Vorwurf des Etikettenschwindels Razzia in Ertinger Geflügelverarbeitung

Razzia in Ertinger Geflügelverarbeitung
Mitarbeiter der OSG schickten diese Bilder in Umlauf. Sie sollen in der Produktionshalle aufgenommen worden sein. (Bildnachweis: Privat / Wochenblatt Media GmbH)
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Redaktion

Die Vorwürfe wiegen schwer. In Ertingen soll normales Huhn als Bio-Geflügel deklariert worden sein. Zudem berichten Mitarbeiter von Fleischbergen, die nach tagelanger, unsachgemäßer Lagerung weiter verarbeitet und in den Verkauf gebracht werden. Die Polizei ging diesen Hinweisen jetzt nach.

„Hähnchen mit Herz aus und für die Region“ – So bewirbt sich die Oberschwäbische Geflügel GmbH selbst. Glaubt man einigen der dort beschäftigten Mitarbeiter, geht es in den Produktionshallen allerdings wenig herzlich zu. Zu wenige Angestellte seien dort beschäftigt um die Vorgaben zu erfüllen. So berichtet: Agniezka* (24) zum Beispiel: „Dort stehen nur zwei Mitarbeiter am Fließband und sollen 3200 Hühnchen vom Fließband sammeln und in die Anlage sortieren. Das ist zu viel. Das ist nicht zu schaffen. Während die Leute da alles geben, fallen trotzdem hunderte Tiere vom Band. Die liegen dann auf dem Boden. Aber weggeschmissen werden sie nicht. Das kommt alles noch in den Verkauf.“

Altes Fleisch marinieren, aufgetautes Hähnchen als Frischware in den Verkauf

Weitere Mitarbeiter, die anonym bleiben wollen, erzählen von Anweisungen, die sie erhalten hätten. So sollten sie zum Beispiel Fleisch, dass teils mehrere Tage ungekühlt war, kräftig marinieren und dann verpacken. Aufgetautes Huhn soll als Frischware deklariert worden sein und aus normalen Hühnern wurde teureres Bio-Huhn. Sich diesen Anweisungen zu widersetzen, wagen sie nicht. Da viele der Mitarbeiter aus dem Ausland kommen und Familien ernähren müssen, können sie sich den Jobverlust nicht leisten. Doch einige sagen jetzt, dass sie das Vorgehen im Geflügelhof nicht länger mit ansehen können. Unserer Redaktion liegt Bildmaterial vor, dass zeigt, wie immer mehr Tiere vom Band fallen. Kadaverberge türmen sich am Boden auf…

Auf der Website der OSG verspricht das Unternehmen "regionale, transparente und schonende Verarbeitung von Bio- und konventionellem Hähnchen von Höfen in Baden-Württemberg und Bayern."
Auf der Website der OSG verspricht das Unternehmen „regionale, transparente und schonende Verarbeitung von Bio- und konventionellem Hähnchen von Höfen in Baden-Württemberg und Bayern.“

Anonyme Tipps gingen bei der Polizei ein

Bereits Mitte des Jahres soll bei der Staatsanwaltschaft in Landshut ein anonymer Hinweis wegen mutmaßlichen Etikettenschwindels gegen den Geflügelschlachterei Groß eingegangen sein. Dieses Unternehmen ist auch zuständig für die Oberschwäbische Geflügel GmbH. Aufgrund der anonymen Tipps durchsuchte die Polizei am späten Mittwoch Nachmittag nicht nur den Betrieb in Ertingen, sondern auch mehrere Büro- und Geschäftsräume von zwei Geflügelschlachtbetrieben in Bayern, die mit der OSG in Beziehung stehen. In Hessen und NRW fanden parallel derartige Razzien statt. Es bestehe gegen die Unternehmensverantwortlichen im Alter zwischen 29 und 58 Jahren der Verdacht des „gewerbsmäßigen Betrugs und des Verstoßes gegen Lebensmittelrecht“, heißt es aus dem Polizeipräsidium Niederbayern.

Wo ist das Fleisch gelandet?

Für unsere Region ist vor allem der Betrieb in Ertingen relevant. Auf der Website der Firma Groß heißt es unter dem Menüpunkt „Standorten“ zum Riedlinger Hofladen (der wiederum aus Ertingen beliefert wird): „Von unserem Standort in Riedlingen, in der Robert Boch Str. 25, werden Großhändler, Metzgereien, Restaurants und Hotels in ganz Baden Württemberg beliefert.“ Wer genau das Geflügel also im Verkauf oder auf dem Teller hat, ist nicht abschließend geklärt. Die Staatsanwaltschaft in Landshut beruhigt derweil: „Nach den bisherigen Ermittlungen unter Einbindung des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit gehen von den in den Handel gelangten falsch etikettierten Hähnchen keine Gesundheitsgefahren aus.“ Unter dem Namen „Gütesiegel“ werten Ermittler der Passauer Kriminalpolizei jetzt die Vielzahl der bundesweit sichergestellten elektronischen Daten und zahlreiche sichergestellte Beweismittel aus.

Statement: Geflügelverarbeiter weist Vorwürfe zurück

Die Firma Geflügelschlachterei Groß veröffentlichte im Laufe des Tages ein Statement für sich und die Tochterfirma Oberschwäbische Geflügel GmbH. Gut eine DIN A 4 Seite lang erklärt sich das Unternehmen zu den Vorwürfen. So wird zwar die Razzia bestätigt aber sämtliche Vorwürfe abgewiesen. So ist unter anderem zu lesen: „Wir weisen die verlautbarten Vorwürfe vollumfänglich und mit Nachdruck zurück.“ Es folgt ein Absatz, der sich auf die Geschichte des Familienunternehmens bezieht und weiter: „Wir haben in unserer gesamten Firmengeschichte, weder in etwaigen Hygienefragen noch in Zertifizierungsfragen, uns je etwas zuschulden kommen oder vorzuwerfen lassen. Wir haben immer erstklassige Ware in den Verkehr gebracht. Und dabei haben wir stets alle Kennzeichnungsvorgaben eingehalten.“ Das komplette Statement gibt es übrigens hier zum Nachlesen.

Wie es weitergeht in diesem Fall, erfahren Sie natürlich hier, beim Wochenblatt.