RS-Virus in Oberschwaben – Kinderstationen schlagen Alarm: „Wir sind an der Belastungsgrenze.“

RS-Virus in Oberschwaben – Kinderstationen schlagen Alarm: „Wir sind an der Belastungsgrenze.“
Auch die Jüngsten müssen vermehrt beatmet werden. Schuld ist ausnahmsweise nicht Corona direkt, sondern das RS-Virus. (Bild: picture alliance / BSIP | AMELIE-BENOIST)
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Redaktion

Ein Kleinkind, das droht zu ersticken. Eltern in Panik. Das RS-Virus versetzt Familien in Schrecken und beschäftigt Ärzte und Pfleger in den Kinderkliniken. Das hat es mit diesem Virus auf sich.

„Aufgrund gehäuft auftretender Fälle von RS-Virusinfektionen bleibt unser Kindergarten vorübergehend geschlossen.“ Ungläubig steht Miriam mit Tochter Mia (4) vor ihrer Kita. „Da hat man die ganze Zeit Schiss davor, dass der Kindergarten wieder wegen Corona-Fällen dicht macht und dann kommt jetzt das!“ Nun muss die junge Mutter schauen, wie sie die Betreuung für die kleine Tochter regelt. Mal wieder. Immerhin blieb Mia bisher aber von dem Virus verschont. Ein Glück, das viele Kinder diesen Winter nicht hatten.

Das ist das RS-Virus

Das RS-Virus ist nicht neu. Normalerweise haben Babys schon im Mutterleib damit Kontakt. Eben durch das Immunsystem der Mama, das sich mit dem Virus auseinandersetzen muss. Babys, Kleinkinder, Schulkinder haben im Regelfall ebenfalls immer mal wieder Begegnungen mit dem „Respiratorischen“ Synzytial-Virus. Es äußert sich dann mit Erkältungssymptomen. Vor allem Husten. Doch was ein kindliches Immunsystem sonst einfach wuppt, sorgt bei vielen Kindern jetzt für heftige Atemwegserkrankungen. So schlimm, dass sie zu ersticken drohen. Die Lungen verschleimt, die Sauerstoffsättigung zu niedrig. Vor allem Frühgeborene und Kleinkinder sind gefährdet.

Viele Fälle auch in Ravensburg

Dr. med. Andreas Artlich ist Chefarzt der Klinik für Kinder und Jugendliche am St. Elisabethen-Klinikum in Ravensburg. Er berichtet von einer ungewohnt hohen Anzahl an Säuglingen, die dieses Jahr mit dem RS-Virus zu kämpfen haben. „Wir sind an der Belastungsgrenze. Dass Kinder mit dem RS-Virus auf der Station landen, kennen wir schon aus früheren Jahren. Aber da waren es nie so viele und es war nie so früh im Jahr“, erzählt der Mediziner. Kinderkliniken bundesweit berichten davon, ihre Patienten nicht mehr aufnehmen zu können. Zum Teil müssen Eltern, mit um Atem ringenden Kindern, Hunderte Kilometer weit in die nächste Klinik mit freiem Beatmungsgerät fahren. So schlimm ist es in Ravensburg zum Glück noch nicht. „Morgens werden die Betten schon mal knapp, gerade wenn in der Nacht viele neue Fälle dazu kamen. Doch bisher haben wir immer eine Lösung gefunden“, beruhigt Artlich.

Doch warum kommt es zu dieser Häufung und ungewohnten Heftigkeit des RS-Virus?

Schuld daran ist auch der Mund- und Nasenschutz, den wir seit fast zwei Jahren tragen. Durch ihn verringern wir zwar die Gefahr an Corona zu erkranken. Doch auch alle anderen Viren und Bakterien, die unser Immunsystem auf Trab halten, kommen nicht mit uns in Kontakt. Dabei braucht eben dieses Immunsystem eine gewisse Schulung, um zu lernen mit verschiedenen Krankheiten umzugehen. Gerade Kinder mit älteren Geschwistern sind oft krank. Eben weil die „Großen“ alles mögliche mit nach Hause bringen, worauf das kleinkindliche Immunsystem erst lernen muss, zu antworten. Das ist der Normalfall und auch gut so. Auch Einzelkinder bekommen über die Eltern und ihre Sozialkontakte ausreichend Viruslast ab, um sich gegen künftige Infekte besser zu wappnen.

Dauerkranke Kinder im Winter sind normal

„Zwischen sechs und acht Atemwegsinfekte in der Wintersaison sind normal“, sagt Dr. Artlich. Eine Zahl, die allein für die Wintersaison von Oktober bis April gilt. Und gerade Husten kann sich hartnäckig halten. Wenn man als Elternteil mal eben durchrechnet, was das bedeutet, wenn sich ein Infekt auch mal zwei Wochen lang nicht auskurieren lässt, wird einem schwindelig. Denn das heißt, dass das Kind im Winterhalbjahr praktisch kaum richtig gesund ist. Doch Artlich beruhigt: „Wenn das jüngste Kind der Familie vier Jahre alt wird, geht es bergauf.“ Also heißt es für Familien wie immer: durchhalten.