Nach Befreiung: Familie darf Achtjährige nicht besuchen

Nach Befreiung: Familie darf Achtjährige nicht besuchen
Ein acht Jahre altes Mädchen soll nahezu sein gesamtes Leben lang in einem Haus im sauerländischen Attendorn festgehalten worden sein. (Bild: Franz-Peter Tschauner/dpa)
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Redaktion

Die vielleicht einzigen Menschen im bisherigen Leben einer Achtjährigen dürfen sie jetzt nicht mehr sehen – sie sollen ihr Furchtbares angetan haben. Im Ort des mutmaßlichen Verbrechens ist die Betroffenheit groß.

Attendorn (dpa) – Fast ihr gesamtes bisheriges Leben hat eine Achtjährige wohl in einem Haus im sauerländischen Attendorn verbringen müssen. Seit einigen Wochen ist ihr Leben auf den Kopf gestellt: Ihre bisher womöglich einzigen sozialen Kontakte dürfen sie nach ihrer Rettung vorerst nicht mehr sehen – schließlich waren es die Angehörigen, die für ihre Isolation verantwortlich sein sollen.

Die Mutter und die Großeltern dürften derzeit keinen Kontakt zu dem bei einer Pflegefamilie untergebrachten Kind haben, sagte der Fachbereichsleiter des Jugendamts im Kreis Olpe, Michael Färber, am Dienstag. Es gebe aber Überlegungen, wie man in der Sache weiter verfahre. Im Mittelpunkt stehe die Frage: «Was will das Kind?»

Die Achtjährige hat einen aufgeweckten Eindruck gemacht

Keine Polizei-Absperrbänder, kein Presserummel – am Dienstag erinnert vor dem unscheinbaren Haus nahe des Zentrums der 25 000-Einwohner-Stadt nichts daran, dass sich dort über Jahre hinweg Furchtbares abgespielt haben soll. Beinahe sieben Jahre soll das Mädchen dort von seiner Mutter und seinen Großeltern festgehalten worden sein. Davon geht zumindest die Staatsanwaltschaft Siegen aus, die gegen die drei wegen des Verdachts der Freiheitsberaubung und der Misshandlung von Schutzbefohlenen ermittelt. Im September wurde die Achtjährige befreit. Der Fall wurde Anfang November durch einen Bericht des «Sauerlandkuriers» öffentlich.

Dass das Mädchen das Haus jahrelang nicht verlassen haben dürfte, schließen die Ermittler aus seinem Verhalten nach seiner Rettung, wie Oberstaatsanwalt Patrick Baron von Grotthuss erklärte. Es sei offenbar sehr beeindruckt von der Außenwelt gewesen, etwa vom Garten, einem Baum, einer Wiese. «Das deutet für uns darauf hin, dass das Kind diese Eindrücke erstmalig erlebt hat», sagte er. Die Achtjährige habe aber einen aufgeweckten Eindruck gemacht. Sie könne sprechen und scheine auch Kenntnisse im Lesen und Schreiben zu haben. «Wir gehen davon aus, dass sie sich im Haus weitgehend frei bewegen durfte», sagte von Grotthuss. Hinweise auf körperliche Gewalt oder sexuellen Missbrauch haben die Ermittler nicht.

Wieso wurde das Mädchen nicht früher entdeckt?

Bei der Rettung fielen aber Probleme beim Treppensteigen und im Bewegungsapparat auf. Woran das liegt, müsse noch geklärt werden, sagte von Grotthuss. Die 46-jährige Mutter, die 76-jährige Großmutter und der 80-jährige Großvater haben sich noch nicht zu den Vorwürfen geäußert. Das Kind werde befragt, wenn es sein Zustand erlaube, sagte von Grotthuss. «Wir müssen uns behutsam rantasten und schauen, was wir dem Kind wann zumuten können.»

«Ich bin geschockt, ich habe selber zwei Kinder», sagte eine junge Mutter am Dienstag wenige Meter vom mutmaßlichen Tatort entfernt. «Das ist schon heftig, man hört das ja nur im Fernsehen oder in Filmen. Und dann passiert es hier in Attendorn, ausgerechnet.» Ein Attendorner sagte: «Man macht sich schon Gedanken, wie das über so lange Zeit nicht entdeckt werden konnte.»

Eine Frage, die auch den Bürgermeister von Attendorn, Christian Pospischil, umtreibt. In der Stadt habe anfangs Entsetzen geherrscht, die Betroffenheit sei noch immer groß. Auch er frage sich: «Ist das niemandem aufgefallen?» Er gab aber zu Bedenken, dass letztendlich Hinweise zur Befreiung geführt hätten. «Insofern glaube ich schon, dass da in gewissem Maße die soziale Kontrolle funktioniert hat.» Die Familie habe in dem Ort «nicht besonders zurückgezogen, aber auch nicht besonders prominent» gelebt.

Hat das Jugendamt versagt?

Seit Oktober 2020 seien einzelne anonyme Meldungen – per Brief und einmal telefonisch – eingegangen, wonach sich die Mutter in dem Haus aufhalte, sagte Michael Färber vom Jugendamt. Die Frau hatte sich im Sommer 2015 aus Attendorn abgemeldet und für sie und ihre Tochter einen neuen Wohnort in Italien angegeben. Laut Jugendamt konnten Vorwürfe einer möglichen Kindeswohlgefährdung anhand der Hinweise aber nicht konkretisiert werden. Entscheidend aktiv wurden die Behörden erst nach einem Hinweis eines Ehepaars vom Juli 2022.

Um eine Überprüfung des Vorgehens des Jugendamts komme man nicht umhin, sagte Oberstaatsanwalt von Grotthuss. Es könne in Richtung Körperverletzung durch Unterlassen gehen. Attendorns Bürgermeister Pospischil sagte, manche müssten sicher ihre eigene Rolle hinterfragen. Es dürften aber keine konkreten Vorwürfe erhoben werden, bevor nicht alles hinterleuchtet sei, mahnte er.

«Man kann nur hoffen, dass das Kind in irgendeiner Weise wieder einholen kann, was es verpasst hat», sagte ein Attendorner am Dienstag. Michael Färber vom Jugendamt betonte, das Kind sei jetzt in guten Händen. Es sei bei einer Pflegefamilie untergebracht, werde psychologisch betreut. Man habe großes Interesse, das Kind jetzt zu schützen – auch vor der Öffentlichkeit, sagte Färber.