Neue Herausforderungen: Das Drama der Singles in Zeiten von Corona

Neue Herausforderungen: Das Drama der Singles in Zeiten von Corona
In der Pandemie haben sich die Probleme des Singledaseins deutlicher gezeigt. Die Sehnsucht nach Liebe ist gestiegen. (Bild: Henrik Josef Boerger/dpa/dpa-tmn)
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Redaktion

Alleinsein kann Freiheit bedeuten. Im Lockdown hieß das aber oft auch: Einsamkeit. Die Corona-Krise hat das Singleleben aus Expertensicht dauerhaft verändert. Ein Psychologe spricht zum Welt-Singletag vom «Drama der Singles».

München (dpa) – Ausgehen? Fehlanzeige. Flirten mit Maske und Abstand? Schwierig. Die Corona-Pandemie hat Singles in Deutschland vor ganz neue Herausforderungen gestellt. Und die werden das Singleleben aus Sicht von Experten auch dauerhaft verändern.

«Singles haben deutlich gespürt, dass es den Freundinnen und Freunden in einer Partnerschaft besser ging, obgleich auch dort Probleme auftraten. Insofern haben sie die Probleme des Singledaseins deutlicher gespürt und die Sehnsucht nach Liebe ist gestiegen», sagt der Psychotherapeut und Autor Wolfgang Krüger, der sich mit dem Single-Phänomen befasst und vor kurzem das Buch «Bindungsängste heilen» veröffentlicht hat, zum Welt-Singletag am gestrigen Donnerstag. Er spricht gar von einem «Drama der Singles». Denn: «Vor allem die jungen Singles spüren eine große Sehnsucht nach Liebe und haben gleichzeitig eine Angst vor Nähe. Sie leiden unter Bindungsängsten.»

Weltweiter Single-Tag

Der 11.11. wurde wegen der vielen Einsen im Datum zunächst in China zum Single-Tag erklärt, inzwischen ist er das weltweit. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden galten 2020 knapp 18,1 Millionen Menschen in Deutschland als alleinstehend, knapp 16,5 Millionen von ihnen lebten auch alleine. Dabei gab es jeweils rund eine Million mehr alleinstehende und alleinlebende Frauen als Männer.

«Es gibt immer mehr ältere Singles, weil viele Liebesbeziehungen scheitern. Vor allem Ältere bleiben dann oft allein», sagt Krüger. Die größte Gruppe der Singles finde sich aber in der Generation zwischen 30 und 40. Krüger nennt sie «Übergangs-Singles»: «Sie kommen gerade aus einer Partnerschaft, die sie verarbeiten müssen, oder bereiten sich innerlich auf eine neue Beziehung vor.»

Vor allem in Großstädten wie Berlin, München und Hamburg sei es Singles vor Corona nicht schlecht gegangen. «Sie waren viel unterwegs, waren oft verabredet, gelegentlich freuten sie sich über ein erotisches Erlebnis. Diese gesamten sozialen Aktivitäten waren schön, aber oft anstrengend und es fehlte jene Sicherheit, die man in einer Partnerschaft erlebt», sagt Krüger. «Doch durch Corona fiel dann auch das soziale Leben weitgehend fort, insofern waren die Singles sehr auf sich zurückgeworfen und vor allem die jungen Singles litten sehr unter Corona. Es war eine Zwangsbremsung, die schlecht auszuhalten war.»

Boom für Online-Dating-Portale

In Lockdown-Zeiten boomten Online-Dating-Plattformen darum noch mehr als zuvor. «Laut einer Bitkom-Studie waren gerade 2020 viele Nutzer erstmalig bereit, Geld für Online-Dating auszugeben. Corona war ein Booster, und durch Corona haben Online-Dating-Portale einen Boom erfahren», sagt die Psychologin Wera Aretz, die zum Thema Online-Dating forscht und Anfang des Jahres eine Studie dazu veröffentlichte.

Und das wird aus ihrer Sicht auch nach der Corona-Pandemie so bleiben. «Die Zahl der Neuanmeldungen ist auch 2021 deutlich gestiegen – bei der Match-Gruppe, zu der beispielsweise «Tinder» und «OKCupid» gehören, hat dies gegenüber dem Vorjahr zu einer Umsatzsteigerung von rund 17 Prozent geführt», sagt sie. «Dass Online-Dating ein fester Bestandteil im Leben vor allem vieler Singles geworden ist, das wird bleiben.»

Qualität der Kommunikation hat sich geändert

Doch auch inhaltlich habe sich etwas getan: «In Statistiken kann man gut nachlesen, dass beispielsweise bei Tinder die Anzahl der Matches gestiegen ist. Allein das spricht dafür, dass mehr Menschen die Plattform nutzen. Auf der anderen Seite berichten die Portale aber auch, dass nicht nur die Quantität, sondern auch die Qualität der Kommunikation sich geändert hat, dass die Stimmung in Zeiten von Corona im Lockdown eine anderen war und dass die Leute wieder nachdenklicher geworden sind», sagt Aretz. «Smalltalk-Themen sind etwas von tiefgründigeren Themen abgelöst worden.»

Psychologe Krüger beobachtet Ähnliches – auch wenn die Flirtenden sich dann in der realen Welt treffen: «Der Klassiker sind lange Spaziergänge, bei denen man sich kennenlernt.»

Mittlerweile weisen nach Angaben Aretz‘ auch die Portale selbst darauf hin, dass man sich möglichst schnell treffen sollte, um falsche Projektionen zu vermeiden. «Corona hat auch neue Features beschleunigt wie Videochat-Funktionen. Außerdem differenzieren viele Plattformen heute auch. Bei «Once» beispielsweise erhält man nur einen einzigen Profilvorschlag pro Tag und hat dann 24 Stunden Zeit, sich zu entscheiden, ob man mit dem Gegenüber verbunden werden will oder nicht», sagt Aretz. «Das verhindert den reinen Konsum von Kontakten und Personen.»