Bilanz nach zwei Monaten Let them be kids: Greift Australiens Social-Media-Verbot?

Let them be kids: Greift Australiens Social-Media-Verbot?
Viele soziale Netzwerke sind für Unter-16-Jährige in Australien seit Dezember tabu. (Bild: Rick Rycroft/AP/dpa)
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Deutsche Presse-Agentur
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Handy aus, Kindheit zurück? Ganz so einfach ist es nicht. Zwei Monate nach dem Social-Media-Verbot für Jugendliche fällt die Bilanz in Australien gemischt aus. Dennoch findet die weltweite Premiere zunehmend Nachahmer.

Von den Küsten Queenslands bis in den Busch des Northern Territory hat sich in den vergangenen Wochen in Australien etwas Ungewöhnliches bemerkbar gemacht: Smartphones bleiben morgens häufiger unbeachtet auf dem Küchentisch liegen, Kinder scrollen deutlich weniger und der familiäre Austausch nimmt wieder zu. Zumindest in manchen Haushalten – längst nicht überall.

Zwei Monate sind vergangen, seit Australien am 10. Dezember 2025 als erstes Land weltweit ein generelles Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige eingeführt hat. Die Regierung begründete diesen weitreichenden Schritt damit, Kindern ihre Kindheit zurückgeben zu wollen und sie vor Cyber-Mobbing sowie dem Konsum verstörender Inhalte zu schützen. Inzwischen wollen immer mehr europäische Länder dem australischen Beispiel folgen.

„Let them be kids“

Zur Einführung der Regelung leuchtete in Down Under sogar der Kampagnen-Slogan „Let them be kids“ (Deutsch etwa: Lasst Kinder einfach Kinder sein) auf den Pfeilern der ikonischen Sydney Harbour Bridge. Und tatsächlich berichtet zumindest die Regierung, dass sich der Alltag seitdem spürbar verändert habe.

Am Tag der Einführung strahlte sogar von der Sydney Harbour Bridge der Slogan «Let them be kids». (Foto: Mick Tsikas/AAP/dpa)
Am Tag der Einführung strahlte sogar von der Sydney Harbour Bridge der Slogan «Let them be kids». (Foto: Mick Tsikas/AAP/dpa)

„Junge Menschen haben diese Schulferien nicht an ihren Geräten verbracht, sondern sind Fahrrad gefahren, haben Bücher gelesen und Zeit mit Freunden und Familie verbracht“, jubelte Premierminister Anthony Albanese zum Ende der Weihnachtsferien im Januar. Soziale Medien hatte der 62-Jährige zuvor einmal als „Geißel der heutigen Gesellschaft“ bezeichnet. Dennoch fallen die Reaktionen gemischt aus – und viele Fragen sind weiterhin offen.

Worum geht es und wer ist betroffen?

Das Gesetz wurde Ende 2024 verabschiedet. Die Plattformen erhielten zwölf Monate Zeit, um sich auf die neuen Altersbeschränkungen einzustellen. Bei Verstößen drohen den Unternehmen Bußgelder von bis zu 49,5 Millionen australischen Dollar (28,5 Millionen Euro).

Unter die neuen Regelungen fallen unter anderem Instagram, Tiktok, Snapchat, Facebook, YouTube, X, Reddit und Twitch. Ausgenommen sind verschiedene Messenger- und Spieledienste wie Roblox, WhatsApp und Facebook Messenger.

Millionen Konten deaktiviert

Im Januar teilte die Regierung mit, dass seit Inkrafttreten bereits mehr als 4,7 Millionen Konten von Kindern und Jugendlichen deaktiviert, gelöscht oder eingeschränkt worden seien. Allein Snapchat blockierte nach eigenen Angaben bis Ende Januar 415.000 Konten.

Snapchat hat nach eigenen Angaben in Australien 415.000 Accounts blockiert. (Symbolbild: Patrick Seeger/dpa)
Snapchat hat nach eigenen Angaben in Australien 415.000 Accounts blockiert. (Symbolbild: Patrick Seeger/dpa)

Die Messenger-App hatte im Dezember Hunderttausende Nutzerinnen und Nutzer dazu aufgefordert, ihr Alter nachzuweisen. Dies war unter anderem über ein australisches Bankkonto, über Dokumente wie Pass oder Führerschein oder per Altersabschätzung mithilfe von Gesichtserkennung möglich.

Wie Jugendliche das Gesetz umgehen

Eltern berichten jedoch, dass die meisten Teenager schnell Wege gefunden hätten, das Verbot zu umgehen. „Ich habe Zwillinge, und es hat sich nichts Bedeutsames geändert – außer, dass die Regierung sich selbst feiert“, schrieb eine frustrierte Mutter vor wenigen Tagen in einem Kommentar auf Instagram. Die neuen Regeln hätten nur bei einigen Kindern und Jugendlichen Wirkung gezeigt. „Die meisten waren direkt wieder online und haben sich einen neuen Account zugelegt“, erzählte sie.

Auch die Gesichtserkennung zur Altersüberprüfung lasse sich im wahrsten Sinne des Wortes kinderleicht umgehen, berichten Teenager. „Reddit“ zitierte in einem Beitrag einen 15-Jährigen mit den Worten: „Ich habe in die Kamera geschaut, die Stirn ein wenig gerunzelt, und schon hieß es, ich sei über 16.“

Eine Mutter sagte dem Sender ABC: „Ich habe eine zwölfjährige Tochter. Sie und ihre Freundinnen wurden allein durch das Tragen von künstlichen Wimpern und Make-up als Über-17-Jährige eingestuft.“ Andere lassen sich von älteren Geschwistern helfen, die für sie in die Kamera schauen. „Ich dachte, die Sperre wäre viel strenger, aber letztendlich war es total entspannt, es ist einfach so gut wie nichts passiert“, sagte der 14-jährige Adyan der ABC.

„Unfassbar dumm und schädlich“

In einem weiteren Kommentar auf Reddit schrieb ein Teenager, soziale Medien seien „eines der größten, einfachsten und beliebtesten Mittel für Jugendliche, ihre Meinung zu äußern“. Das Verbot bringe diese Stimmen zum Schweigen und ignoriere die Meinungsfreiheit junger Menschen. Das Gesetz sei „unfassbar dumm, fehlerhaft und schädlich“, empörte sich der jugendliche Autor.

Auch viele Lehrkräfte zeigen sich unzufrieden und fühlen sich mit den Folgen des Gesetzes weitgehend alleingelassen. Eine Umfrage unter mehr als 400 Lehrerinnen und Lehrern ergab, dass sich die meisten nicht ausreichend darauf vorbereitet fühlen, mit den Auswirkungen des Verbots im Schulalltag umzugehen.

YouTube wird an Schulen weiter genutzt

Mehr als 80 Prozent der Befragten gaben an, YouTube zu Unterrichtszwecken zu verwenden. Das Verbot von Konten steht damit im Widerspruch dazu, dass Teile der Plattform weiterhin im Klassenraum genutzt werden können. Nach Ansicht der Mehrheit mangelt es vor allem an klaren Richtlinien.

Premier Albanese hatte von Beginn an darauf hingewiesen, dass Veränderungen nicht von heute auf morgen eintreten – und dass das Gesetz keineswegs perfekt sei. „Genau wie beim Alkoholverbot für unter 18-Jährige bedeutet das nicht, dass jemand unter 18 Jahren niemals Zugang dazu hat – aber wir wissen trotzdem, dass es der richtige Schritt war“, sagte er.

Premier Anthony Albanese hatte das kontroverse Gesetz maßgeblich vorangetrieben. (Foto: Lukas Coch/AAP/dpa)
Premier Anthony Albanese hatte das kontroverse Gesetz maßgeblich vorangetrieben. (Foto: Lukas Coch/AAP/dpa)

„Auch wenn es noch zu früh ist, die langfristigen Folgen des Verbots abzuschätzen, ist eines bereits klar: Als demokratische Übung, als kulturelle Bewegung und als Test dafür, ob glaubwürdige Regulierung das Verhalten von Plattformen verändern kann, erfüllt das australische Social-Media-Verbot bisher seinen Zweck“, fasste der Kommunikations- und Medienforscher Timothy Koskie kürzlich in einem Kommentar der ABC die Lage zusammen.

In Deutschland hatte im vergangenen Jahr eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov ergeben, dass sich mehr als 70 Prozent der Menschen ein Mindestalter für den Zugang zu sozialen Medien wünschen. Gleichzeitig planen andere Länder bereits konkrete Schritte. Einige Beispiele:

Spanien

Regierungschef Pedro Sánchez kündigte vor wenigen Tagen an, nach dem Vorbild Australiens ein Verbot sozialer Medien für alle unter 16-Jährigen einführen zu wollen. Er verglich soziale Medien mit einem „gescheiterten Staat, in dem Gesetze missachtet und Verbrechen toleriert“ würden. X-Eigentümer Elon Musk reagierte darauf mit einer Beleidigung und schrieb in einem Post mit Kackhaufen-Emoji: „Der dreckige Sánchez ist ein Tyrann und ein Verräter des spanischen Volkes.“

Dänemark

Die dänische Regierung hatte im November angekündigt, für soziale Medien ein Mindestalter von 15 Jahren einführen zu wollen. Eltern sollen jedoch die Möglichkeit erhalten, ihren Kindern bereits ab 13 Jahren die Anmeldung zu erlauben. Dem Sender DR zufolge soll das Gesetz noch in diesem Jahr im Parlament verabschiedet werden.

Großbritannien

Zuletzt stimmte das britische Oberhaus bereits für eine entsprechende Gesetzesänderung. Die endgültige Entscheidung liegt jedoch beim von der Regierungspartei Labour dominierten Unterhaus, das sich bislang zurückhaltend zeigt. In einer dreimonatigen Konsultationsphase sollen zunächst Vor- und Nachteile abgewogen werden.

Frankreich

In Paris gibt es bereits konkretere Pläne. Für Unter-15-Jährige sollen bestimmte soziale Netzwerke künftig tabu sein, während Wissenschafts- und Bildungsplattformen davon ausgenommen bleiben sollen. Präsident Emmanuel Macron möchte das Verbot zum Beginn des nächsten Schuljahres im September in Kraft setzen. Eine Herausforderung besteht jedoch darin, eine Regelung zu finden, die mit der europäischen Rechtslage vereinbar ist. Vor einigen Jahren scheiterte Frankreich bereits daran, ein Mindestalter von 15 Jahren für eigene Social-Media-Konten einzuführen.

EU

Die Europäische Union plant derzeit kein solches Verbot. Das Parlament sprach sich für ein EU-weites Mindestalter von 16 Jahren aus. Jugendliche ab 13 Jahren könnten nach Vorstellung der Abgeordneten unter elterlicher Aufsicht soziale Netzwerke nutzen. Der verabschiedete Bericht ist jedoch nicht bindend.

Die EU-Kommission stellt zudem eine technische Vorlage für einen neuen digitalen Alterscheck zur Verfügung, der verhindern soll, dass Kinder und Jugendliche in der EU auf Pornografie und andere nicht altersgerechte Inhalte zugreifen. Das System wird derzeit in fünf Ländern getestet.

Unabhängig davon prüft die Brüsseler Behörde aktuell, ob mehrere Tech-Plattformen ausreichend für den Jugendschutz tun. Nach vorläufigen Ergebnissen verstößt die Kurzvideo-App Tiktok gegen europäisches Recht, wie am Freitag bekannt wurde. Das automatische Abspielen von Videos ohne Unterbrechung sowie stark personalisierte Empfehlungen gelten demnach als suchtfördernd. Dem Unternehmen droht nun eine Geldstrafe. Tiktok weist den Bericht zurück.

Dieser Beitrag wurde unter Mitwirkung eines KI-Systems erstellt und von der Redaktion geprüft.