Verstappen entreißt in irrem Finale Hamilton WM-Titel

Max Verstappen aus den Niederlanden vom Team Red Bull jueblt über seinen Sieg in Abu Dhabi und den WM-Titel.
Max Verstappen aus den Niederlanden vom Team Red Bull jueblt über seinen Sieg in Abu Dhabi und den WM-Titel. (Bild: Kamran Jebreili/AP POOL/dpa)

WOCHENBLATT
WOCHENBLATT

Was für ein Thriller! Auf den letzten Kilometern einer unglaublichen Formel-1-Saison fängt Max Verstappen in Abu Dhabi Lewis Hamilton noch ab. Verstappen ist erstmals Weltmeister.

Abu Dhabi (dpa) – Die unbändigen Jubelschreie von Max Verstappen übertönten das krachende Feuerwerk über dem Abendhimmel von Abu Dhabi.

In einem Nerven-Finale, das einer unfassbaren Saison noch einmal die Krone mit der Entscheidung auf der allerletzten Runde aufsetzte, sicherte sich der 24-jährige Niederländer zum ersten Mal in seiner Karriere den Titel. «Es ist unglaublich, ich habe das ganze Rennen gekämpft. Es ist verrückt», stammelte Verstappen nach seinem zehnten Saisonsieg und suchte nach Worten. «Ich hatte Glück.»

Entscheidung auf der letzten Runde

Ergriffen und überglücklich nahm Vater Jos den neuen Champion in die Arme, bei der Siegerehrung kämpfte er mit den Tränen. Teamchef Christian Horner machte Verstappen eine Liebeserklärung. Der auf tragische Weise auch durch einen völlig verrückten Rennverlauf geschlagene Lewis Hamilton verharrte erstmal regungslos in seinem Mercedes, ehe er seinem Rivalen fair gratulierte. «Sprachlos, Lewis, einfach sprachlos», funkte sein Renningenieur Pete Bonnington.

In der Box war Mercedes-Teamchef Toto Wolff außer sich – bis wenige Runden vor Schluss hatte Hamilton klar auf Titelkurs gelegen. Nach einer Safety-Car-Phase und mit frischen Reifen fing Verstappen in einem Herzschlag-Finale Hamilton aber noch auf der letzten Runde ab und vereitelte den achten WM-Triumph des Briten. Dritter wurde Carlos Sainz im Ferrari.

Höchste Eskalationsgefahr vor dem Finalrennen

«Zuerst Gratulation an Max und sein Team. Sie haben einen großartigen Job gemacht», lobte Hamilton den 34. Weltmeister der Königsklasse-Geschichte. Mercedes sicherte sich immerhin zum achten Mal am Stück die Konstrukteurs-WM.

Es war ein Jahr der Grenzerfahrung. Die Formel 1 steuerte durch die nächste Corona-Saison – und in Verstappen vs. Hamilton fand sie das atemloseste Titelduell seit Jahren. In den 259 Tagen seit dem Start der Saison in Bahrain bekämpften sich die Ausnahmepiloten knallhart auf dem Asphalt – auch auf dem Yas Marina Circuit. Gift wurde versprüht zwischen dem niederländischen Frühreifen, 2016 in Spanien mit 18 Jahren und 228 Tagen jüngster Grand-Prix-Gewinner, und dem Formel-1-Aushängeschild aus England.

Silverstone, Monza, Dschidda – es krachte auch zwischen Verstappen und Hamilton. Vor dem Finale herrschte höchste Eskalationsgefahr: Crasht sich Verstappen zum ersten Titel? Die Ausgangslage war klar: Fallen beide punktgleichen Fahrer aus, wäre der Red-Bull-Mann wegen der höheren Zahl der Saisonsiege erstmals Weltmeister. «In 10, 20 Jahren werden die Leute auf diese WM zurückschauen und sich daran erinnern – ich auch», meinte Verstappen über das Duell.

Frühe Attacken

Erstmals seit 1974 rasten zwei Piloten punktgleich ins Finale. Verstappen hob das Spannungslevel mit seiner Fabel-Pole am Samstag sogar nochmal an, Hamilton lauerte direkt dahinter. Dann dieser Start des Briten! Hamilton schoss förmlich davon, Verstappen rollte nur langsam los – eine Zehntelsekunde in der Reaktionszeit war nach dem Erlöschen der Roten Ampeln entscheidend.

Schon auf der ersten Runde in Kurve sechs attackierte der Niederländer am Limit, bremste extrem spät und ließ seinem Rivalen keinen Platz. Der Engländer musste den Kurs verlassen. Erst beklagte sich Verstappen, dass Hamilton die Strecke verlassen habe. Dann beklagte sich Hamilton, dass ihn Verstappen rausgedrängt habe. «Das ist unglaublich», schimpfte Verstappen. Er sah sich nicht ansatzweise mitschuldig und flüchtete sich in die Opferrolle.

Nach einem Bremsplatten in der Qualifikation ging Verstappen mit der weichsten Reifenmischung ins Rennen. Diese ist zwar schneller, baut aber auch schneller ab. Hamilton hatte die haltbareren Mediums am Mercedes. Verstappen wusste: Jetzt spricht alles gegen ihn. «Wir sind alle ein bisschen schockiert», reagierte Red-Bull-Teamchef Christian Horner empört auf die Entscheidung der Rennleitung, den Fast-Crash nicht zu untersuchen.

Die vielen Fans in Orange auf den Tribünen wurden immer leiser. Denn nach dem verpatzten Start ihres PS-Stars ließen auch noch die Reifen nach – nicht überraschend. In Runde 14 wechselte Verstappen als Erster die Gummis und stieg auf die härteste Mischung um. Mercedes reagierte einen Umlauf später. Ein Sicherheits-Boxenstopp – dem Gegner nur keinen möglichen taktischen Vorteil lassen.

Red Bull ging ins Risiko

Hamilton hatte nun Verstappens Geleitschutz Perez vor sich. Knapp zwei Runden lang hielt der Mexikaner hart dagegen, kostete den Mercedes-Mann rund sechs Sekunden, ehe dieser sich wieder an die Spitze setzte. «Checo ist eine Legende», lobte Verstappen via Funk.

Nun war der Niederländer nur noch eine Sekunde hinter Hamilton, der sich aber anschließend wieder absetzen konnte. Dann ein Virtuelles Safety Car. Red Bull ging ins Risiko. Verstappen bekam in Runde 37 neue Mediums – Hamilton blieb aber draußen. Sein Vorsprung betrug nur noch 17 Sekunden. Und dieser schmolz! Aber nicht zu rapide.

In Runde 53 von 58 nun Safety-Car-Phase. Verstappen holte sich die schnellsten Gummis – Hamilton wurde wieder nicht reingeholt. «Das ist unglaublich, Leute», schimpfte der Brite, dessen Stimme auf den letzten Kilometern längst nicht mehr so fest und entspannt wie gewohnt war. Nach der Rennfreigabe setzte sich Verstappen in einem unglaublichen Duell dann vor Hamilton. Die Kommandostände tobten – vor Freude und Entsetzen. Verstappen war außer sich.