Energie EU einig über Komplettverzicht auf Gas aus Russland

EU einig über Komplettverzicht auf Gas aus Russland
Die EU will unabhängiger von russischem Gas werden - und weniger erpressbar. (Archivbild: Philipp von Ditfurth/dpa)

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Deutsche Presse-Agentur
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Die starke Abhängigkeit von russischen Energieimporten wurde der EU zum Problem. Als Konsequenz aus dem Ukraine-Krieg bereitet sich die Union nun darauf vor, spätestens in zwei Jahren komplett auf Gas aus Russland zu verzichten.

Die Europäische Union will bis spätestens Ende 2027 vollständig unabhängig von russischem Erdgas werden. Darauf haben sich Vertreter der Mitgliedstaaten und des Europaparlaments vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs verständigt.

Geplant ist, die Einfuhr von russischem Pipelinegas auf Basis langfristiger Verträge spätestens zum 1. November 2027 zu beenden. Für Binnenstaaten soll es Ausnahmen geben: Sie dürfen nach Abschluss kurzfristiger Verträge noch zwei Monate länger Gas aus Russland beziehen. Ein Importverbot für russisches Flüssigerdgas (LNG) soll – gemäß dem 19. Sanktionspaket – bereits ab Januar 2027 greifen.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sprach am Morgen von einem historischen Moment. «Dies ist der Beginn einer neuen Ära, der Ära der vollständigen Energieunabhängigkeit Europas von Russland,» erklärte die deutsche Politikerin. Die EU habe die schwerste Energiekrise seit Jahrzehnten überstanden. Auch der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), Fatih Birol, betonte: «Europa zieht einen Schlussstrich unter eine Geschichte, die vor über einem halben Jahrhundert begann.»

Noch kein Ausstiegsplan für russisches Öl

Für die russischen Öllieferungen nach Slowakei und Ungarn soll die EU-Kommission im kommenden Jahr einen Plan vorlegen, um auch dort bis Ende 2027 auszusteigen. Diese beiden Länder sind die einzigen EU-Staaten, die weiterhin Rohöl aus Russland beziehen und zudem stark von russischen Gasimporten abhängig sind. Wiederholt haben sie weitreichende Unterstützungsmaßnahmen für die Ukraine blockiert.

Die neuen Vorschriften sollen die bereits bestehenden Sanktionen mit weiteren Importbeschränkungen ergänzen. Ziel ist, die EU langfristig unabhängiger von russischen Energieimporten zu machen und der Rohstoffmacht Russland die Finanzierung des Angriffskriegs gegen die Ukraine zu erschweren.

Die Einigung soll zudem rechtliche Klarheit schaffen. Da bestehende Sanktionen alle sechs Monate einstimmig verlängert werden müssen, sollen die neuen Regelungen dauerhaft gelten.

Allerdings gibt es eine Sicherheitsklausel: Sollte die Versorgungssicherheit eines oder mehrerer EU-Staaten ernsthaft bedroht sein, kann die EU-Kommission Ausnahmen erlauben. Nur im Falle eines ausgerufenen Notstands dürfen zeitlich begrenzte Gaslieferungen aus Russland gestattet werden.

Russland erzielt weiterhin hohe Einnahmen durch Energieexporte

Trotz fast vier Jahren Krieg verdient Russland mit Energieexporten in die EU weiterhin Milliarden. 2024 importierten EU-Staaten offiziellen Zahlen zufolge noch 52 Milliarden Kubikmeter russisches Gas – rund ein Fünftel aller Einfuhren. Dazu kamen 13 Millionen Tonnen Rohöl sowie mehr als 2.800 Tonnen Uran in angereicherter Form oder als Brennstoff.

Im ersten Halbjahr 2025 kaufte die EU laut Eurostat Flüssigerdgas im Wert von fast 4,5 Milliarden Euro aus Russland. Im Jahr zuvor wurden natürliches und verarbeitetes Gas für 15,6 Milliarden Euro aus Russland eingeführt. Zum Vergleich: Gas aus den USA hatte 2024 einen Wert von 19,1 Milliarden Euro.

Importstopp soll Verbraucher kaum belasten

Einer Analyse der EU-Kommission zufolge gefährdet der vollständige Verzicht auf russisches Gas die Versorgungssicherheit nicht. Der Weltmarkt biete genügend Alternativen. Daher müssten Verbraucher auch keine deutlichen Preissprünge befürchten.

Die CDU-Europaabgeordnete Andrea Wechsler lobte die Vereinbarung. Sie sorge dank strenger Herkunftskontrollen für Transparenz, und zusätzliche Maßnahmen würden sicherstellen, dass mögliche Umgehungen – etwa über indirekte Lieferwege – früh erkannt und gestoppt werden.

Die EU plant, die Importverbote auf Grundlage des europäischen Handels- und Energierechts umzusetzen. Im Juni hatte die EU-Kommission entsprechende Vorschläge gemacht. Die erzielte Einigung muss nun noch offiziell vom Europaparlament und den Mitgliedstaaten bestätigt werden.