Von Larven und anderen Maskierungen

Von Larven und anderen Maskierungen
Mike Jörg, seit 1994 bekannt für seinen Jahresrückblick „Wa(h)r was?“ (Bild: PR/Mike Jörg)
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Redaktion

Mike Jörg, oberschwäbischer Kabarett-Grandseigneurs aus Weingarten, heitert Sie, in diesen humorlosen Zeiten, jede Woche bei uns ein bisschen auf. Der Satiriker ist seit 1994 bekannt für seinen satirischen Jahresrückblick „Wa(h)r was?“. Aus bekannten Gründen müssen alle Termine für die treffsicheren Sticheleien landauf und landab leider ausfallen. Nicht aber bei uns. Lassen Sie sich jede Woche überraschen, mit was Mike Jörg Ihre Lachmuskeln digital kitzeln wird. Viel Vergnügen!

Als Kleinkind wusste ich nicht, was eine Maske ist. Ich kannte nur Larven. Ich wusste, dass sich Schmetterling aus einer Larve entpuppen.  Was eine Maske ist, wurde mir erst viel später klar. Meine Oma sagte zu Masken Larven. Sie schenkte mir eine Mickymaus-Larve und sagte, ich sei damit ein lustiges „Fasnets-Mäschkerle“. Jahre später sah ich im Kino Westernfilme, in denen sich die Bösen mit einem Tuch maskierten.

Anfang der 70-er Jahre verhüllten viele Demonstranten ihr Gesicht mit einem Arafat-Tuch. Das hat dem Staat nicht gefallen und er erließ ein Vermummungsverbot. Noch bevor ich wusste, was „vermummen“ eigentlich ist, wurde es verboten. Inzwischen weiß ich, dass die Begriffe Larve, Maske und Vermummung eng miteinander verwandt sind.

Jetzt kommt mir alles weder komisch noch lustig vor

Bis vor zwei Jahren fand ich es amüsant, wenn ich Menschen aus Südostasien sah, die mit einer weißen Maske vor der Nase durch die Innenstadt von Heidelberg liefen oder sich durch die bayrischen Königsschlösser drängelten. Ich fand diese Art der Maskierung eher komisch als lustig. Jetzt kommt mir alles weder komisch noch lustig vor.

Welche Werteverschiebung im Laufe meiner Biographie: Erst die kindliche Faszination, wenn sich ein Schmetterling aus einer Larve entpuppt hat. Später die lustigen „Fasnets-Mäschkerle“, dann die Bankräuber in den Westernfilmen, dann die Demos mit den Arafat-Tüchern, dann das Vermummungsverbot.

Man gibt sich nicht mehr die Hand

Die Einzigen, die sich bis vor zwei Jahren noch vermummen durften, waren Touristen aus Südostasien, waren muslimische Frauen und katholische Nonnen. Alle anderen mussten ihr Gesicht zeigen. Diese Norm galt bis vor 15 Monaten. Seither müssen alle ihr Gesicht verhüllen; man gibt sich nicht mehr die Hand; man begrüßt sich mit Faust gegen Faust oder man zeigt sich gegenseitig die Ellbogen. 

Die Guten erkennt man an der FFP 2-Maske

Wir haben die radikale Umwertung vieler unserer Werte längst verinnerlicht. Bis vor 15 Monaten waren die Vermummten die Bösen, heute sind es die Nicht-Vermummten. Die Guten erkennt man an der FFP 2-Maske. Die Bösen, das sind die anderen, z. B. die, welche sich nach 22 Uhr an der Tankstelle Zigaretten holen. Ein Bekannter von mir musste für dieses Verbrechen 500 € bezahlen. Im Bahnhofsviertel von Frankfurt/Oder wurde ein Paar erwischt, das oben ohne war. Die hatten das getrieben, was im Frühling alle Tiere treiben. Die hatten sich in der Dunkelheit der Nacht in einer Hinterecke gepaart, allerdings oben ohne Maske. Für dieses Verbrechen hat die Polizei 1000 € kassiert.

Wenn ich mit meinen Enkeln spazieren gehe, sehe ich jeden Tag, wie Vögel vögeln. Meinen Enkeln gefällt das. Auch mir gefällt es, wenn Vögel vögeln und ich mag es, wenn sich Menschen gegenseitig glücklich machen.

Das Treiben von einigen Politiker*innen gefällt mir weniger gut. Viele haben sich selbst entlarvt. Unsere viel gepriesene Demokratie entpuppt sich als Schimäre. Wird es uns gelingen, die schleichende Umwertung unserer Werte wieder rückgängig zu machen? Alle Parteien rüsten zum Wahlkampf. Den Slogan „mehr Demokratie wagen‘“ habe ich in keinem Wahlprogramm gelesen.