Sexarbeiterinnen haben kaum eine Lobby

Sexarbeiterinnen haben kaum eine Lobby
In Ravensburg gibt es 80 gemeldete Frauen, die sich prostituieren. Hinter vielen steckt Leid und Elend. Speziell für diese Berufsgruppe gibt es jetzt Ansprechpartnerinnen mit Herz. (Bild: Pixabay)

Ravensburg (le) – Für viele ist Prostitution eines der ältesten Gewerbe der Welt. Die Nachfrage nach käuflichem Sex variiert von Land zu Land. Glaubt man Schätzungen, gehen beispielsweise in Thailand 75 Prozent der Männer zu Prostituierten, in Deutschland ca. 8 Prozent.

Prostitution ist bei uns seit dem Jahr 2002 ein anerkanntes Berufsfeld. In diesem sind vorwiegend Menschen tätig, die sich häufig in sozialen und psychischen Notlagen befinden und abhängig sind.

Neu in Ravensburg: Streetworkerinnen kümmern sich um die Belange von Menschen in der Prostitution und Sexarbeit

Damit diese Frauen nicht vergessen werden und eine Stimme bekommen, setzten sich in Ravensburg täglich die Streetworkerinnen Jasmin Gmünder und Elisabeth Sittner von der Arkade MISA (Menschen in der Prostitution) in vielen Bereichen ein. Es handelt sich hierbei um Projektstellen, die vom Land Baden-Württemberg und dem europäischen Sozialfonds bis Ende 2022 gefördert werden. In Friedrichshafen gibt es das Angebot schon seit dem Jahr 2014.

80 gemeldete Prostituierte in Ravensburg

Von den ca. 400.000 Prostituierten, die es in Deutschland gibt, sind im Bodenseekreis knapp 300 Frauen angemeldet, in Ravensburg ca. 80 – die Dunkelziffer liegt aber deutlich höher. „Unsere Hilfe ist vielseitig und reicht von der Begleitung zu Behörden- und Arztbesuchen über finanzielle Unterstützung, Hilfe bei Impfangeboten und der Wohnungssuche bis hin zu Fahrdiensten. Das Wichtigste aber ist, das Vertrauen der Frauen zu gewinnen, nicht zu werten, sie nicht als Opfer, sondern als eigene Person zu sehen und ihnen eine gewisse Wertschätzung entgegenzubringen,“ so Elisabeth Sittner.

Unzählige Schicksale stecken hinter den Frauen

Viele kommen aus zerrütteten Familienverhältnissen aus dem osteuropäischen Raum, wo die Väter und Brüder dominieren. Sie werden oft unter falschen Versprechen nach Deutschland gelockt und landen dann meist im Bordell oder bieten ihre Dienste in der eigenen Wohnung an. „Zuhause gibt es wenig Zukunft und jetzt müssen sie den Lebensunterhalt der Angehörigen durch Sexarbeit bei uns mitfinanzieren,“ so Jasmin Gmünder. Viele der Frauen haben sprachliche Probleme und sind durch schlechte Erfahrungen sehr misstrauisch, besonders Behörden gegenüber.

Nicht so schnell aufgeben

Die Streetworkerinnen sind immer in Zweierteams unterwegs und versuchen sehr behutsam, mit den Prostituierten in Kontakt zu treten. Goodie Bags mit Duschgel, Feuerzeug, kleinen Nettigkeiten und den Visitenkarten dienen dabei oft als Türöffner. „Bei Bedarf melden wir uns auch auf ihre Inserate in entsprechenden Portalen.“ Ein wichtiger Aspekt bei der Kontaktaufnahme ist es aufzuzeigen, was es für andere berufliche Perspektiven gibt. Dabei müssen die Fähigkeiten der Frauen beleuchtet werden, das Selbstbewusstsein gestärkt und Sprachkurse angeboten werden. „Manchmal hilft bei kleineren Problemen auch ein gemeinsamer Spaziergang oder ein kleiner Kaffeeklatsch.“

Taffe Frauen, die sich für Prostituierte einsetzen: (v.re.) MISA-Mitarbeiterinnen Dörte Christensen (Friedrichshafen), Elisabeth Sittner und Jasmin Gmünder (Ravensburg) mit den Goodie Bags als kleine Aufmerksamkeit.
Taffe Frauen, die sich für Prostituierte einsetzen: (v.re.) MISA-Mitarbeiterinnen Dörte Christensen (Friedrichshafen), Elisabeth Sittner und Jasmin Gmünder (Ravensburg) mit den Goodie Bags als kleine Aufmerksamkeit. (Bild: Arkade-MISA)

Mit Händen und Füßen

Unterstützung bei sprachlichen Barrieren erfahren die Streetworkerinnen auch durch Freundinnen der Sexarbeiterinnen, die sie bereits kennen und empfehlen. Die Community ist groß. Ansonsten behelfen sie sich mit den üblichen Übersetzungsprogrammen auf dem Handy. „In der Not kann man sich auch mit Händen und Füßen verständigen, wichtig ist das Wollen.“

Von einer Abhängigkeit in die nächste

Manchmal melden sich auch alleinlebende Männer aus dem Milieu, die entwurzelt sind und keinen Freundeskreis haben. Sie haben das Alleinsein satt und lassen eine Prostituierte bei sich wohnen. Aus der anfänglichen Freundschaft wird schnell wieder eine Sexbeziehung und das Abhängigkeitsdrama fängt von vorne an. Die Männer sind überfordert und die Frauen finden keinen Weg heraus. Hier muss mit besonders viel Fingerspitzengefühl agiert werden.

Geschädigte Psyche trotz Geld

Dann gibt es noch Sexarbeiterinnen, die sich etabliert und einen gewissen Wohlstand erarbeitet haben. Das sind meist Frauen Ü40, die das Gewerbe schon lange betreiben und offensichtlich keine Not haben. Wie es aber hinter der Fassade aussieht, wissen nur die wenigsten. Auch hier kommen Jasmin Gmünder und Elisabeth Sittner zum Einsatz. Sie helfen bei den psychischen Problemen und zeigen Möglichkeiten auf, was die Frauen alles aus ihrem Leben machen könnten.

Auf Augenhöhe begegnen

Das Ziel der Sozialarbeiterinnen ist es, die Frauen zu schützen, zu begleiten und die Lebenssituation zu stärken, unabhängig davon, ob sie weiter in der Prostitution arbeiten wollen oder nicht. Zweimal wöchentlich wird eine Online-Beratung über Zoom angeboten. Zum Hilfsangebot gehören auch Einzelgespräche in den Büroräumen der Arkade, Eisenbahnstr. 30, in Ravensburg.

22 spezialisierte Fachberatungsstellen, die sich überall im Land an den MISA-Projekten beteiligen, entsenden insgesamt 24 mobile Teams in die Fläche. Somit arbeiten sie nah an den Betroffenen und auf allen Kanälen.

Infos: Bei der Arkade MISA gibt es verschiedene Hilfsprojekte. Mehr unter www.werkstatt-paritaet-bw.de/projekt/mobile-teams und www.werkstatt-paritaet-bw.de/projekt/works oder www.misa-arkade-ev.de