Schüchterne Blase: Wenn auf dem öffentlichen WC nichts geht

Frauen trifft es seltener: Paruresis ist ein Problem, das vor allem Männer kennen.
Frauen trifft es seltener: Paruresis ist ein Problem, das vor allem Männer kennen. (Bild: Franziska Gabbert/dpa-tmn)

Deutsche Presse-Agentur
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Niemand nutzt gern öffentliche Toiletten. Aber manche Menschen können dort kaum einen Tropfen lassen, Männer häufiger als Frauen. Für dieses Phänomen gibt es einen Begriff: Paruresis.

Schüchterne Blase: Was ganz niedlich klingt, kann das Leben arg einschränken. Denn Betroffene können in Anwesenheit von anderen Menschen – zum Beispiel auf öffentlichen Toiletten – nicht urinieren.

Die Folge: Betroffene organisieren ihr Leben um das Problem herum, stellen sich immer wieder die Frage: Wo ist das nächste «sichere» Klo? Sie planen Toilettengänge akribisch oder meiden bestimmte Aktivitäten komplett. Fachleute sprechen dann von Paruresis, einer Störung, die den Angsterkrankungen zugeordnet wird.

Auch wenn die Paruresis kaum bekannt und wissenschaftlich wenig erforscht ist, selten ist sie nicht: Rund drei Prozent der Bevölkerung sind Schätzungen zufolge betroffen, Männer häufiger als Frauen. Das sagt Eva Nadine Striepens, Chefärztin der Christoph-Dornier-Klinik für Psychotherapie in Münster.

Die Dunkelziffer dürfte allerdings höher liegen. Und der Kreis derer, die das Problem zumindest hin und wieder erleben, ist noch größer. Knapp ein Drittel der Männer besuche zumindest gelegentlich erfolglos eine öffentliche Toilette, so Striepens.

Es droht ein Teufelskreis

Die gute Nachricht: Paruresis ist in der Regel gut behandelbar. Doch: «Viele trauen sich nicht, das Problem anzugehen», sagt Striepens, die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie ist. Die Scham ist groß.

Sich Hilfe zu suchen, ist aber wichtig. Denn ansonsten droht ein Teufelskreis, wie die Expertin erklärt: «Oft steht am Anfang eine auslösende Situation, zum Beispiel ein doofer Kommentar auf der Toilette.» Beim nächsten Besuch auf einer öffentlichen Toilette haben Betroffene Angst, dass sich das Ganze wiederholt.

Gerade bei Männern kann dieser Stress dazu führen, dass sie tatsächlich nicht urinieren können, weil ihre Harnröhrenmuskeln einfach nicht entspannen können. In der Folge beginnen sie, bestimmte Toiletten zu vermeiden. Die Folge: Sie können keine neuen, guten Erfahrungen sammeln.

«In schweren Fällen trauen die Betroffenen sich außerhalb ihrer vier Wände kaum etwas zu trinken», sagt Eva Nadine Striepens. Manche betreiben einen großen Aufwand, bevor sie das Haus verlassen. Sie planen, wann sie wie viel trinken können. Oder sie legen fest, wann sie wieder zu Hause sein müssen, um auf Toilette zu gehen.

Einkaufen könne so zu einer großen Herausforderung werden, Freizeitgestaltung sei kaum möglich, auch am Arbeitsplatz kann Paruresis zum Problem werden. «Manche ziehen sich stark zurück und verlassen das Haus kaum noch», sagt Striepens.

Oft bleibt es nicht dabei: «Paruresis tritt nicht selten zusammen mit depressiven Verstimmungen oder Alkoholabhängigkeit auf», weiß Benjamin Dickmann. Er ist Verhaltenstherapeut an der psychotherapeutischen Institutsambulanz der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Dort wurde zu Beginn der 2000er Jahre zur Paruresis geforscht. In der Ambulanz werden auch betroffene Menschen behandelt.

Was es für den Ausweg braucht

Was hilft denn nun gegen eine schüchterne Blase? Im ersten Schritt sollte ein Urologe oder eine Urologin körperliche Erkrankungen als Ursachen ausschließen.

Bei manchen Betroffenen reicht es schon, wenn sie auf einer öffentlichen Toilette etwas mehr Privatsphäre haben. Heißt: Ab in die Kabine statt ran ans Pissoir – sofern es diese Möglichkeit denn gibt.

«Auch wenn es noch Forschungsbedarf gibt, die kognitive Verhaltenstherapie hat sich bewährt», sagt Dickmann. Wie genau die Behandlung dabei aussieht, hängt vom Einzelfall ab. In aller Regel erarbeiten Betroffene gemeinsam mit dem Psychotherapeuten oder der -therapeutin, welche Ängste hinter der Paruresis stecken.

Außerdem wird das Vermeidungsverhalten Schritt für Schritt abgebaut. Das heißt: Betroffene müssen sich selbst mit der angstauslösenden Situation konfrontieren. Ein Beispiel: Jemand möchte andere auf einer öffentlichen Toilette nicht warten lassen und kann dort deshalb nicht pinkeln. So jemand würde in der Therapie immer wieder üben, eine Toilette bewusst zu blockieren, um mit dieser Situation wieder besser umgehen zu können.

Übungen wie diese können helfen, die Angst zu verlieren und alte Muster mit der Zeit abzulegen. So erleben Betroffene, dass sie mit der Situation umgehen können – ein gutes Gefühl. Fachleute sprechen von Selbstwirksamkeit.

Wo Betroffene Hilfe finden

Wer das Gefühl hat, von Paruresis betroffen zu sein, dem empfiehlt Benjamin Dickmann, eine psychotherapeutische Sprechstunde aufzusuchen.

Diese Sitzungen kann man entweder über die Terminservicestellen unter der Telefonnummer 116117 vereinbaren oder über die Praxen direkt. Sie dienen dazu, zeitnah eine psychotherapeutische Einschätzung zu bekommen und abzuklären, ob ein Behandlungsbedarf besteht. Daneben gibt es verschiedene Foren im Internet zum Austausch für Betroffene – zum Beispiel unter www.paruresis.de.