Marc Chagall – Paradiesische Gärten: 70 farbenprächtige Werke des Malerpoeten hängen seit dieser Woche im Kunstmuseum

Marc Chagall – Paradiesische Gärten: 70 farbenprächtige Werke des Malerpoeten hängen seit dieser Woche im Kunstmuseum
Co-Kuratorin Dr. Sylvia Wölfle (rechts) und Kulturamtsleiter Alexander Warmbrunn (Mitte) betrachten die Kachel, aus gebranntem Ton, die das biblische Liebespaar David und Bathseba zeigt. Museums-Mitarbeiter Wolfgang Kuen (links) hat das wertvolle Werk von Marc Chagall gerade vorsichtig ausgepackt. (Bild: Kulturamt/Stefanie Bernhard-Lentz)
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Redaktion

Lindau – Sie sind da! Rund 70 Werke des Malerpoeten Marc Chagall sind in dieser Woche im Lindauer Kunstmuseum angekommen. Dass die Sonderausstellung „Marc Chagall – Paradiesische Gärten“, wie ursprünglich geplant, am 1. Mai eröffnen wird, ist derzeit nicht sicher. Sicher ist sich das Team des Museums aber in einem: „Diese Ausstellung WIRD öffnen – wenn auch zu einem späteren Zeitpunkt – und sie hat das Potential, den Besucherrekord von Hundertwasser aus dem Jahr 2019 einzustellen. Damals kamen 85.000 Besucherinnen und Besucher ins Museum. Wenn – ja, wenn es Corona nicht gäbe.

Derzeit wird fleißig im Kunstmuseum vorbereitet: Im Eingangsbereich leuchten prächtige Farben: himmlisches Blau, kraftvolles Grün und leuchtendes Rot. Neben Klimakisten, mit denen die wertvolle Fracht geliefert wurde, stehen die Gemälde – Werke von unschätzbarem Wert – teils in opulenten Rahmen, teils in schlichten Holzfassungen. Es sind fast schon magische Momente, wenn die Kisten geöffnet werden und die Schätze zum Vorschein kommen. Monatelang haben sich Kurator Professor Dr. Roland Doschka, Kulturamtsleiter Alexander Warmbrunn, Kunstmuseumsleiterin und Co-Kuratorin Dr. Sylvia Wölfle und Pia Mayer, die wissenschaftliche Volontärin, mit den Werken beschäftigt. Sie haben mit Leihgebern korrespondiert, an der idealen Präsentation gefeilt, Sponsorengelder akquiriert, Hygienekonzepte entwickelt, ein modernes Reservierungssystem installiert und den Begleitkatalog wissenschaftlich erarbeitet.

Jetzt, in dem Augenblick, in dem die Werke ausgepackt werden, scheinen alle Mühen vergessen: „Die Farben sind viel leuchtender und intensiver, als ich sie mir vorgestellt habe“, sagt Pia Mayer, und auch Sylvia Wölfe ist begeistert: „Es ist tatsächlich ein Fest der Farben.“ Die 42 lithografischen Illustrationen, die in Lindau zu sehen sein werden, erzählen die Liebesgeschichte von „Daphnis und Chloe“. Die antike Textvorlage stammt von dem Dichter Longos. Der Zyklus gilt als bedeutendstes lithographisches Mappenwerk des 20. Jahrhunderts. Darüber hinaus zeigt die Ausstellung rund 25 weitere, kostbare Originalwerke des Malerpoeten Marc Chagall zum Thema „Paradiesische Gärten“. „Dies ist eine geniale Kombination in Verbindung mit unserer Gartenschau, auf der Professor Doschka auch eigens einen Chagall-Garten anlegen wird“, so Alexander Warmbrunn.

Es ist eine besondere Mischung aus Begeisterung und professioneller Betriebsamkeit, aus Ehrfurcht und langjähriger Erfahrung im Umgang mit so großartiger Kunst, die in den Tagen des Ausstellungsaufbaus im Kunstmuseum zu spüren ist. Die Lindauer Ausstellungsmacher sind ein eingespieltes Team, denn der Großteil der Arbeiten hinter den Kulissen für die Lindauer Sonderausstellungen, die seit 2011 rund 650.000 Besucherinnen und Besucher begeistert haben, werden vom Team des Kulturamtes in Eigenregie geleistet: Zum Aufbauteam gehören auch Christian Bandte, Wolfgang Kuen, Christian Schmid und Jörg Wartner. Sie hängen die Werke professionell und setzen sie in Zusammenarbeit mit der Firma Zumtobel in das rechte Licht.

Das Surren des Akkubohrers ist zu hören, als Wolfgang Kuen die Schrauben aus der hellen, Klimakiste dreht. Er öffnet den Holzdeckel, und unter Noppenfolie und Seidenpapier kommt eine Arbeit aus gebranntem Ton zum Vorschein. Die 31 auf 27 Zentimeter große Keramik zeigt zwei Gesichter, die sich aneinanderschmiegen. Es sind David und Bathseba, das biblische Liebespaar. „Chagall bleibt bis ins hohe Alter experimentierfreudig, das zeigt auch die keramische Arbeit. Bemerkenswert ist, dass er seine Motive immer wieder in unterschiedlichen Techniken darstellt, das ist auch in unserer Ausstellung gut zu sehen“, erklärt Kunsthistorikerin Pia Mayer. Der Ton erzählt auch von der roten Erde Südfrankreichs. Nach seiner Kindheit im geliebten Witebsk (heutiges Weißrussland), seiner Zeit in Paris und dem schweren Exil in Amerika hatte Chagall hier eine neue Heimat gefunden.

Die Mitarbeiter des Museums Wolfgang Kuen und Christian Bandte beim Aufhängen des berühmten Chagall-Bildes „Der Nelkenstrauß“. (Bild: Kulturamt/Stefanie Bernhard-Lentz)

Die Werke der Lindauer Ausstellung dokumentieren vor allem sein Schaffen aus dieser Zeit – Chagalls Spätwerk. Der Künstler hatte nach dem Krieg und dem Verlust seiner ersten Frau und großen Liebe Bella endlich wieder Wurzeln geschlagen und neuen Lebensmut gefasst. Er lebte und arbeitete ab 1950 in der Nähe von Vence; hier fand er sein Paradies (wieder); hier entstand auch die Arbeit „Liebespaar mit Nelkenstrauß“, eines seiner bekanntesten Motive. Nicht umsonst haben die Lindauer Ausstellungsmacher es als Plakatmotiv und sogenanntes Key Visual gewählt. „Das Bild steht für den Neubeginn. Seine Palette wird wieder farbiger. Das schimmernde Grün des Hintergrunds wirkt fluoreszierend und von einer magischen Energie aufgeladen“, beschreibt Sylvia Wölfle die besondere Strahlkraft der Gouache.

Gesa Kolbe-Illigasch darf dem Bild ganz nahekommen. Sie ist die Restauratorin, die jedes der wertvollen Werke genau unter die Lupe nimmt. Denn jede große Reise eines bedeutenden Ausstellungsstückes wird mehrfach dokumentiert: So entsteht ein Protokoll beim Verlassen des Heimatortes, eines beim Eintreffen am Ausstellungsort, ein weiteres beim Verlassen des selbigen und schließlich eines, wenn das Werk wieder bei seinem Besitzer ankommt.

„Es ist immer wieder ein unglaublicher Vertrauensbeweis, dass Leihgeber aus aller Welt ihre Schätze in unsere Obhut geben“, sagt Warmbrunn. In diesem Jahr ist er besonders stolz: „Dass auch bedeutende, europäische Privatsammlungen uns wieder herausragende Werke anvertraut haben, ist eine unglaubliche Ehre, die wir dem ausgezeichneten Netzwerk von Professor Doschka verdanken.“ Zu diesem Netzwerk gehören auch die Nachkommen von Marc Chagall mit denen Sylvia Wölfle regelmäßig korrespondiert und bei der die Fäden der Leihgeber zusammenlaufen. Roland Doschka arbeitet schon seit über 30 Jahren mit dem „Comité Marc Chagall“ in Paris zusammen. Er hat bereits vier international beachtete Ausstellungen, unter anderem zum 100. Geburtstag mit der Familie vorbereitet. Das Team des Kunstmuseums kennt sich aus im Umgang mit renommierten Künstlerfamilien. So hat es auch schon mit den Familien Picasso, Klee, Miró, Macke, Modersohn und anderen intensiv zusammengearbeitet.

Vielleicht ist es ja kein Zufall, dass Lindau seinen Besucherinnen und Besuchern in diesem Jahr die Gelegenheit gibt, für einen Museumsbesuch lang einzutauchen, in eine paradiesische Farbenwelt, in der die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit miteinander verschmelzen. Nicht umsonst wird Chagall der Malerpoet genannt, der mit seinen Bildern Geschichten erzählt. Auch Geschichten der Zuversicht, denn „seine Bilder haben erlösende Kraft, sie sind gemalte Hoffnung“, verspricht Professor Doschka, der bereits 2012 eine Chagall-Ausstellung für Lindau kuratierte.

Verfasserin: Stefanie Bernhard-Lentz (Quelle: Kulturamt Lindau)