Unterstützung auf Augenhöhe

Unterstützung auf Augenhöhe
Nelly Zeiler (stehend 2. v. l.) ist Autismus-Beauftragte am staatlichen Schulamt in Markdorf. Gemeinsam mit Professorin Dr. Silvia Queri (sitzend 2. v. r.) initiierte sie den Austausch zwischen Schulen und Hochschule. (Bild: RWU, Christoph Oldenkotte)
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Redaktion

RWU vernetzt sich in der Unterstützung von Menschen aus dem autistischen Spektrum mit den Autismus-Beauftragten der umliegenden Schulämter

Weingarten – Von wem lässt man sich gerne beraten? Am ehesten doch von seinesgleichen, auf Augenhöhe. Das ist einer der Kerngedanken, des Peer-Mentoring-Programms an der Hochschule Ravensburg-Weingarten (RWU), mit dem Menschen aus dem autistischen Spektrum der Weg durchs Studium erleichtert werden soll. Die Beteiligten an der RWU trafen sich nun mit den Autismus-Beauftragten der umliegenden Schulämter, um Erfahrungen auszutauschen und Kooperationsmöglichkeiten zu besprechen.

„Als Peers bezeichnen wir Personen einer Qualifikationsstufe“, sagt Professorin Dr. Silvia Queri, die das Projekt an der RWU leitet und für den Studiengang Angewandte Psychologie verantwortlich ist. Es gibt also kein unter- oder übergeordnetes Verhältnis. Unterstützung kommt nicht von hierarchisch übergeordneten Personen oder gar Institutionen, sondern von Menschen, die in derselben Situation sind, die im selben Hörsaal sitzen, dieselbe Vorlesung hören. „Die soziale Integration ist die entscheidende Kerngröße“. Das Peer-Mentoring Programm für Menschen mit Autismus Spektrum Störungen wurde in den vergangenen zwei Jahren entwickelt. Dafür habe man sich mit
ähnlichen Projekten an anderen Standorten ausgetauscht, wie etwa an der Curtin University im australischen Perth oder der TU Dortmund. „Nach der theoretischen
Entwicklungsphase haben wir in den vergangen zwei Semestern begonnen, unserer ersten Mentorinnen und Mentoren auszubilden“, sagt Silvia Queri.

Diese begleiten an der RWU aktuell drei Studierende aus dem autistischen Spektrum. Bereits 2018 war das Projekt an der RWU unter der Leitung von Professorin Dr.
Barbara Niersbach und gefördert vom Wissenschaftsministerium gestartet, um Menschen mit Autismus in die Studiums- und Arbeitswelt zu integrieren. Aus der
hochschuldidaktischen Idee wurde schnell mehr: Es entstand ein an der RWU angesiedeltes Netzwerk aus Studierenden, Professorinnen und Professoren der
verschiedenen Fakultäten, der Hochschule Kempten, dem Autismuszentrum Schwaben, der Stiftung Liebenau und Firmen wie DELL und Auticon. Bei einem
dieser Netzwerktreffen entstand 2020 u.a. die Idee zu dem Peer-Mentoring Programm.

Zu dem Netzwerk kamen nun weitere Personen und Schnittstellen hinzu: Nelly Zeiler ist Autismus-beauftragte am staatlichen Schulamt in Markdorf. Sie nahm
Kontakt zur RWU auf. Und so kamen schließlich sechs Autismusbeauftragte aus den umliegenden Schulämtern Biberach, Albstadt und Markdorf mit den Studierenden
und der Projektleiterin Sivia Queri an der RWU zusammen. Ziel dieses Treffens war es, sich über bisherige Erfahrungen auszutauschen und mögliche Kooperationen auszuloten.

Alle Beteiligten handlungskompetenter machen Drei der Lehrerinnen und Lehrer kamen von allgemeinbildenden Gymnasien, drei von berufsbildenden Schulen. Sie alle sind neben ihrem Beruf als Lehrerin oder Lehrer als Autismus-Beauftragte an den staatlichen Schulämtern tätig. Nelly Zeiler beispielsweis ist am Schulamt Markdorf zuständig für die beruflichen Schulen im Landkreis Ravensburg und im Bodenseekreis. In dieser Funktion geht sie beispielsweise mit Vorträgen in Klassen und Kollegien außerhalb ihrer eigenen Schule. „Leider ist aber, wenn wir gerufen werden, oft schon viel passiert“, sagt Nelly Zeiler. Die Autismus-Beauftragten sind Ansprechpartner für Lehrer, Schüler und Eltern, sie vernetzen mit Schulleitungen sowie mit internen und externen Unterstützungssystemen.

Auf großes Interesse bei dem Treffen an der RWU stießen die Berichte der Studierenden über ihre Erfahrungen aus dem Peer-Mentoring Programm. Je nach
Bedarf treffe man sich alle zwei Wochen für ein bis zwei Stunden, erzählt eine der Mentorinnen. Vieles, was dabei besprochen werde, habe mit organisatorischen
Abläufen zu tun, mit Lern- und Zeitplänen, mit Hilfestellungen bei der Wohnungssuche oder in bürokratischen Dingen.

Ein weiteres Hauptaugenmerk liegt auf der sozialen Integration. In der „Social Group“ finden gemeinsam Aktivitäten statt, es wird gespielt, man geht ins Museum
oder hört gemeinsam einen Vortrag. „Die soziale Integration ist die entscheidende Kerngröße“, betont Silvia Queri. „Das Wirklich-mit-dabei-Sein in der Social Group
ist der stärkste Faktor in dem Programm.“ Auch einer der Betroffenen Studierenden bestätigt das: „Das tut mir sehr gut. Ich hoffe, das hält noch eine Weile an.“ An dieser Stelle betont Silvia Queri die Rolle der Mentorinnen und Mentoren, die gezielt als professionelle Helfer ausgebildet werden.

„Wir machen keine Therapie, wir begleiten ganz konkret im Studienalltag. Nur einem Profi mute ich auch meine Probleme und Sorgen zu, ohne schlechtes
Gewissen zu haben.“ „Barrieren wegschaffen, damit Menschen mit Behinderungen in dieser Welt zurechtkommen.“ Nelly Zeiler sieht die Schwierigkeit in der Begleitung von Menschen aus dem autistischen Spektrum vor allem an den Schnittstellen zwischen den Bildungsinstitutionen. „Man sieht den Leuten das nicht an“, sagt sie. Wenn dann noch keine Diagnose vorliege, erschwere das eine adäquate Begleitung.

Oftmals hätten die betroffenen Kinder und Jugendlichen schon eine lange Leidensgeschichte aufzuweisen. Deshalb sieht Nelly Zeiler eine Hauptaufgabe
darin, alle Beteiligten handlungskompetenter zu machen, vor allem auch die Lehrenden. Die Schnittstelle zwischen den Bildungseinrichtungen war dann auch eine der
ersten Ideen, wie man zukünftig von dem gegenseitigen Wissen an Schulen und Hochschulen profitieren könne. So sei es beispielsweise schwierig für die
Hochschulen, die sogenannten Nachteilsausgleiche wie verlängerte Prüfungszeiten zu bewerten, sagt Silvia Queri.

Da diese von den Schulen jedoch für die einzelnen Personen bereits definiert worden seien, könne sich die Hochschule ggf. daran anlehnen.
Einig waren sich alle Beteiligten darin, dass bestehende Angebote wie das Peer-Mentoring Programm an der RWU stärker in die Schulen wie auch in die
Öffentlichkeit kommuniziert werden müssen. Die Statistik zeige, so Silvia Queri, dass eben nicht die Inklusion, sondern eher die Exklusion zunehme. „Wir müssen
Barrieren wegschaffen, damit Menschen mit Behinderungen in dieser Welt zurechtkommen.“


(Pressemitteilung RWU/Christoph Oldenkotte)