Glosse: Warten vor der Ampel

Glosse: Warten vor der Ampel
Mike Jörg, seit 1994 bekannt für seinen Jahresrückblick „Wa(h)r was?“ (Bild: PR/Mike Jörg)
WOCHENBLATT
Redaktion

Der oberschwäbische Kabarett-Grandseigneurs Mike Jörg aus Weingarten heitert uns alle jede Woche ein bisschen auf und kitzelt digital unsere Lachmuskeln. Seit 1994 ist er bekannt für seinen satirischen Jahresrückblick „Wa(h)r was?“. Aus bekannten Gründen mussten alle Termine für seine treffsicheren Sticheleien in der ganzen Region ausfallen. Nicht aber bei uns. Lassen Sie sich jede Woche überraschen, was sich Mike Jörg überlegt hat und wo er den Finger in die Wunde hält. Viel Spaß!

Die Spannung steigt. Noch ist alles offen. Werden wir Jamaika bekommen oder eine Ampel-Koalition? Mit dem Bild Jamaika-Koalition kann ich was anfangen. Das sind die Nationalfarben des Landes. Aber warum Ampel? Warum nicht Paprika-Koalition. Das kennen alle, das wird dir in allen Supermärkten täglich angeboten. Schön verpackt eine rote, eine gelbe und eine grüne Paprika. Aber nein, für die Medien ist das eine Ampel-Koalition.

Jetzt wird ins Smartphone gegrinst

Warum? Für was stehen die drei Farben der Ampel? Gelb steht für startbereit, grün steht für freie Fahrt und rot steht für Stillstand. Das war vermutlich der Grund, warum sich die Grünen und die Gelben gleich zwei Tage nach der Wahl zu einem ersten Sondierungsgespräch getroffen haben. Wir wissen nicht, wo sie sich getroffen haben, aber sie haben ein Selfie gepostet. Das ist schon mal eine erste Veränderung gegenüber den Koalitionsverhandlungen von 2017. 

Immer schön im Kreis

Damals gab´s Winke Winke vom Balkon, jetzt wird ins Smartphone gegrinst. In der bildlichen Vorstellung „Ampel-Koalition“ stehen gelb und grün für Fortschritt. Nur: Was ist Fortschritt? Der Begriff kommt aus der Militärsprache. Ein Fort ist eine ummauerte Festungsanlage mit großem Innenraum. Dort mussten die Soldaten marschieren. Fort-Schritt. Immer schön im Kreis, anders geht es nicht. Marschiere mal in einer Festung stramm gerade aus. Dann landest du mit der Nase auf der Mauer. Deswegen wäre mir das Bild Paprika-Koalition lieber.

Kommt erst das Christkind oder eine regierungsfähige Koalition?

Egal, mich interessiert vor allem, was die Wähler wollten. Hätten dieses Mal nur die Erstwähler wählen dürfen, dann wäre Christian Lindner der kommende Bundeskanzler. Die Erstwähler wählten zu 24 Prozent die FDP und zu 23 Prozent die Grünen. Hätten nur die Beamten wählen dürfen, wäre Annalena Baerbock auf dem Weg ins Kanzleramt. 32 Prozent der Beamten wählten grün. Was wäre, wenn dieses Mal nur die Hartz IV-Empfänger hätten wählen dürfen? Das sind immerhin 3.85 Millionen Wahlberechtigte.  Oder wenn nur die hätten wählen dürfen, die unterhalb der Armutsgrenze leben. Das sind 18,7 % der Bevölkerung.

Alles wird gut, oder?

Alle am Schmieden einer Koalition Beteiligten versprechen, sie würden alles für uns tun, sie würden all ihr Herzblut aufbringen, um sich den Herausforderungen der Zukunft zu stellen, sie würden auch dem Klimawandel entschieden entgegentreten. Das stimmt mich fröhlich. Alles wird gut. Da können wir uns, verschlafen wie wir sind, nochmal im Kuschelbett umdrehen und weiterhin sorglos vor uns hindösen.