Irre verrückt

Irre verrückt
Mike Jörg, seit 1994 bekannt für seinen Jahresrückblick „Wa(h)r was?“ (Bild: PR/Mike Jörg)
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Redaktion

Mike Jörg, oberschwäbischer Kabarett-Grandseigneurs aus Weingarten, heitert Sie, in diesen humorlosen Zeiten, jede Woche bei uns ein bisschen auf. Der Satiriker ist seit 1994 bekannt für seinen satirischen Jahresrückblick „Wa(h)r was?“. Aus bekannten Gründen müssen alle Termine für die treffsicheren Sticheleien landauf und landab leider ausfallen. Nicht aber bei uns. Lassen Sie sich jede Woche überraschen, mit was Mike Jörg Ihre Lachmuskeln digital kitzeln wird. Viel Vergnügen!

Nicht alles, was verrückt ist, muss irre sein. Wenn Deutschland Europameister werden würde, wäre das verrückt; wenn ich im Lotto eine Million gewinnen würde, wäre das irre. Das ist einer Frau in Ohio passiert. Sie hat sich gegen Corona impfen lassen und dabei eine Million Dollar gewonnen, weil sie automatisch an einer Impf-Lotterie teilgenommen hatte. Die Amis finden es weder irre noch verrückt, dass sie Preise ausloben, um ihre Mitbürger zum Impfen zu bewegen. In Ohio kannst du als Jugendlicher ein Universitätsstipendium gewinnen, wenn du dich piksen lässt. In New York bekommst du nach dem Impfen einen fetten Joint geschenkt. 

Bitte nicht vordrängeln

Bei uns können sich Kinder zwischen 12 und 16 Jahre impfen lassen, aber bitte erst dann, wenn du dran bist. Du bist ja nicht dein Opa. Du darfst dich anstellen, aber bitte nicht vordrängeln! Auch das Spiel „Ochs am Berg“ hat klare Regeln. Wer beim Vordrängeln erwischt wird, muss sich wieder ganz hinten anstellen. Es sei denn, er ist clever wie dieser gewissenhafte Papa. Er hatte sich samt seine

r Frau und seinen zwei Kindern als Arzt-Familie verkleidet. Alle vier erschienen in Ärzte-weiß im Impfzentrum – und? Wurden geimpft. Schließlich gehören Ärzte zu den Helden der Corona-Zeit. Dieser fürsorgliche Papa hat die Spielregeln durchschaut.  

Sollte man Impf-Lotterien ausloben?

Hätte sich die Familie in Bäcker-weiß verkleidet, wären sie ausgelacht worden. –  Warum? Warum wird in den meisten Ländern der südlichen Hemisphäre so wenig geimpft? Haben es die Regierungen versäumt, Impf-Lotterien auszuloben? Sind dort die Menschen zu wenig korrupt, um sich einen Impftermin zu erschleichen? Oder liegt es an der verrückten Welt, von der niemand mehr weiß, dass sie vor langer Zeit mal ver-rückt wurde?  In der Wohnstube meiner Kindheit hängt noch heute eine Wanduhr, seit Generationen unverrückt. Auch meine Enkel sagen: Die Uhr gehört dort hin. Die darf nicht verrückt werden. Das ist halt so. Niemand hat den Mut, die Uhr zu verrücken.  

Das ist halt so

Seit Kolumbus haben sich die Herrschaftsverhältnisse in der globalen Welt ver-rückt.  Das ist halt so. Die Reichen werden reicher, die Mächtigen werden mächtiger. Die einen liegen bei einer Impf-Quote von 70%, die anderen bei 0,7%. Niemand hat das Gefühl, dies sei verrückt oder irre. Das ist halt so.

Das ist gut so

Bei „Ochs am Berg“ entscheidet der Ochse, wer wieder in die letzte Reihe muss. Der Ochse beobachtet, wann wo was ver-rückt wurde und er hat die Macht, die ver-rückten Verhältnisse wieder zurecht zu rücken.

Eine Pandemie ist kein Spiel. Die Weltgemeinschaft kann gegen die Pandemie nur dann gewinnen, wenn alle in einer Reihe stehen. Weltumspannende Solidarität macht Sinn. Wenn Sinn verloren geht, wird alles sinnlos. Wenn sich Sinn verirrt, wird alles irrsinnig. Corona ist wie der Ochse in „Ochs am Berg“. Corona zeigt uns, dass Ver-rücken verrückt ist, dass Sinn zum Irrsinn werden kann. Das ist weder irre noch verrückt. Das ist gut so.