Glosse: Ein Gespenst geht um

Glosse: Ein Gespenst geht um
Mike Jörg, seit 1994 bekannt für seinen Jahresrückblick „Wa(h)r was?“ (Bild: PR/Mike Jörg)
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Redaktion

Am Wochenende ist es wieder so weit. Wir Älteren denken da an Allerheiligen und an Allerseelen; die Kinder und die Jugend freuen sich auf Halloween. Es gibt tolle Gespensterkostüme, verrückte Geisterpartys und in den Kindergärten schnitzen sie seit Wochen furchteinflößende Kürbisgeister. Mein Enkel lacht sich schief, wenn ich ihm zeige, wie sehr ich mich vor seinem Gespenst fürchte.

Was waren das für Zeiten…

Aber aus dem richtigen Leben sind Gespenster verschwunden. Selbst das Gespenst, das einst großen Schrecken verbreitete, wurde weggesperrt. Gelegentlich ruft es mich an und erzählt von früher: „Was waren das für Zeiten, als ich in den Herzen der Mächtigen Furcht und Schrecken verbreitete. Als ich mich zur Mit­ter­nachts­stun­de, in Form ei­nes Ske­letts mit Pro­le­ten­kap­pe, im Thron­ses­sel Wil­helms II. ge­rä­kelt habe“. Der Mon­arch sei in dieser Nacht mit ei­nem Angst­schrei aus dem Bett gefallen.

Der Kettenraucher hat das Gespenst vertrieben

Es denke an die Zeit zurück, als es die Stahl­ba­ro­ne in ih­ren Träu­men heim­such­te und an der Spit­ze der klas­sen­be­wuss­ten Mas­sen ih­re Fa­bri­ken be­setz­te, die ro­te Fah­ne in der Kno­chen­hand. Während der 50er und 60er Jahre habe es sich von der CDU engagieren lassen. „1976 habe ich“, gestand mir das Gespenst des Sozialismus, „meine schwerste Niederlage erlitten. Mir ist es nicht gelungen, den Wählern Angst und Schrecken einzujagen. Dieser Helmut Schmidt, dieser Kettenraucher, hat mich mit seinen stinkenden Rauchschwaden vertrieben“.

Endlich habe ich dich

Seit­dem sei es ab­wärts ge­gan­gen. Niemand mehr wollte sich vom Ge­spenst des So­zia­lis­mus erschrecken lassen. Deshalb habe es sich un­ter dem Marx-En­gels-Denk­mal in Ber­lin ver­kro­chen. Aber während der vergangenen Wahlkampfzeit habe es, ausgerechnet zur Geis­ter­stun­de, gehört, wie jemand mit schwe­ren Schrit­ten um das Denk­mal schlich.

Freiheit statt Sozialismus

Plötzlich sei es jäh­lings am Ge­wand ge­packt und aus dem Ver­steck ge­zerrt worden. „Endlich habe ich dich“, habe eine bru­ta­le Stim­me gesagt, und dann habe es in das Ge­sicht von Ralph Brink­haus geblickt. Vor Schreck sei es in eine tie­fe Ohn­macht gefallen. Als es wie­der zu sich gekommen sei, sei es angekettet in einem Keller gehockt. An den Wän­den er­kann­te es Sta­pel al­ter, von Spinn­we­ben be­han­ge­ner Bro­schü­ren, auf de­nen „Frei­heit statt So­zia­lis­mus“ zu le­sen war. Da sei ihm bewusst geworden, dass es sich in den tiefs­ten Ge­wöl­ben der CDU-Par­tei­zen­tra­le be­fin­de, sagte mir das Gespenst.

Das Gespenst lacht und lacht

Dann habe es wieder die Stim­me von Ralph Brink­haus gehört. Der habe gedroht: „Wenn du je wie­der hier raus willst, musst du für uns einen Job erledigen. Du musst den Men­schen das Fürch­ten leh­ren vor der stram­men Links­agen­da der Am­pel­ko­ali­ti­on“ Dann würden die Wähler wieder in die Arme der Union flüchten. Seither lacht das Ge­spenst. Es lacht und lacht immer lauter und hört nimmer auf. Deshalb ist es bis zum heu­ti­gen Ta­ge au­ßer­stan­de, zur Geis­ter­stun­de dem Herrn Lind­ner den Schlaf zu rau­ben.