Nach einem Unentschieden Das Tor als Tücke: Nagelsmann will schnelles Sieg-Gefühl

Das Tor als Tücke: Nagelsmann will schnelles Sieg-Gefühl
Bundestrainer Julian Nagelsmann bleibt bis zum letzten EM-Test gegen Griechenland nur wenig Zeit. (Bild: Tom Weller/dpa)

Deutsche Presse-Agentur

Das 0:0 gegen die Ukraine reicht nicht, um die EM-Stimmung in neue Höhen zu katapultieren. Der Bundestrainer sieht sich aber durch die Leistung bestätigt. Das Tore-Rätsel ist noch lösbar, meint er.

Für einen Menschen, der immer unbedingt gewinnen will, war Julian Nagelsmann auch mit dem 0:0 gegen die Ukraine ziemlich zufrieden. Noch einige Arbeit, ja. Aber kein Grund, im EM-Countdown in Selbstzweifel zu geraten. So trat der Bundestrainer nach dem vorletzten Test der Fußball-Nationalmannschaft für das große Heimturnier auf. 

«Insgesamt bin ich sehr zufrieden. Es war ein gutes Spiel mit sehr viel Leidenschaft. Nach einer Woche Training haben wir sehr viel reingeworfen. Ich bin sehr guter Dinge, dass wir diesen einen Moment noch kreieren, dass wir das Tor machen und dann noch weitere folgen lassen», sagte Nagelsmann in Nürnberg. 

Nur wenig Zeit bleibt dem Bundestrainer bis zum letzten EM-Test gegen Griechenland am Freitag in Mönchengladbach. Schon eine Woche später folgt der EM-Anpfiff in München gegen Schottland. Einige Fragen muss Nagelsmann akut beantworten.

Ist die schlechte Chancenverwertung kurzfristig zu beheben?

27 Torabschlüsse zählte Nagelsmann gegen die Ukraine. Aber kein Tor. Zufall? Unvermögen? Für den Bundestrainer entspricht es seinem Selbstverständnis als aktiver Coach, dass er das Manko mit Arbeit beheben kann. «Es waren schon Momente dabei, die mit mehr Fortune reingehen. Aber es ist ein bisschen zu einfach aus Trainersicht, zu sagen, es ist nur Glück. Wir werden es schon weiter trainieren», kündigte der 36-Jährige an. 

Sein Ansatz: Mehr Spieler in den Strafraum bringen. Die Erfahrungen können noch wertvoll sein, glaubt Nagelsmann. Auch die ersten beiden EM-Gegner Schottland und Ungarn erwartet er mit einem ähnlichen kompakten System am eigenen Strafraum. 

Was ist mit Manuel Neuer los?

Nach 18 Monaten Pause stand Neuer wieder im DFB-Tor. Und es schien, als sei er nie weg gewesen. Mit einigen guten Paraden hielt der Bayern-Schlussmann die Null. Doch dann leistete er sich diesen unnötigen Chip-Ball zum Gegner kurz vor der Mittellinie. Leichtsinn? Fehleinschätzung? Nagelsmann nahm seine Nummer eins für die EM demonstrativ in Schutz. 

«Wenn er den nicht holt, wenn er tiefer steht und nicht mitspielt, dann ist es ein deutlich größerer Fehler mit schwerwiegenderen Folgen», sagte der Bundestrainer zur brenzligen Situation kurz vor Schluss, die nur durch eine Abseitsposition der Ukrainer entschärft wurde. 

Doch jene latenten Stimmen, die Neuer nicht mehr auf dem Gipfel der Leistungsstärke sehen, ihm Fehler im Bayern-Tor gegen Real Madrid und die TSG Hoffenheim ankreiden und mittlerweile Marc-André ter Stegen bevorzugen, konnten sich bestätigt fühlen. Nagelsmanns Urteil steht aber: Neuer «wird eine hervorragende EM spielen», ist er sich sicher. 

Steht die EM-Startelf?

Wer dem Bundestrainer seit März genau zugehört hat, weiß Bescheid. Die Startelf steht. Sie lautet: Neuer, Kimmich, Rüdiger, Tah, Mittelstädt, Andrich, Kroos, Musiala, Gündogan, Wirtz, Havertz. Veränderungen wird es nur noch bei Verletzungen geben. Die positive Nachricht für Nagelsmann gegen die Ukraine war: Auch die Akteure in den Backup-Rollen funktionieren.

Waldemar Anton und Pascal Groß vertraten die Champions-League-Sieger Antonio Rüdiger und Toni Kroos problemlos. Sechs Auswechslungen im Spiel sorgten für keinen Leistungsabfall. «Wir haben die richtige Atmosphäre und Stimmung in der Mannschaft», sagte Neuer. 

Wie wichtig ist nun ein Sieg gegen Griechenland?

Nagelsmann eierte nicht herum. «Es ist ja klar, dass Siege immer besser tun als Unentschieden oder Niederlagen. Wir werden auch am Freitag das Spiel so angehen, dass wir gewinnen wollen», sagte er. Aber deutlich machte der Bundestrainer auch, dass der 14. Juni, dass Schottland die Messlatte ist. Auch für das wichtige Fan-Gefühl. 

«Ich lehne mich mal weit aus dem Fenster», sagte Nagelsmann. Und verabschiedete sich mit einer kompliziert klingenden, aber stimmigen These zur EM-Euphorie ins nahe Teamquartier in Herzogenaurach. «Wenn wir gegen Griechenland gewinnen und gegen Schottland verlieren, dann sagen die Fans nicht, wir haben gegen Griechenland gewonnen, super. Und wenn wir gegen Griechenland verlieren und gegen Schottland gewinnen, sagt kein Fan, aber gegen die Griechen haben wir verloren.» Am liebsten will Nagelsmann zweimal gewinnen.