Hochwasserkatastrophe: Zahl der Toten auf 95 gestiegen

Hochwasserkatastrophe: Zahl der Toten auf 95 gestiegen
Der Friedhof in Altenahr ist vom Hochwasser überflutet. (Bild: Thomas Frey/dpa)
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Redaktion

Nach den Überschwemmungen in Rheinland-Pfalz und NRW werden immer mehr Tote gefunden. Die hohe Zahl an Vermissten gibt Anlass zu noch größerer Sorge. Die Rettungsarbeiten sind im vollen Gange.

Koblenz/Düsseldorf (dpa) – Die Wassermassen wälzen sich regelrecht durch die Straßen, ganze Orte versinken in braunen Fluten. Das, was die meisten Menschen in Deutschland bislang nur aus weiter Ferne kannten, ist plötzlich ganz nah.

Mindestens 95 Menschen sind bislang bei der Hochwasserkatastrophe im Westen von Deutschland ums Leben gekommen. Weitere Todesopfer sind zu befürchten.

Der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz (SPD) rechnet bei den Bergungsarbeiten in Rheinland-Pfalz damit, dass Rettungskräfte weitere Tote finden. Die Zahl von 50 Toten sei inzwischen überschritten, sagte Lewentz im Deutschlandfunk. Nach Aussage von Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) habe die amtliche Zahl bei 52 gelegen. «Aber sie ist auch möglicherweise schon wieder gestiegen», sagte Dreyer.

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Die Zahl der Unwetter-Toten in Nordrhein-Westfalen auf mindestens 43 gestiegen. Das hat das NRW-Innenministerium auf Anfrage mitgeteilt.

Rurtalsperre in NRW läuft über

Und obwohl die heftigen Unwetter vorüber sind, ist die Gefahr nicht gebannt: Seit kurz vor Mitternacht läuft die Rurtalsperre in NRW über, «mit einer geringen Dynamik», wie der Wasserverband Eifel-Rur (WVER) mitteilt. Dadurch sei im Unterlauf der Rur mit Überschwemmungen sowie Überflutungen von Häusern und Kellern zu rechnen.

Der Wasserverband warnt, Menschen sollten sich nicht in Flussnähe aufhalten, da die Gefahr bestehe, mitgerissen zu werden. Auch sollten vollgelaufene Keller nicht betreten werden, weil die Gefahr von Stromschlägen bestehe. An besonders von Hochwasser betroffenen Stellen sei mit Evakuierungen zu rechnen.

Im heftig betroffenen Kreis Euskirchen in NRW soll ein Gutachter am Freitag erneut die Steinbachtalsperre unter die Lupe nehmen. Der Wasserstand war am Donnerstagabend durch Abpumpen zwar gesunken. Die Brauchwasser-Talsperre, deren Damm tiefe Furchen aufweist, war von einem Sachverständigen am Vortag als «sehr instabil» eingestuft worden. Deswegen wurden aus Sicherheitsgründen mehrere Ortschaften evakuiert. Betroffen waren rund 4500 Einwohner.

900 Soldaten in den Katastrophengebieten

Die Rettungskräfte setzen unterdessen die Suche nach Vermissten fort. Die Bundeswehr hat zur Unterstützung inzwischen rund 900 Soldaten in die Katastrophengebiete in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz geschickt.

Auch das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) unterstützt die betroffenen Regionen unter anderem mit Satellitenbildern. «Erste Satellitenbilder aus den vom Unwetter betroffenen Gebieten werden seit heute Morgen aufgenommen. Diese Bilder werden, sobald verfügbar, den Beteiligten im Krisenmanagement zur Verfügung gestellt», sagt Vizepräsident Thomas Herzog dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Das BBK kümmere sich zudem auch um die Koordinierung von Hilfen, beispielsweise von Helikoptern zur Rettung von Menschen oder Zapfstellen zur Abgabe von Trinkwasser.

Merkel sichert Hilfe zu

Die Schäden durch die Wassermassen sind in beiden Ländern immens. Das Land Rheinland-Pfalz stellt als kurzfristige Unterstützung 50 Millionen Euro bereit, um etwa Schäden an Straßen, Brücken und anderen Bauwerken zu beheben. Auch die Bundesregierung plant Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) zufolge ein Hilfsprogramm.

Kanzlerin Merkel versichert bei ihrem Besuch in den USA mit Blick auf die Betroffenen: «Wir werden sie in dieser schwierigen, schrecklichen Stunde nicht alleine lassen und werden auch helfen, wenn es um den Wiederaufbau geht.» Die Kanzlerin lässt sich nach eigenen Angaben fortlaufend über die Lage in den Hochwassergebieten informieren.

Grünen-Chef Robert Habeck spricht sich für die Auflage eines Hilfsfonds aus. «Ich fände es richtig, wenn wir jetzt sehr schnell einen Hilfsfonds auflegen, wie es 2013 auch nach dem großen Elbhochwasser der Fall war», sagt er der «Welt». «Wir müssen den Menschen in einer solchen Notsituation schnell und unbürokratisch unter die Arme greifen, und ein Teil des Geldes dafür muss aus dem Bundeshaushalt kommen.»

SPD-Chef Norbert Walter-Borjans sagt der Deutschen Presse-Agentur, die Menschen, die um ihre finanzielle Existenz fürchteten, bräuchten schnell Klarheit. Aufräumarbeiten und Wiederaufbau gelängen nur mit großer Solidarität.

Sondersitzung zu Hilfen

Nach Aussage von Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) ist noch keine Entwarnung in Sicht. «Die Lage ist weiterhin extrem angespannt in unserem Bundesland. Das Leid nimmt auch gar kein Ende», sagte sie beim Besuch der Leitstelle der Berufsfeuerwehr in Trier. Die Zahl der Toten steige weiter.

Überall gehe jetzt das Wasser zurück, daher würden nun Menschen gefunden, die bei der Katastrophe ertrunken seien. «Und da könnte man eigentlich nur noch weinen. Das ist ein Horror. Das ist alles ganz, ganz schlimm, wenn Existenzen berührt sind. Wenn Häuser kaputt sind, wenn Straßen aussehen, wie wir das gesehen haben – aber dass Menschen sterben bei dieser Katastrophe, das ist wirklich ganz furchtbar», sagte Dreyer.

Das nordrhein-westfälische Kabinett berät später in einer Sondersitzung über die Lage und Hilfen für die betroffenen Kommunen. Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) sagt in der ZDF-Sendung «maybrit illner», es müssten Wege gefunden werden, sehr schnell wieder Straßen, Brücken und andere Infrastruktur in Gang zu setzen. Das Land werde helfen, nötig sei aber auch «eine große nationale Kraftanstrengung, damit schnell die schlimmsten Dinge beseitigt werden».

Auch Nachbarländer kämpfen mit Hochwasser

Ebenfalls mit Hochwasser zu kämpfen haben Nachbarländer Deutschlands. In der Schweiz stiegen Flusspegel nach starken Regenfällen stark an. Im Kanton Schaffhausen überschwemmten laut der Nachrichtenagentur Keystone-sda angeschwollene Bäche die Dörfer Schleitheim und Beggingen. Wassermassen flossen durch Straßen, in Keller, rissen Fahrzeuge mit und zerstörten kleinere Brücken.

In Belgien wurden entlang der Maas vorbeugend Menschen aus einigen Gemeinden in Sicherheit gebrach.