Prof. Dr. Günther J. Wiedemann tritt nach 21 Jahren als Chefarzt ab

Prof. Dr. Günther J. Wiedemann tritt nach 21 Jahren als Chefarzt ab
Die Schülernachmittag gegen das Rauchen mit abschließender Ausgabe der Teilnehmerzertifikate gehörten zu den liebsten Veranstaltungen von Prof. Dr. Günther J. Wiedemann. (Bild: OSK)
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Redaktion

Immer wieder auch ungewöhnliche Zugänge zu den Menschen

Ravensburg – Ein schöner Wintertag gegen Ende des Jahres 2000. Ein Flugzeug der gerade eröffneten Verbindung Friedrichshafen-Hamburg schwebt über Oberschwaben dem Bodensee-Airport entgegen. An Bord: Prof. Dr. Günther J. Wiedemann, 48-jähriger Internist aus Lübeck. „Unter mir erkannte ich Ähnlichkeiten mit meiner bayerischen Heimat“, erzählt der gebürtige Augsburger.

Der Moment war Anstoß dafür, ein Chefarztangebot am St. Elisabethen-Klinikum in Ravensburg und nicht etwa an der Charité in Berlin anzunehmen. Zumal er seinen damals 14 und 17 Jahre alten Kindern damit den „Großstadtdschungel“ ersparte. Der Aufsichtsrat der OSK hatte ihn als Nachfolger von Dr. Gerhard Meuret zum Chefarzt der Inneren Medizin gewählt. „Fachlich hochqualifiziert und auch auf Grund seiner Persönlichkeit hervorragend geeignet“, wurde er im November 2000 nach seiner Berufung gerühmt.

21 Jahre später hat Prof. Wiedemann seine Tätigkeit als Chefarzt beendet. Den von der Charité gekommenen Nachfolger Prof. Dr. Alexander Wree lobt er als wahren „Glücksfall“ für das EK. „Der Kopf muss in Bewegung bleiben“, lautet Wiedemanns Empfehlung für alle Menschen an der Schwelle zum Ruhestand. Er beherzigt es selbst. Ganz aufhören möchte er auch mit 69 noch nicht. Er hat ein neues Dienstzimmer in der Spange der Inneren Medizin bezogen, um sich weiterhin um Patienten und vor allem um den Onkologischen Schwerpunkt am EK zu kümmern.

Diesen Schwerpunkt in der Versorgungsplanung des Landes hat es bereits gegeben, als Prof. Wiedemann nach Ravensburg kam. Sein Spezialgebiet, die Onkologie, am EK auszubauen, lautete sein Auftrag. Er hat ihn erfüllt. Das EK ist heute als Onkologisches Zentrum zertifiziert. Besonders erwähnt er jedoch Anderes: „Wir sind eine der wenigen, wenn nicht gar die einzigen in Deutschland, die niedergelassene Onkologen mit einer oberärztlichen Anstellung ans Krankenhaus geholt haben.“ Die Patienten treffen ihren Arzt aus der niedergelassenen Praxis im Krankenhaus wieder und erleben keinen Bruch in ihrer Behandlung. „Wir haben Clinic Interface verwirklicht“, freut sich Wiedemann.

Als Experte für Onkologie und Hämatologie hat er sich einen Namen gemacht, ist darüber aber Internist mit Leib und Seele geblieben. Die Innere Medizin sei für ein Krankenhaus das wichtigste Fach, das umfassendes Basiswissen und hohes Spezialistentum in sich vereint. Wiedemann nimmt ein Blatt Papier zur Hand. Er zeichnet oben einen Obstkorb, darunter zwei Leitern. Auf der einen fehlen die unteren Sprossen, auf der anderen die oberen. „Der breit ausgebildete Internist kommt nicht von alleine bis zur richtigen Diagnose, der Spezialist aber auch nicht.“

Aus diesem Verständnis heraus hat er seine Klinik geführt. Für die Internisten stehe die Ursache der Symptome des Patienten am Ende differenzierter diagnostischer Arbeit, während der Chirurg von vornherein wisse, mit was er es zu tun hat. Der Chefarzt müsse auf allen Gebieten bewandert, aber nicht auf jedem der Spezialist schlechthin sein. Ihre ganze Kompetenz entfalte die Innere Medizin am EK mit den sieben Oberärzten, die alle Spezialgebiete abdecken. Dass sein Nachfolger Wree Gastroenterologe ist, betrachet der Onkologe Wiedemann keinesfalls als Nachteil: „Hauptsache, er ist Internist.“

Seine Vorschusslorbeeren hat Prof. Wiedemann über zwei Jahrzehnte lang bestätigt. Er war nicht nur der Chefarzt, sondern auch Labormediziner, Transfusionsbeauftragter oder medizinischer Kopf hinter dem in Ravensburg ausgerichteten Kongress NZW Süd.  Schlagzeilen machte er auch als Bildhauer. Mehrfach war er in dieser Rolle im Fernsehen zu sehen. Skulpturen von ihm stehen an mehreren Orten in Ravensburg. Darunter die „Isle of Silence“, die er dem EK geschenkt hat. Eine in Stein gehauener Mahnung, über allen vermeintlichen Wichtigkeiten des Alltags auch zur Ruhe zu kommen.

Entspannung beim Hobby: Prof. Dr. Günther J. Wiedemann als Bildhauer.
Entspannung beim Hobby: Prof. Dr. Günther J. Wiedemann als Bildhauer. (Bild: OSK)

Mit der Bildhauerei angefangen hat er 2005. „Damals suchte ich eine Methode, um Aggression loszuwerden“, erzählt er. „Hammer und Meißel waren das Richtige. Das hat mir geholfen“, meint er verschmitzt. Der ARD-Beitrag „Was von mir bleibt“ von Ulrike Michels war Anstoß für etwas ganz Besonderes: Wiedemann hat todkranken Patienten angeboten, mit ihnen gemeinsam einen Grabstein zu meißeln. Eine ganz andere und eigene Art, Menschen zu helfen.

Immer wieder hat er ungewöhnliche Zugänge zu den Menschen gefunden. Zum Beispiel mit seinem Vortrag „Das Glück reifer Männer“. Viel wurde gelacht, wenn Wiedemann mit Witz und Ironie erklärte, weshalb das Alter keine Last sein muss. Dabei war der Hintergrund ein ernster. Bei einer Recherche war er auf eine Statistik gestoßen, wonach Suizid bei den Todesursachen der Männer auf Platz 13 liegt, noch vor Diabetes mellitus. „Man muss früh damit anfangen, damit man überhaupt nicht in die Situation gerät“, hat er seinem Publikum vermittelt. Seine Ratschläge für ein besseres und gesundes Leben sind für jedermann verständliche Alltagstipps: „Mäßig Alkohol trinken, täglich viel bewegen, nicht rauchen.“

Im Blick hatte er nicht nur die Älteren, sondern gerade auch die ganz Jungen. Viele Jahre lang kamen regelmäßig über 100 Schüler ins Foyer des EK zu Prof. Wiedemanns Anti-Raucher-Veranstaltungen. „Angefangen hat es mit einem Anruf des Markdorfer Schulleiters Dr. Roland Hepting“, erinnert er sich. Er entsprach dem Wunsch, eine Veranstaltung zur Drogenprävention zu gestalten. „Daraus ist eine Freundschaft entstanden und es ging immer weiter.“

Internist geworden ist Wiedemann eher zufällig. Während seiner Zeit in Norwegen hatte er sich eigentlich für die Psychiatrie begeistert. „Meiner Frau war es im hohen Norden jedoch zu kalt und zu dunkel. Sie wollte zurück nach Deutschland“, erzählt er. In Bremen sollte er eine Stelle in der Psychiatrie antreten, kam jedoch zu spät an. „Die Psychiater haben mich bei den Internisten geparkt. Dann bin ich einer geworden.“

Zahlreiche Aufsätze und Kolumnen hat Prof. Wiedemann in verschiedenen Zeitschriften veröffentlich. Das soll auch so bleiben. Genauso, wie er weiterhin in der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft mitarbeiten möchte. „Ich mache weiter, nur, dass ich eben nicht mehr Chefarzt bin.“ Ein bisschen Abschied, aber kein Rückzug.

(Pressemitteilung: OSK)