Neue Ausstellung im Fruchtkasten gibt Einblick in die „Moderne in Tuttlingen“

Neue Ausstellung im Fruchtkasten gibt Einblick in die „Moderne in Tuttlingen“
Roland Martin (geb. 1927) vor einem seiner abstrakten Betonreliefs aus dem Jahr 1965. (Bild: Stefan Simon)
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Redaktion

Tuttlingen – In Anwesenheit von vielen Kunstinteressierten eröffnete Oberbürgermeister Michael Beck vergangene Woche die Ausstellung im Tuttlinger Fruchtkasten mit dem Titel „Moderne in Tuttlingen – Schenkung Heinichen“. Die Ausstellung ist bis zum 31.Juli im Fruchtkasten zu sehen.

Er würdigte die Geschwister Jane und Veit Heinichen mit großem Dank, die der Stadt Tuttlingen einen Teil der Kunstsammlung ihrer Eltern Karl und Helge Heinichen übereignet haben. Jane Heinichen, die bei der Eröffnung zugegen war, richtete im Anschluss an die Reden das Wort ans Publikum, gab ihrer Freude Ausdruck und betonte die wichtige Rolle der Kunst in Zeiten der Herausforderungen wie der heutigen.

Die drei Musikschülerinnen Anna, Laura und Sophia Motz bezauberten das Publikum mit ihrem Spiel am Klavier und auf der Geige. Nach der zurückliegenden Zeit, in der Vernissagen entweder gar nicht oder mit Auflagen stattfanden, war beim Publikum die Freude am Event zu spüren. Die Ausstellung ermöglicht einen geradezu nostalgischen Ausflug in die regionale Kunstgeschichte der Nachkriegszeit.

Die Sammelleidenschaft des Schwenninger Architekten Karl Heinichen (1926 – 2009) und seiner Frau Helga (1927 – 2019) begann in den 60er Jahren. Karl Heinichen war Mitbegründer der „Kleinen Galerie“ in Schwenningen, die damals mit ihrem entschiedenen Engagement für die zeitgenössische Moderne für großes Aufsehen sorgte. In dieser Zeit der frühen 60er Jahre begann die lebenslange Freundschaft des Ehepaars mit dem bekannten Tuttlinger Bildhauer Roland Martin.

Dieser war nach dem Krieg einer der ersten Kunststudenten gewesen, als er sich 1946 zum Kunststudium einschrieb. Als er 1952 vom Studium nach Tuttlingen zurückgekehrt war, war er sozusagen die Keimzelle der Moderne in Tuttlingen. Anders als wir ihn heute kennen, arbeitete er damals abstrakt.

Zur Schenkung der Familie Heinichen gehören deshalb sinnlich anmutende Betonreliefs und Metallskulpturen aus der informell-organischen Phase des Künstlers sowie Schichtsäulen und Siebdrucke aus der Gruppe der konstruktiv-geometrischen Arbeiten. Bei den informell-organischen Arbeiten handelt es sich um geradezu amorphe Gebilde, die an Formen der Natur, Höhlenformationen, Meeresriffe oder ähnliches erinnern, jedoch keine Abbilder von etwas real Existierendem darstellen.

Hingegen sind die Schichtsäulen und Siebdrucke Ausdruck eines neuen technischen Zeitalters, in dem sie das Serielle zum Prinzip machen. Bei den Raumsäulen handelt sich um konstruierte Stelen, die aus völlig regelmäßigen Schichten aufgebaut sind. Die einzelnen Elemente sind auf einen Stab aufgesteckt, sie fächern sich stufenweise in kleiner Drehung um die Mittelachse auf und deuten gedanklich das Unendliche an.

Roland Martin pflegte den Austausch und zum Kreis der Künstlerfreunde gehörte etwa der Fridinger Franz Bucher (1928-1995), der ein sehr wichtiger Vertreter der modernen Kunst im Südwesten war und mit zwei graphischen Werken in der Ausstellung vertreten ist.

Ein weiterer wichtiger Künstlerfreund war der Tübinger Kurt Frank (1926-1995), der sich mit seiner subtilen, oft monochrom gehaltenen informellen Malerei hervortat. In der Sammlung Heinichen ist diese mit Beispielen in Rot und in Blau vertreten. Auch eines seiner meditativen Mörtel-Strukturbilder ist in der Ausstellung zu sehen. Für weitere Materialexperimente stehen ein mit roter Farbe bemaltes Relief aus geschichteter und perforierter Pappe oder auch ein Flechtwerk aus Leder.

Über die Bernsteinschule lernte Roland Martin auch seine erste Frau Inge Martin, geborene Letters, kennen, die in der Schenkung u. a. mit einer meisterhaften Handzeichnung nach der Natur, einer Studie von Zwiebeln, vertreten ist. Außerdem überraschen ihre zwei Monotypien mit geheimnisvollen weiblichen Akten, die in der Linearität und Einfachheit ihrer Umrisse und ihren weit geöffneten Augen sehr viel Expressivität besitzen. Eine Überraschung für viele, die bislang nur ihre Landschaftsaquarelle kannten.

Ein wichtiger Schwerpunkt der Sammlung Heinichen bilden die Werke des bekannten Tuttlinger Malers Udo Braitsch (geb. 1950), der in der Ausstellung eine spätere Generation vertritt und ebenfalls abweichend vom abstrakten Ideal der frühen Generation der Nachkriegsmoderne sein Betätigungsfeld im Gegenständlichen gefunden hat. Im Atelier vor einer Spiegelfolie aufgebaute Dinge aus dem Alltag sind der Ausgangspunkt für Stillleben mit raffinierten Effekten.

Diese verblüffen durch ihre altmeisterliche Maltechnik und stehen gleichzeitig für eine skeptische Weltsicht nach der die Wirklichkeit nur als Zerrbild erfasst werden kann. Die Braitsch-Werke aus der Heinichen-Sammlung ergänzen den gewohnten Blick auf die künstlerische Position des außergewöhnlichen Solitärs der Kunstwelt um interessante Facetten. Das große Werk mit dem Titel „1. Korintherbrief (13,12)“, eine fünfteilige Allegorie auf den gleichnamigen Brief des Paulus an die Korinther aus dem neuen Testament, ist mit seinem programmatischen Charakter unbestrittenen ein Hauptwerk des Künstlers und ein bedeutendes Stück der Sammlung Heinichen.

(Pressemitteilung: Stadt Tuttlingen)