„Pasinger Knödelkrieg“ – mit Knödeln und Humor die Welt verändert

„Pasinger Knödelkrieg“ – mit Knödeln und Humor die Welt verändert
Eine Aktion des Pasinger Werbegraphikers Helmut Winter: Der Pasinger Knödelkrieg. (Bild: Florian Obendorfer/Wirtshaus in der Au GmbH)

Wie Helmut Winter 1967 die Starfighter zum Abdrehen zwang

Die Starfighter der Bundesluftwaffe überflogen in den späteren 1960er Jahren täglich zwischen 8:00 und 22:00 Uhr, manchmal sogar bis Mitternacht, bei ihrem Landeanflug auf den Fliegerhorst Fürstenfeldbruck mit ohrenbetäubendem Lärm, oft auch mit Überschall, in nur 500 Fuß Höhe die südlichen Wohngebiete von München, insbesondere den Stadtteil Pasing. Auf dem Fliegerhorst bildete die Bundeswehr Jetpiloten aus.

Sämtliche Beschwerden der lärmgeschädigten Bewohner blieben wirkungslos. Helmut Winters medienwirksame, weltweit belustigt aufgenommene Androhung, die lärmenden Starfighter mit einer „Knödelkanone“ abzuschießen, ließ die Bundeswehr einlenken und brachte Pasing schließlich wieder Ruhe am Himmel – ein lebendiges Beispiel wie man mit Humor und Knödeln die Welt verändern kann.  

Im Februar 1967 arbeitete der Werbegraphiker Helmut Winter gerade an einer komplizierten Reinzeichnung für ein Regelventil, als unvermittelt zwei Flugzeuge sein Haus überflogen. Der Überschallknall war so heftig, dass sich durch eine Reflexbewegung der zeichnenden Hand Tusche über die fast fertige Reinzeichnung ergoss. Eine zweiwöchige Arbeit war augenblicklich wertlos geworden. Da er unter Termindruck stand, geriet er dermaßen in Rage, dass er ein Inserat mit folgendem Inhalt in der Abendzeitung aufgab: „Flugabwehrgeschütz mit ausreichender Munition zur Wiederherstellung der Ruhe und Ordnung im westlichen Luftraum Münchens gesucht“. Zuschriften wurden erbeten unter 1/3469 Z. Es ist nicht bekannt, ob er tatsächlich ernstgemeinte Angebote erhielt.

Die Weltpresse wurde auf Winters Aktion aufmerksam

Jedoch war dieser Anzeigentext so provokant, dass er sich im „Hohlspiegel“ des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ wiederfand. Die Wirkung dieser Anzeige war enorm: Die Weltpresse nahm daran Anteil und wollte wissen, wann er nun endlich schieße. Aber der Graphiker antwortete stets: „Die Piloten werden sich wundern“.

Im Vorgarten von Helmut Winter am Pasinger Falkweg 54 gab sich die Weltpresse von da an eine Stelldichein. Sogar Reporter der New York Times berichteten über den Fall. In rund 170 Ländern gelangte die Geschichte auf die Titelseite der Zeitungen.  Am 1. März 1967 schaffte es Winter mit seiner Geschichte sogar auf die Titelseite des San Francisco Chronicle.

Da Vincis Katapult als Geschütz und Knödel als Munition

Jetzt war es für Winter an der Zeit, die Angriffswaffe zu entwickeln, die den späteren Erfolg garantierte. Zum „Schießen“ verwendete er das älteste Geschütz, den Nachbau eines Katapults nach Vorgaben von Leonardo da Vinci, das er sich von einem befreundeten Schreinermeister nachbauen ließ, streng bewacht von seinem Dackel Burli .

„Am liebsten hätt’ ich mit Rossäpfeln geschossen“, hat Helmut Winter einmal gesagt, so sehr hatte ihn der Lärm der Militärflugzeuge über dem Pasinger Himmel aufgebracht. Die „zündende Idee“ für die geeignete Munition hatte Winters Ehefrau Elisabeth. Sie kochte Kartoffelknödel mit Gries, Ei und Semmelbröseln besonders hart. Die ideale Munition war gefunden. In der Presse wurde Helmut Winter fortan als „Knödelschütze von Pasing“ betitelt.

Als die ersten Starfighter, aufgestiegen am Fliegerhorst Fürstenfeldbruck, über das Wintersche Anwesen donnern, beginnt er, „the Big Dumpling War“, der große Knödelkrieg, wie amerikanische Zeitungen später vermelden werden.

Starfighter traf er zwar nicht (die Schleuder hatte lediglich eine Reichweite von 70 Metern), aber mit seiner weltweit aufmerksam verfolgten Aktion erlangte er fast schon legendäre Berühmtheit.

Eine Plattenfirma produzierte damals sogar eine Schallplatte, auf der Helmut Winter ein speziell für ihn komponiertes Lied sang: „ Ich bin der Knödelschütz’ von Bayern, weil ich ein Freund der Ruhe bin“. Das brachte weitere Publicity und setzte die Bundeswehr unter enormen Handlungsdruck.

Bundeswehr lenkte schließlich ein

Gerade die Wahl von Waffe und Munition nahm der Aktion aber auch das Martialische. Die ganze Welt lachte über diesen Einfall des ansonsten friedfertigen aber auch ruhesuchenden Bajuwaren. Seine Aktion zwang die Luftwaffe und sogar der United States Air Force zum Einlenken bzw. zu einem Friedensschluss mit dem kriegerischen Kanonier und zur Änderung des Landeanflugs bzw. zum Verzicht von Überschallflügen über München.

Nach einem „Friedensgespräch“ mit Offizieren und Piloten der Bundeswehr mit Helmut Winter wurde die Flugroute tatsächlich geändert. Die Maschinen umflogen fortan Pasing und nahmen eine andere Route, an Dachau im Norden vorbei. Im Luftraum über München kehrte wieder Ruhe ein.

Karl-Valentin-Orden für „Schönsten Blödsinn“ des Jahres

Winter erhielt für seine gleichermaßen geniale und humorvolle Idee 1967 den ersten Karl-Valentin-Orden, der je verliehen wurde „für den schönsten Blödsinn des Jahres“.

Als Erinnerung daran wurde – zunächst von Winter selber, seit seinem Tod 2013 von seiner Witwe Elisabeth Winter – jedes Jahr der Knödelorden (auch: „Pasinger Knödelorden“ genannt) verliehen. Den Orden erhielten unter anderem Franz Josef Strauß, Peter Alexander, Lothar-Günther Buchheim, Lou van Burg und Karl Schranz. Zuletzt wurde der Orden im Jahr 2015 an den Künstler Martin Blumöhr, die Kinder- und Jugendwerkstatt der Pasinger Fabrik und das Pasinger Archiv verliehen.

Bis zu seinem Tod 2013 blieben seine Neugier und sein Widerspruchsgeist lebendig. In vielen Anträgen und Briefen an Politiker bewies Winter, wie sehr er an den aktuellen Geschehnissen interessiert war. „Es ist die erste Bürgerpflicht, die Zivilcourage und den Humor aufrechtzuerhalten“, erklärte er sein Lebensmotto.

Knödel-Katapult wird vom Münchner Traditionswirt Florian Oberndorfer in Ehren gehalten

Der gebürtige Pasinger Florian Oberndorfer und „bayerische Knödelkönig“ bewahrt in seinem „Wirtshaus in der Au“ seit 2009 die historische Schleuder auf. „Das macht uns immer noch wahnsinnig stolz und ist uns eine große Ehre. Viele Besucher kommen und fragen nach der Knödelschleuder und dem Knödelschützen, bei uns bleibt die Geschichte lebendig. Die ganze Aktion beweist doch, dass man mit Knödeln und Humor durchaus die Welt ändern kann.“