200 Teilnehmer beim ersten Fachtag zum Thema Suizidprävention

200 Teilnehmer beim ersten Fachtag zum Thema Suizidprävention
Suizidprävention rettet Leben – darüber waren sich Teilnehmer des Fachtags in Ulm einig. Im Haus der Begegnung diskutierten 200 Fachleute und Interessierte, wie man dieser Aufgabe noch wirkungsvoller nachkommen kann. Das Bild zeigt die Abschlussrunde mit (von links) Prof. Dr. Janina Loh (Stiftung Liebenau), Daniela Fiedler (Caritas Biberach-Saulgau), Moderator Stefan Fischer (St. Elisabeth-Stiftung), Jun.-Prof. Dr. Nathalie Oexle (Uni Ulm) und Kathleen Boström (Uniklinik Köln). (Bild: Uli Landthaler / St. Elisabeth-Stiftung)

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10 000 Menschen sterben jedes Jahr in Deutschland durch Suizid. An dieser Zahl lässt sich etwas ändern, sind sich Fachleute aus der Region einig. In Ulm trafen sich 200 von ihnen zum ersten Fachtag Suizidprävention. Der Erfahrungsaustausch mündete in eine konkrete Forderung: Für Ulm und den Alb-Donau-Kreis braucht es eine eigene Fachstelle für Suizidprävention.

Suizide verhindern – das ist möglich, wenn man die Warnzeichen erkennt und die Betroffenen ermutigt, sich für eine Betreuung zu öffnen. Das wurde beim Podiumsgespräch deutlich, bei dem die Veranstalter des ersten regionalen Fachtags Suizidprävention Bilanz zogen. Zehn soziale Einrichtungen aus der Region Ulm und Oberschwaben hatten eingeladen, 200 Ärzte, Therapeuten, Pädagogen, Betreuungskräfte und am Thema Interessierte sind in acht Workshops im Haus der Begegnung der Frage nachgegangen, wie man Suizidgedanken erkennen und gegensteuern kann.

Sozialarbeiterin Daniela Fiedler von der Caritas Biberach-Saulgau berichtete von ihrem Online-Beratungsangebot für unter 25-Jährige. Diese Altersgruppe der Ratsuchenden sei „generell in einer schwierigen Lebensphase, es passieren bei ihnen viele Veränderungen, sie bekommen viel Druck, aber es fehlen ihnen die Lebenserfahrung und Lösungsstrategien“. 

Das Resultat sei der Entschluss, „dass man so nicht mehr weiterleben will – mit der Betonung auf `so´“.  Bei dem Online-Beratungsangebot der Caritas können die Betroffenen unkompliziert mit Gleichaltrigen in Kontakt treten, die für diese Aufgabe geschult werden. „Allein schon das Reflektieren ist sehr hilfreich“.

Nathalie Oexle, Juniorprofessorin für Sozialpsychiatrie und Leiterin der Arbeitsgruppe Suizidprävention der Uni Ulm, erläuterte, wie man die Warnsignale bei Suizidgefahr erkennt: „Wenn jemand konkret davon redet, meint er es auch so“. Dann sei die schnelle Vermittlung in eine Therapie nötig – „oder der Notruf“. Auch indirekte Äußerungen wie „Bald muss ich das nicht mehr ertragen“ seien ein klarer Hinweis auf Suizidgedanken.  Ihr Rat an das Umfeld: „Das Thema ansprechen. Schon das kann eine Erleichterung sein“. Es gebe aber auch subtilere Erscheinungen wie eine plötzliche Verhaltensänderung. Wer zuvor niedergeschlagen war, verspüre Erleichterung, wenn er einen Entschluss gefasst hat. Andere Indizien: „Jemand verabschiedet sich besonders emotional. Oder beginnt, seine Dinge zu ordnen.“ Wichtigste Erkenntnis: „Mit Ansprechen kann man nichts kaputt machen“.

Ein wichtiges Thema des Fachtags war die Frage, wie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Versorgungs- und Betreuungseinrichtungen mit Bewohnerinnen und Bewohnern umgehen sollen, bei denen Suizidgefahr oder der Wunsch, zu sterben, besteht. Hier braucht es neben professioneller Ansprache auch einen konkreteren rechtlichen Rahmen über Pflichten und Befugnisse, waren sich die Fachleute einig. Die Trägerorganisationen und Einrichtungen kommen nicht umhin, begründete Haltungen und daraus resultierend konkrete Leitlinien für den Fall zu entwickeln, dass der Wunsch nach Suizidassistenz geäußert wird.

Wie lässt sich die Suizidprävention in Deutschland verbessern? Dazu hatte die von Stefan Fischer, dem Leiter Seelsorge und Ethik bei der St. Elisabeth-Stiftung, moderierte Runde klare Vorstellungen: Mehr Geld für die Forschung und eine dauerhafte Finanzierung funktionierender Hilfsangebote anstatt befristeter Projektförderung. Alexandra Stork, Regionalleiterin der Caritas Ulm-Alb-Donau, hatte das konkreteste Anliegen: Sie forderte den „Aufbau einer Fachstelle für Suizidprävention in der Region Ulm/Alb-Donau“. Die „150 000 bis 200 000 Euro“, die man dafür aufwenden müsse, seien gut angelegtes Geld.

Dass es unterschiedliche Beratungsangebote von verschiedenen Trägern gibt, ist ein großer Vorteil, war sich die Runde einig: Jeder Betroffene sei in einer anderen Lebenssituation und möchte anders angesprochen werden – die einen mehr seelsorgerlich, andere mehr ethisch oder psychologisch. Entsprechend kommen die zehn Einrichtungen, die den Fachtag organisiert haben, aus unterschiedlichen Bereichen. Es sind die Katholische Erwachsenenbildung, die St. Elisabeth-Stiftung, das Katholisches Dekanat, das Zentrum Guter Hirte in Ulm, der Diakonieverband und die Caritas Ulm/Alb-Donau, die Telefon- und die Notfallseelsorge, die Stiftung Liebenau und das Hospiz Ulm.             

Für Fischer ist es wichtig, das Thema weiter aus der Tabuzone zu holen. Die Zahl der Suizid-Versuche dürfte in Deutschland bei 100 000 pro Jahr liegen, sagte er. Wenn man die Angehörigen und das weitere Umfeld hinzurechne, dann werde erst richtig deutlich, wie viele Menschen von dem Thema betroffen sind.

(Pressemitteilung: St. Elisabethen Stiftung)