Kriminalität Tötungsdelikte in Partnerschaft und Familie im Blick

Tötungsdelikte in Partnerschaft und Familie im Blick
Die Polizei geht der Frage nach, ob Tötungsdelikte frühzeitig im Vorfeld erkannt werden können. (Bild: pixabay)
WOCHENBLATT
Redaktion

Ravensburg (ots) – Den Daten der Polizeilichen Kriminalstatistik zufolge wurden allein im Jahr 2020 in Deutschland 139 Frauen und 30 Männer von ihren aktuellen oder früheren Partnern und Partnerinnen getötet; hinzu kommt ein Mehrfaches an Fällen, in denen die Betroffenen solche Tötungsversuche oftmals nur knapp überlebt haben.

Immer wieder wird dann die Frage aufgeworfen, ob derartige Taten nicht hätten früher erkannt und durch rechtzeitiges Eingreifen – z.B. der Polizei – verhindert werden können. Tötungsdelikte in intimen Beziehungen und ihre mögliche Früherkennung sowie Verhinderung stehen nun im Fokus des im Mai 2022 gestarteten Forschungsprojekts „Polizeiliche Gefährdungsanalysen zu Tötungsdelikten in Partnerschaft und Familie“ (GaTe). Tötungen von Partnerinnen oder Partnern, sogenannte Intimizide, sind zumeist nicht spontane „Kurzschlusshandlungen“ oder plötzliche „Eifersuchtsdramen“.

Vielmehr stellen sie in der Regel tragische Schlusspunkte längerer Konflikte dar, die auch im Verhalten und in Äußerungen von Tätern bzw. Täterinnen zum Ausdruck kommen können. Das Forschungsprojekt GaTe untersucht solche Hinweise auf eine möglicherweise bevorstehende Tat und greift dabei auf Erkenntnisse aus der Forschung zu anderen schweren Gewaltformen (Amoktaten, terroristische Anschläge) zurück, die gezeigt haben, dass die späteren Täter und Täterinnen im Vorfeld fast immer ein sogenanntes Leaking zeigen. Dazu gehört z.B. die Androhung einer Tat ebenso wie tatbezogene Äußerungen oder auffällige Änderungen im Verhalten.

Leaking kann ein zentraler Ansatzpunkt für die Prävention von Intimiziden sein

Ziel des vom Ravensburger Polizeipräsidenten Uwe Stürmer koordinierten Forschungsprojekts ist es, durch eine Verbesserung des Erkennens und der Bewertung von Leaking und anderen Warnsignalen die Gefährdungsanalyse und das Gefahrenmanagement in Bezug auf solche folgenschweren Taten erfolgreicher zu machen und so letztlich Intimizide zu verhindern. Im Rahmen des Projekts wird zum einen untersucht, auf welche Weise, mit welchen Mitteln und mit welchem Erfolg Polizeibehörden in Deutschland bislang versuchen, hochriskante Beziehungskonstellationen zu erkennen und wie sie mit den erkannten Gefährdungen umgehen.

Zum anderen werden auf der Basis von Justizakten aus einschlägigen Strafverfahren versuchte und vollendete Tötungsdelikte sowohl in bestehenden Partnerschaften als auch in Ex-Partnerschaften detailliert mit Blick auf ihre Vorgeschichte und mögliches Leakingverhalten analysiert. Auch durch Vergleiche mit weiteren Fällen aus dem Bereich von Beziehungskonflikten und -gewalt werden Kriterien herausgearbeitet, anhand derer die Bewertung der Ernsthaftigkeit von Tatankündigungen möglich ist. Die Erkenntnisse aus der Studie werden in ein praxisgerechtes Schulungskonzept umgesetzt, das im Rahmen des Projekts erprobt und im weiteren Verlauf auch allen Länderpolizeien für ihre Gefährdungsanalysen zur Verfügung gestellt wird.

Das Projekt wird im Rahmen des Forschungsprogramms „Anwender-Innovativ: Forschung für die zivile Sicherheit II“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert.

(Pressemitteilung: Polizeipräsidium Ravensburg)