Mehr gewaltbetroffene Männer suchen Hilfe

Mehr gewaltbetroffene Männer suchen Hilfe
Info-Flyer bei der Vorstellung der Nutzungsstatistik der Männergewaltschutzeinrichtungen in Deutschland. (Bild: Joerg Carstensen/dpa)

Deutsche Presse-Agentur

Stalking, Drohungen, Schläge: Vor allem Frauen leiden in Deutschland unter häuslicher Gewalt. Doch auch Männer sind betroffen. Gesprochen wird darüber nur wenig. Dabei zeigt eine neue Statistik, dass der Bedarf an Hilfsangeboten steigt.

Aus Scham hat Gary Clark bis heute fast niemandem aus seinem privaten Umfeld davon erzählt, was ihm passiert ist – nicht von den monatelangen Demütigungen, nicht von dem Stalking und auch nicht vor der Sorge, dass ihm seine damalige Partnerin etwas antun könne.

«Ich habe mich so geschämt», sagt der 63-Jährige heute. Mit der Unterstützung von Bekannten schaffte er es im Frühjahr dieses Jahres, aus der gemeinsamen Wohnung zu fliehen und fand Schutz in einer Gewaltschutzeinrichtung für Männer.

Das Thema löst Irritationen aus

So wie Clark suchen sich immer mehr Männer, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, Hilfe. Das zeigt die Nutzungsstatistik für Männerschutzeinrichtungen, die die Bundesfach- und Koordinationsstelle Männergewaltschutz (BFKM) am Freitag in Berlin vorstellte. Demnach stieg 2022 die Zahl der Hilfeanfragen in Männerschutzeinrichtungen um etwa zwei Drittel von 251 im Jahr 2021 auf 421. Von den Hilfesuchenden konnten 99 in einer der bundesweit zwölf Schutzwohnungen untergebracht werden. Von diesen Betroffenen brachten neun Männer zusammen 13 Kinder mit in die Einrichtungen.

«Gewaltbetroffenheit von Männern in Partnerschaften ist nach wie vor etwas, was eher Irritationen auslöst, wenn man darüber spricht», sagt Dag Schölper, Geschäftsführer des Bundesforum Männer bei der Vorstellung der Ergebnisse. Beim Thema häusliche Gewalt spreche man oft über männliche Täter, selten aber über männliche Opfer.

Laut dem Lagebild zur häuslichen Gewalt des Bundeskriminalamts (BKA) waren im vergangenen Jahr 76,3 (150 633) Prozent der Tatverdächtigen männlich. Bei den Opfern machten Männer einen Anteil von 28,9 Prozent (69 471) aus. Leicht höher lag die Zahl bei männlichen Opfern innerfamiliärer Gewalt lediglich bei Kleinkindern – in der Altersgruppe bis sechs Jahre – mit 3192 betroffenen Jungen und 2993 betroffene Mädchen.

Hilfe suchen kostet oft Überwindung

Auch wenn die Zahl der männlichen Betroffenen bei den Erwachsenen deutlich geringer ist, sollte ihnen die gleiche Unterstützung zustehen, fordern die BKFM-Vertreter. Laut der Nutzungsstatistik der Schutzwohnungen berichten mit 97 Prozent fast alle der Männer von psychischer Gewalt wie Beschimpfungen, Stalking, Streits oder Grenzüberschreitungen. Fast drei Viertel waren zudem betroffen von körperlicher Gewalt. Berichtet wurde auch von ökonomischer, sozialer und sexualisierter Gewalt.

Partnerinnen oder Partner waren mit 45 Prozent in den meisten Fällen für die Gewalt verantwortlich. Als Täterinnen und Täter sind aber auch Elternteile (20 Prozent), Geschwister (6,1) oder Menschen aus der Nachbarschaft (5,2) aufgeführt.

Gary Clark konnte durch einen Platz in einer Schutzwohnung der monatelangen Gewalt endlich entfliehen. «Ich war 24 Stunden am Tag mit ihr zusammen», sagt er über das Leben mit seiner ehemalige Partnerin. Er habe kein Auto und kein eigenes Einkommen gehabt. «Ich war unter ihrer Kontrolle.» Wenn er einen Spaziergang durchs Dorf machte, folgte die Frau ihm mit dem Auto. Schon bevor sie sich kennenlernten, habe sie ihn gestalkt, wie er später herausfand. Bei einer Nacht-und-Nebel-Aktion, wie er erzählt, sei er aus der Wohnung geflohen. Dabei nahm er nur die Klamotten mit, die er trug, alles andere ließ er zurück. Seine persönlichen Sachen hat er bis heute nicht bekommen. Seine Ex-Partnerin will sie ihm nur gegen Geld zuschicken, immer noch schickt sie ihm regelmäßig Drohungen per Chat-Nachrichten. «Meine Sachen sind wie Geiseln», sagt der 63-Jährige.

Hilfe zu suchen, sei für ihn eine große Überwindung gewesen. In seinem Heimatland Kanada sei er in einem konservativem Umfeld auf dem Land ausgewachsen. Er sei mit der Einstellung groß geworden, dass Männer keine Schwäche zeigen dürften. Noch heute schäme er sich für seine Situation, es fällt ihm sichtlich schwer darüber zu sprechen. «Ich habe mir zu lange die Schuld gegeben.»

Viele Männer empfinden Schamgefühle oder haben ein mangelndes Bewusstsein dafür, dass ihnen Gewalt angetan wird, sagt Jana Peters von der BFKM. Nur wenige Männer unter 20 Jahren suchten laut der Auswertung vergangenes Jahr Schutz in einer der Wohnungen, obwohl der höchste Anteil männlicher Opfer laut BKA unter 21 Jahre alt ist. Peters nannte als mögliche Erklärung, dass aufgrund von Keilereien auf der Straße oder etwa Schlägereien im Fußballstadion Gewalt für einige einfach dazu gehöre. Das könne dazu führen, dass häusliche Gewalt nicht als solche wahrgenommen werde. Bei der Sensibilisierung dafür hätten Männer Nachholbedarf.

Laut Frank Scheinert, geschäftsführender Bildungsreferent beim BFKM, ist es daher wichtig, deutlich zu machen: «Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern eher von Stärke, sich entweder Beratung zu holen oder vielleicht sogar eine Schutzunterkunft zu nutzen, um zur Ruhe zu kommen und eine neue Lebensperspektive aufzubauen.»

Um mehr Männern diese Möglichkeit zu geben und den Bedarf zu decken, braucht es laut Scheinert 67 zusätzliche Männerschutzwohnungen – mindestens drei bis fünf Einrichtungen pro Bundesland. Derzeit stünden deutschlandweit 41 Plätze für Männer und ihre Kinder zur Verfügung. In elf Bundesländer gibt es demnach gar kein entsprechendes Angebot.

Von Gewalt betroffene Männer können sich auf www.ohne-gewalt-leben.de über Hilfsangebote informieren.