Studien zur sexuellen Vielfalt im Unterricht gefordert

Studien zur sexuellen Vielfalt im Unterricht gefordert
Regenbogenfahnen wehen bei einer Demonstration. (picture alliance / Gregor Fischer/dpa/Symbolbild)
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Redaktion

Stuttgart (dpa/lsw) – Der Lesben- und Schwulenverband (LSVD), die Bildungsgewerkschaft GEW in Baden-Württemberg und die Grünen im Landtag fordern Studien zum Thema sexuelle Vielfalt an Schulen. Gut fünf Jahre nach den Protesten gegen eine Bildungsplanreform und der Einführung der sogenannten Leitperspektive «Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt», die an allgemeinbildenden Schulen für alle Fächer gelten soll, sehen sie große Defizite bei der Umsetzung.

Für Lehrer gebe es kaum Hilfen, kritisierte die GEW. Das Thema habe auch bei den Fortbildungen zur Einführung der Bildungspläne keine Rolle gespielt. Daher sei umgehend eine fundierte Evaluation wichtig. Nicht akzeptabel sei, dass weder in einem Leitfaden Demokratiebildung noch in einer Broschüre zur Gewalt- und Mobbingprävention Themen zu Homo-, Bi-, Trans- und Intersexuellen sowie Transgender und Queeren (LSBTTIQ) Erwähnung fänden. «Dies ist vor dem Hintergrund der eindeutigen Forschungsbefunde, dass sexuelle und geschlechtliche Identität ein wesentlicher Diskriminierungsgrund an Schulen sei, nicht nachvollziehbar», beklagt die Gewerkschaft.

«Schwule Sau darf nicht länger eines der am meisten benutzten Schimpfwörtern auf deutschen Schulhöfen sein», sagte GEW-Landeschefin Monika Stein. Um das Thema kompetent behandeln zu können, bräuchten Lehrer dringend Schulungen, Materialien, Beispiel-Curricula und Medienlisten sowie Kooperationen mit außerschulischen Projekten.

Die Grünen-Abgeordnete Brigitte Lösch hält eine Studie für sinnvoll, die die Situation von Jugendlichen an Schulen untersucht. «Denn wo fundierte Informationen vorliegen, können wir gezielt handeln», sagte die Sprecherin der Fraktion für Belange von LSBTTIQ und Vorsitzende des Bildungsausschusses. Schulpsychologen und Beratungslehrer bräuchten dringend eine Handreichung zum Umgang mit LSBTTIQ. «Das Projekt lag im Kultusministerium jahrelang auf Eis. Das zeigt doch, welch geringen Stellenwert das Thema für die Kultusministerin hat.»

Es sei wichtig, LSBTTIQ-Lebensweisen auch in der Schule sichtbar zu machen. «Das Gespräch darüber im Unterricht kann klarmachen: Ja, es gibt Menschen, die das gleiche Geschlecht lieben. Ja, es gibt Kinder, die mit einem Geschlecht aufwachsen, in dem sie sich nicht heimisch fühlen», sagte Lösch. Das sei wichtig gegen Vorurteile und Mobbing.

Nach Auskunft des Ministeriums soll in Kürze eine Handreichung für Schulpsychologen und Beratungslehrer fertig sein. Ferner seien Schulpsychologen zu sexueller Vielfalt und Identität fortgebildet worden, um auch Lehrer bei solch sensiblen Fragen zu unterstützen. Wegen Corona sei allerdings ein Lehrgang dazu abgesagt worden.

Als die grün-rote Vorgängerregierung mit einem neuen Bildungsplan regeln wollte, dass im Unterricht stärker über das Thema sexuelle Vielfalt gesprochen wird, hatte dies 2015/16 heftige Proteste ausgelöst. Das Aktionsbündnis «Für Ehe und Familie – Stoppt Gender-Ideologie und Sexualisierung unserer Kinder!» rief zu «Demos für alle» auf. Gegendemonstranten unterstützten die Politik zur Gleichstellung von Homo- und Heterosexuellen. In den Bildungsplänen heißt es inzwischen unter anderem, Schüler könnten sich «mit verschiedenen Formen von Liebe und Sexualität im Spannungsfeld von Freiheit, Verantwortung und Selbstbestimmung auseinandersetzen».

Kerstin Fritzsche aus dem LSVD-Vorstand sagte: «Wir wissen überhaupt nicht, ob das umgesetzt wird.» Es gebe immer wieder Hinweise, dass es nicht so sei. Um das zu überprüfen, brauche es eine Studie. «Die Vermutung liegt nahe, dass sich nichts verbessert hat», so Fritzsche. Auch hätten Schüler und Lehrer nach wie vor Angst, sich zu outen.