Vielfalt der Zukunft: Das Netzwerk WIR Bio Power Bodensee

Vielfalt der Zukunft: Das Netzwerk WIR Bio Power Bodensee
Vielfalt der Zukunft - Das Netzwerk WIR Bio Power Bodensee (Bild: Nachhaltig Magazin)
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Redaktion

Rund um den Bodensee sind so viele Öko-Pioniere zuhause, wie in kaum einem anderen Landstrich. Zahlreiche Höfe haben schon vor über 40 Jahren, der älteste sogar vor über 80 Jahren auf biologische Landwirtschaft umgestellt. Gemeinsam bringen sie nicht nur eine bunte Vielfalt von frischem Obst und Gemüse auf den Tisch. Sie wollen auch den reichen Erfahrungsschatz der heimischen Betriebe miteinander teilen und fortentwickeln, um die ökologische Landwirtschaft weiter voran zu bringen – in Partnerschaft mit Bio-Läden, Bürgerinnen und Bürgern.

18 Bio-Bauernhöfe und -Gärtnereien

Kennen Sie die rote Feinschmecker-Zwiebel „Höribülle“, die leicht nussige Pastinake „Schleswiger Schnee“ oder die orange Spitzpaprika „Lady Lou“? Haben Sie schon einmal über die rot-weißen Ringel der Bete „Tonda di Chioggia“ gestaunt, der Schlangengurke „Cleopha“ beim Wachsen zugeschaut oder den Geschmack einer Ochsenherztomate genossen? Diese und viele anderer Gemüsesorten bringt das Netzwerk „WIR. Bio Power Bodensee“ direkt von den Feldern in der Region auf den Tisch.

Insgesamt 18 Bio-Bauernhöfe und -Gärtnereien – von Bohligen auf der Halbinsel Höri über Herdwangen und Salem bis hin nach Ravensburg – sind Teil des Netzwerks. Gemeinsam sorgen sie für eine reiche Vielfalt an Obst und Gemüse. Dazu gehört auch die Höribülle, eine besonders feine rote Zwiebelsorte, die ausschließlich auf der Bodensee-Halbinsel Höri angebaut werden darf. Thomas Keßler, der seinen Betrieb in Bohlingen 1988 von seinem Vater übernommen hat, ist der einzige, der die Höribülle in Demeter-Qualität anbaut. In den Gewächshäusern des Hof Ibele bei Ravensburg gedeihen allein über 40 verschiedene Tomatensorten. Und der Demeter-Obstbau-Pionier Bruno Brugger kultiviert auf seinen Plantagen bei Friedrichshafen Spaltenstein über 30 Apfelsorten, darunter Besonderheiten wie der süß-birnenfruchtige Sansa oder die aromareiche Seeperle.

2015 wurde das Höfe-Netzwerk gegründet von Akteuren aus dem Bündnis für biologisch-dynamische Arbeit am Bodensee und dem in Überlingen ansässigen Naturkostgroßhandel BODAN. Um immer ein möglichst breites Angebot an Bio-Lebensmittel direkt aus der Region bieten zu können und unnötige Verschwendung durch temporäre Überschüsse einzelner Feldfrüchte zu vermeiden, stellen die WIR. Gemüseanbauer und BODAN gemeinsam einen Anbauplan fürs Jahr auf.

Nachhaltige Kreisläufe

Was die WIR. Betriebe gemeinsam erreichen wollen, geht aber weit über diese Anbauplanung hinaus. Ziel ist es, nachhaltige Wirtschaftskreisläufe auszubauen und die Akteure – vom Acker bis zum Einkaufskorb – zu verbinden, um die Region für die Zukunft stärken. Dies geschieht auch im Schulterschluss mit den unabhängigen Bioläden, die der Großhändler BODAN mit ökologisch erzeugten Lebensmitteln versorgt. „Wir möchten Verbraucherinnen und Verbraucher dazu inspirieren, die Wirtschaftsstruktur in der Bodenseeregion durch ihre Einkaufsentscheidungen bewusst mitzugestalten und sich als Partner der Obst- und Gemüseerzeuger einzubringen“, sagt BODAN-Geschäftsführer Sascha Damaschun.

Um eine gute Grundlage für gegenseitiges Verständnis und Mitverantwortung zu schaffen, macht das Netzwerk Zusammenhänge in regionalen Wertschöpfungskreisläufen nicht nur transparent, sondern auch direkt erlebbar. Bei Hof-Exkursionen, Acker-Menüs, Kino-Abenden oder Schnibbel-Partys auf dem Wochenmarkt kommen Menschen aus allen Rollen im Wertschöpfungskreislauf miteinander ins Gespräch – mit jeder Menge Lust am Genuss. „Dem Kunden, der im Bioladen Obst und Gemüse in seinen Einkaufskorb legt, ist oft noch gar nicht bewusst, was alles dahinter steckt, welche Menschen, welches Engagement und welche Forschungsarbeit“, sagt Markus Knösel vom Bündnis für biologisch-dynamische Arbeit am Bodensee. Eine wesentliche Qualität beim Austausch im WIR. Netzwerk sei dabei, dass sich „alle Akteure – Anbauer, Händler und Konsumenten – auf Augenhöhe begegnen“, so Markus Knösel.

Kreislaufwirtschaft und Tierwohl

Zu funktionierenden Kreisläufen in der Landwirtschaft gehören natürlich auch die Tiere. So sorgen etwa die Kühe vom Hof Höllwangen, vom Spiesshaldenhof oder von den Hofgütern Rimpertsweiler und Rengoldshausen nicht nur für gute Milch, sondern auch für den Dung, den die Betriebe für die Humus-Bildung im Getreide- und Gemüseanbau brauchen. Für Demeter-Betriebe selbstverständlich: Die Tiere behalten ihre Hörner und haben viel Auslauf auf der Weide. Reichlich Bewegung unter freiem Himmel haben auch die Legehennen auf dem Kapellenhof und dem Hofgut Brachenreuthe, denn sie sind während der gesamten Vegetationsperiode in Mobilställen auf den umliegenden Wiesen unterwegs und picken neben Getreide viel frisches Gras.

Lücken schließen

Inzwischen hat das WIR. Netzwerk begonnen, auch eine kleines Angebot von verarbeiteten Produkten zu entwickeln. Jedes von ihnen bringt einen besonderen Mehrwert, indem es Verwertungslücken schließt und so die Wertschöpfungskreisläufe noch ein bisschen runder macht.

Um Erntespitzen besser zu managen, hat etwa die Hofgemeinschaft Heggelbach in Anlagen zur Gemüseverarbeitung investiert. So gibt’s die aromatische Rote Bete und den Zuckermais aus dem oberen Linzgau nicht nur roh und frisch vom Feld, sondern auch vakuumiert und im eigenen Saft gegart – tafelfertig und ohne jedwede Zusatzstoffe.

Aus sonnenreifen Sommertomaten, die nur sehr begrenzt lagerfähig sind, kocht Markus Bruderhofer in seinem Feinkostbetrieb „Delikat essen“ in Gottmadingen direkt in der Region feine Saucen. Und das gute Fleisch von Demeter-Milchkühen, die im Stall ausgedient haben, wird zu Bodensee-Burger- und Hackfleisch-Patties verarbeitet.

Wertvolle Grundlagenarbeit

„Die WIR. Höfe denken aber über die reine Produktion und Vermarktung der Bio-Lebensmittel hinaus. Sie investieren viel in Naturschutz, Grundlagenarbeit, soziale und innovative Projekte, von denen die Region und die Gesellschaft insgesamt profitieren“, weiß Sascha Damaschun. So setzen sich viele der Betriebe stark für den Erhalt der Bodenfruchtbarkeit ein, durch Kompostwirtschaft, ausgeklügelte Fruchtfolgen oder Pilotprojekte in Zusammenarbeit mit dem Bodenfruchtbarkeitsfonds (www.bodenfruchtbarkeit.bio/). Zwischen den Apfelbaumreihen beim Demeter-Obsthof Brugger bieten großzügige Blühstreifen den Bienen Nahrung. Beim Demeter-Obsthof Bentele in Tettnang bieten weitläufige Hecken Unterschlupf für Wildtiere. Die Gärtnerei Pestalozzi (Magazin-Titelfoto) gehört zum Pestalozzi Kinderdorf in Wahlwies und bietet vielen benachteiligten Jugendlichen eine fundierte Ausbildung. Das Hofgut Rengoldshausen bei Überlingen ist ein Vorreiter in der ökologischen Tierzucht und in der Haltung der aus ihr kommenden Zweinutzenrassen. Durch ein erlebnisreiches Bildungsangebot für Kinder, Jugendliche und Familien direkt auf dem Hof schafft der Hof Verständnis für landwirtschaftliche Zusammenhänge und unterhält mit dem benachbarten Ralzhof einen eigenen Samenbaubetrieb.

Vielfalt für die Zukunft erhalten

Auf dem Ralzhof widmen sich die Pflanzenzüchterinnen Vera Becher und Iris Attrot, der Saatgutvermehrung, Sortenerhaltung und Züchtung neuer Pflanzen. Vera Becher fasst die wichtigsten Züchtungsziele für neue Gemüsesorten so zusammen: Sie müssen gut schmecken, für den Bio-Anbau geeignet sein, also ohne chemisch-synthetische Dünge- oder Pflanzenschutzmittel auskommen, und den sich stark verändernden Umweltbedingungen gewachsen sein. „Denn der Klimawandel mit immer extremeren Witterungslagen führt auch zu einem Wandel im Krankheits- und Schädlingsbefall“, ergänzt Vera Becher. Ein aktuelles Forschungsprojekt, an dem der Ralzhof mitwirkt: Die Züchtung von Batavia-, Kopf- und Eichblattsalaten mit ähnlichem Erscheinungs- und Geschmacksbild, aber unterschiedlichen Genen, die durch gemischten Anbau dem gefürchteten „falschen Mehltau“ Paroli bieten.

Der Arbeit der Pflanzenzüchterinnen vom Ralzhof haben wir unter anderem die orange Spitzpaprika „Lady Lou“ und die weiß-rosa geflammte Freiland-Aubergine „Lea“ zu verdanken. Neue Sorten, die hier in vielen Jahren Zuchtarbeit entstehen, und Saatgut, das auf den Feldern des Ralzhofs vermehrt wird, kommt über die Bio-Saatgutfirmen Bingenheimer Saatgut und Sativa in den Handel. So schließt sich ein weiterer wichtiger Kreis: Alle Sorten, die dort angeboten werden, sind samenfest und frei von Patenten, so dass Bauern aus ihrer Ernte auch das nötige Saatgut für die Folgesaison gewinnen können. Auf diese Weise leisten die Pflanzenzüchterinnen einen wichtigen Beitrag zur Unabhängigkeit der Bio-Landwirte von konzerndominierten Zuchtstrukturen und zum Erhalt der Vielfalt auf den Feldern.