolle Alternative zum eigenen Auto? Dass Menschen, die bisher nicht oder nur wenig mit öffentlichen Verkehrsmitteln in Berührung gekommen sind, sich während der zurückliegenden drei Monate diese Frage stellten, ist aus Sicht von bodo-Geschäftsführer Jürgen Löffler der wohl größte Erfolg des 9-Euro-Tickets.

Tatsächlich haben sich während des Aktionszeitraums viele zugunsten von Bus und Bahn entschieden, „was angesichts des extrem günstigen Preises ja auch nicht verwundert“, sagt Löffler. „Einen besonders starken Zulauf haben wir vor allem im Freizeitverkehr gespürt, besonders entlang des Bodensees sowie auf den Strecken, die dorthin führen.“ Und natürlich hoffe man auch auf langfristige Effekte – nämlich „dass uns der eine oder andere Fahrgast auch in Zukunft erhalten bleibt“.

Jedoch fiel das 9-Euro-Ticket in eine Zeit, die auch für die Nahverkehrsbranche höchst schwierig ist. Enorme Energiekosten brachten manches Verkehrsunternehmen zuletzt in existenzielle Schwierigkeiten. Dazu kamen hohe Krankenstände beim Personal und technische Probleme infolge gestörter Lieferketten.

Die Folgen bekamen die Fahrgäste schmerzlich zu spüren: Züge auf der Südbahn und der Bodenseegürtelbahn fuhren mit geringerer Kapazität als vorgesehen, sodass mancher keinen Platz mehr fand und am Bahnsteig zurückbleiben musste – darunter neben Ausflüglern und Urlaubsgästen auch Schüler und Berufspendler.

Szenen wie diese gab es häufig während der vergangenen drei Monate am Bodensee und auf der Südbahn: Übervolle Ersatzzüge und Fahrgäste, die am Bahnsteig zurückbleiben müssen. (Foto: bodo/Felix Löffelholz)
Szenen wie diese gab es häufig während der vergangenen drei Monate am Bodensee und auf der Südbahn: Übervolle Ersatzzüge und Fahrgäste, die am Bahnsteig zurückbleiben müssen. (Foto: bodo/Felix Löffelholz)

„Zudem setzte die DB Regio wegen Fahrzeugmangels auf der durchgängig elektrifizierten Strecke Ulm – Ravensburg – Friedrichshafen – Lindau betagte Dieselloks und Dieseltriebzüge mit miserabler Klimabilanz ein“, berichtet Löffler. „Nicht selten fielen Züge auch gänzlich aus – mal kurzfristig bekanntgeben, mal mit längerer Vorlaufzeit.“ Im Busverkehr seien ebenfalls einige Fahrten gestrichen worden, weil nicht genügend Personal zur Verfügung gestanden habe.

Alte Dieselloks auf der frisch elektrifizierten Südbahn: Keine Seltenheit in diesem Sommer. (Foto: bodo/Felix Löffelholz)
Alte Dieselloks auf der frisch elektrifizierten Südbahn: Keine Seltenheit in diesem Sommer. (Foto: bodo/Felix Löffelholz)

„Das 9-Euro-Ticket hat maximale Last auf ein ohnehin schon geschwächtes und unterfinanziertes System gebracht“, fasst Löffler zusammen und präzisiert: „Erstens wurden Pendler vergrault und setzten teilweise die bei ihrem Abo eingesparten Kosten dafür ein, um statt mit dem Öffentlichen Nahverkehr mit dem eigenen Auto zur Arbeit zu fahren.

Zweitens erlebten die Gäste am Bodensee, die mit der Echt-Bodensee-Card den Nahverkehr nutzen können, Zustände, wie sie in einem zivilisierten Land nicht erwartet wurden. Dadurch ist dem Tourismus und dem ÖPNV ein erheblicher Imageschaden entstanden. Drittens bleiben Menschen in den ländlichen Gebieten die Verlierer, weil hier vor dem Preis das lückenhafte Nahverkehrsangebot das Problem ist.“ 

Wenn der Staat Milliarden für ein nahezu kostenloses Fahren in Bus und Bahn aufbringe, fehle das Geld für nachhaltige Investitionen in das öffentliche Nahverkehrssystem, befürchtet Löffler. „Neue Busse und Bahnen, mehr Barrierefreiheit, Ausbau und Elektrifizierung weiterer Bahnstrecken, ein besseres Fahrtenangebot – all das brauchen wir, damit die Verkehrs- und Energiewende gelingt.“

In der direkten Nachbarschaft – in der Schweiz und in Vorarlberg – sehe man, wie man mit nachhaltiger, konsequenter Verkehrspolitik langfristige Erfolge erziele. Dazu gehörten Infrastrukturmaßnahmen und ein massiver Angebotsausbau.

Beispielsweise seien dort auf der Schiene Taktsysteme mit hoher Kapazität und 98 Prozent Pünktlichkeit ebenso selbstverständlich wie modernisierte, barrierefreie Bahnhöfe. Und auch in den ländlichen Räumen gebe es flächendeckende Bussysteme.

Der bodo-Geschäftsführer appelliert deshalb an die Politik und die ÖPNV-Branche, ein langfristig tragfähiges Nachfolgeangebot zu entwickeln, bei dem nicht der günstigste Preis und kurzfristige Effekte im Mittelpunkt stehen, sondern der Fokus auf ein durchfinanziertes Gesamtsystem gelegt wird, das den ländlichen Raum „mitnimmt“.

„Wenn wir das heutige System weiter auf Verschleiß fahren, wenn es keine weiteren Investitionen gibt und der Angebotsausbau ins Stocken kommt, dann droht eine Verkehrswende in die falsche Richtung. Und das will wirklich niemand.“

(Pressemitteilung: Bodensee-Oberschwaben Verkehrsverbund GmbH)