Gewalt in der Geburtshilfe: Wie eine Rose bei der Verarbeitung von Traumata helfen soll

Gewalt in der Geburtshilfe: Wie eine Rose bei der Verarbeitung von Traumata helfen soll
„Hauptsache, das Baby ist gesund“, heißt es immer. Doch auch auf die Mama muss geschaut werden. (Bild: picture alliance / Waltraud Grubitzsch/dpa-Zentralbild/ZB)
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Redaktion

Es soll einer der schönsten Tage im Leben einer Frau sein. Der Tag, an dem sie ihr Baby in die Arme schließen darf. Doch viele Frauen erfahren unter der Geburt Respektlosigkeiten, Grenzüberschreitungen oder gar Gewalt. Das Ravensburger Netzwerk Schwangerschaft unterstützt Frauen bei der Aufarbeitung.

Achtung: Dieser Artikel könnte bestimmte Personengruppen triggern. Vor allem Mütter, die unter der Geburt psychische oder physisches Leid erfahren mussten. Sie lesen auf eigene Verantwortung weiter.

Von der Baby-Blase in den Alptraum

Die meisten Schwangeren machen sich im Vorfeld Gedanken rund um die Geburt. Jede wünscht sich, dass es vergleichsweise schnell, ohne Komplikationen und mit aushaltbaren Schmerzen vonstattengeht. Und am Ende dieser Strapazen darf sie erschöpft aber glücklich das neue Menschlein kuscheln. Doch in der Realität läuft das oft anders als erwartet.

Erschreckend viele Frauen erleben schreckliche Geburten. Und das nicht erst seit Corona. Wo die Gebärenden ohne die Unterstützung des werdenden Vaters oder anderen Vertrauenspersonen stundenlang allein mit den Wehen klarkommen müssen, bis er „zur eigentlichen Geburt“ mit dabei sein darf. So hört man zumindest von vielen Frauen, die in den letzten anderthalb Jahren ihre Kinder zur Welt brachten. Auch ohne Pandemie wurden und werden Gebärende ohne jede Hilfe allein in Nebenzimmern gelassen. Verunsichert und mit Schmerzen. Wenn sich über Stunden keine Hebamme blicken lässt, Fragen unfreundlich abgebügelt werden. Untersuchungen ohne Not und Vorwarnung stattfinden und die Gebärende ohne Aufklärung und Einverständnis mit Medikamenten „versorgt“ wird, die dafür sorgen, dass sie sich an kaum etwas erinnern kann.

Personalmangel in der Geburtshilfe

Doch was zählt eigentlich alles unter Gewalt? Und was sind die Gründe dafür, Ärzte, Pfleger und Hebammen zu solch einem Verhalten zu veranlassen? Was bringt einen Menschen dazu ausfällig oder grausam zu werden? Wie so oft spielt in den Kliniken Personalmangel die größte Rolle. Wenn eine Hebamme in ihrer Schicht acht Gebärende auf einmal betreuen muss, kann sie das nicht für jede Einzelne so intensiv tun, wie sie und die werdende Mama sich das wünschen.

Pfleger, Ärzte und  Hebammen ächzen seit Jahren unter dem immer höheren Druck. Doch statt mehr Stellen zu schaffen, werden immer mehr Entbindungsstationen wegrationalisiert. Bad Saulgau ist ein junges Beispiel aus der Region. Der deutsche Hebammenverband spricht von dringend benötigten strukturellen Änderungen, um Abhilfe zu schaffen. Der Druck ist groß.

Was genau ist Gewalt unter der Geburt?

Unter Gewalt fallen Verbale oder körperliche Gewalt, Maßnahmen gegen den eigenen Willen oder ohne vorherige Aufklärung, Verweigerung von Behandlung oder Betreuung, Behandlung ohne (ausreichende) Schmerzmittel, Verletzung der eigenen Privatsphäre oder Nötigung. Auch Eingriffe, wie PDA oder Kaiserschnitt, die von der Gebärenden als nicht notwendig erachtet werden, fallen unter Gewalt. Ein Kaiserschnitt bringt einer Klinik mehr Geld ein, als eine spontane Geburt. Es gibt durchaus Kliniken, die ein Drittel Kaiserschnitte haben. Es kann vorkommen, dass nicht jeder davon wirklich notwendig war. Und das kann bei der frisch gebackenen Mutter, nicht nur die physische Narbe hinterlassen.

Aktionstag Roses Revolution Day am 25. November

Am 25. November ist „Roses Revolution Day“. 2011 in Spanien ins Leben gerufen, wird dieser Tag inzwischen in mehr als 30 Ländern begangen. An diesem Tag legen Frauen, die Opfer solcher Taten geworden sind, eine Rose vor der Klinik nieder, in der ihre Kinder geboren wurden. Dazu legen manche Briefe nieder. Geburtsberichte oder persönliche Schreiben an die jeweilen Ärzte oder Geburtshelfer, die sich übergriffig verhalten haben. Denn ein solches Erlebnis sollte nicht unverarbeitet bleiben. Doch vielen Frauen fällt es schwer, über das Erlebte zu sprechen. Viele denken immer noch, dass sie sich irgendwie „angestellt“ hätten oder dass sie selbst Schuld sind. Zum Beispiel weil sie sich in dem Moment nicht gewehrt haben oder zumindest aktiv ihre Interessen kommuniziert haben.

Netzwerk Schwangerschaft aus Ravensburg begleitet Betroffene

Mütter können sich an die Berater*innen der Schwangerenberatungsstellen wenden, um traumatische Geburtserlebnisse aufzuarbeiten. Auf Wunsch helfen sie den Frauen auch bei der Formulierung von Briefen und begleiten sie, wenn sie am 25. November eine Rose vor die Klinik legen möchten, in der sie so schlechte Erfahrungen machen mussten. Auch im Landkreis Ravensburg gibt es genug Frauen, die Grund genug dafür hätten, eine Rose niederzulegen.

Kontakt für betroffene Frauen

Die Caritas Bodensee-Oberschwaben bietet in Ravensburg, Friedrichshafen und Leutkirch Anlaufstellen ihrer Katholischen Schwangerschaftsberatung, Email: ksb-rv@caritas-bodensee-oberschwaben.de, ksb-fn@caritas-bodensee-oberschwaben.de und ksb-ltk@caritas-bodensee-oberschwaben.de.

Alle Informationen finden Sie zudem auf www.caritas-bodensee-oberschwaben.de.

Profamilia hat ihre Beratungsstelle in Ravensburg, Grüner Turm. Homepage: www.profamilia.de, Telefon: 0751 24343. Ein offenes Ohr haben auch die Hebammen der Hebammerei: www.diehebammerei.com

Das ist das Netzwerk Schifra

Die Schwangerschaftsberatungsstellen von Caritas und Profamilia, aus freiberuflichen Hebammen, der Hebammerei/Geburtshaus Ravensburg, der Klinikseelsorge, der Mobile Frühförderstelle sowie eine Kunsttherapeutin bilden zusammen das Netwerk Schifra. Die Ansprechpartner*innen geben umfangreiche Hilfestellung und Beratung rund um Schwangerschaft, Geburt und die erste Zeit mit Kind. Weitere Informationen finden Sie im Internet unter www.mother-hood.de.