Gemeinsam gegen Gewalt und Respektlosigkeit

Gemeinsam gegen Gewalt und Respektlosigkeit
Über Gewalt und Aggressivität in der Gesellschaft diskutierten unter anderem (von links) Dr. Hubertus Friederich, Dr. Petra Zahn, Dr. Frank Schwärzler, Albert Keppler und Heiko Kächele. (Bild: ZfP)
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Redaktion

Zwiefalten (ZfP) – Gibt es eine Zunahme von Gewalt und Aggression in der Gesellschaft? Und wie gehen Kliniken, Justiz und Polizei sowie Gemeinden mit eskalierenden Vorfällen und Übergriffen um? Über diese Fragen diskutierten die Teilnehmenden der Ethiktagung in Zwiefalten. Verschiedene Referierende schilderten ihre Sichtweisen aus ihrem Berufsalltag.

Am vergangenen Montag veranstaltete das ZfP Südwürttemberg zusammen mit der PP.rt Reutlingen unter 3G-Bedingungen die 31. Tagung psychiatrische Ethik in der Rentalhalle. Das Thema „Gesellschaftliche Verrohung und psychiatrischer Auftrag“ wurde aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. „Die Gewaltbereitschaft und die Aggressivität in der Gesellschaft haben in den letzten Jahren zugenommen“, sagte Prof. Dr. Gerhard Längle, Regionaldirektor Alb-Neckar im ZfP Südwürttemberg und Geschäftsführer der PP.rt sowie GP.rt Reutlingen, in seiner Ansprache.

Als Beispiele zog er die Angriffe auf Rettungskräfte im Ahrtal heran, die Ausschreitungen bei Querdenker-Demos und schließlich als Spitze von Hass und Hetze den Mord an einem jungen Tankstellenmitarbeiter.

„Wir sind in den Kliniken von gewalttätigen Vorfällen mit betroffen“, betonte Längle. Die Psychiatrie sei ein Spiegel der Gesellschaft. In den Kliniken würden Entwicklungen und Effekte wie in einem Brennglas verstärkt werden und früher und deutlicher zu Tage treten. Was sind die Gründe für Gewalttätigkeit? Ist diese in psychischen Erkrankungen begründet? Wann ist ein psychisches Leiden nicht ausschlaggebend? Und wie kann es sein, dass voll schuldfähige Straftäter:innen in Kliniken für Forensische Psychiatrie untergebracht werden, obwohl keine Therapiemotivation besteht? Die Gesellschaft frage sich, wer sie vor Menschen mit aggressivem und gewalttätigem Verhalten mit oder ohne psychische Erkrankungen schütze. Diese und weitere Fragen warf Längle zur Klärung auf.

Welche Aufgaben die Psychiatrie eigentlich hat, erläuterte Prof. Dr. Tilman Steinert, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des ZfP am Standort Weissenau. Steinert nahm Bezug auf das geltende Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz in Baden-Württemberg. Der Experte verglich dieses mit der Rechtslage in anderen Bundesländern und kam zu dem Schluss, dass das baden-württembergische Gesetz überarbeitet werden müsste. Dies könne den Missbrauch von psychiatrischen Hilfesystemen für reine Ordnungsmaßnahmen vermeiden. Denn häufig würden Menschen in der Psychiatrie untergebracht, deren aggressives Verhalten nicht aufgrund einer psychischen Erkrankung vorliegt. „Es werden uns Menschen zugewiesen, die nicht führbar sind“, so der Psychiater. Vor allem in den Forensischen Kliniken sei die Bettensteigerung problematisch und berge ein hohes Konflikt- und Gewaltpotenzial.

An diesen Punkt knüpfte Dr. Udo Frank, Zentralbereichsleiter Maßregelvollzug im ZfP, an. Er ging auf die rechtlichen Rahmenbedingungen ein und erklärte, wann jemand im Maßregelvollzug untergebracht wird. Er stellte klar: „Die Mehrzahl der psychisch kranken Menschen ist nicht aggressiv auffällig. Die meisten gewalttätigen Menschen sind im Strafvollzug untergebracht, nicht in der Psychiatrie.“ Als Problem schilderte Dr. Frank verhaltensauffällige Menschen, die nicht wegen einer seelischen Erkrankung immer wieder straffällig werden, und trotzdem in den Maßregelvollzug eingewiesen werden. Es komme durch diese Personen häufig zu Übergriffen auf Klinikpersonal. Der Experte kritisierte, dass von Mitarbeitenden angezeigte Taten von der Justiz nicht so verfolgt würden wie beispielsweise Angriffe auf Rettungsdienst und Polizei.

Welche Probleme mit psychisch auffälligen Menschen die Polizei in ihrer täglichen Arbeit beschäftigen, schilderte praxisnah der Leiter des Polizeireviers Reutlingen, Kriminalinspektor Heiko Kächele. In der Polizeiausbildung nehme der Umgang mit psychisch auffälligen Menschen einen großen Teil ein, die Polizeikräfte würden in deeskalierendem Verhalten geschult. In Reutlingen gebe es täglich acht bis zehn Einsätze mit psychischem Sachverhalt. „Psychisch Kranke fühlen sich beim Anblick der Polizei oft bedroht und reagieren mit körperlicher Abwehr“, so Kächele. Diese Einsätze seien extrem belastend für die Kolleg:innen. Der Kriminalinspektor plädierte dafür, mit den somatischen und psychiatrischen Kliniken gut vernetzt zu bleiben und zusammen nach Lösungen zu suchen.

Dass es auch zu gewalttätigen Übergriffen innerhalb der Psychiatrie kommt, beschrieben die Ärztlichen Direktoren Dr. Hubertus Friederich und Dr. Frank Schwärzler. Friederich trug ein Praxisbeispiel aus der psychiatrischen Klinik des ZfP in Zwiefalten vor, Schwärzler berichtete von Vorfällen in der PP.rt. „Manche Problemfälle bringen uns an die Grenzen unseres therapeutischen Selbstverständnisses und unserer Empathiefähigkeit“, sagte Schwärzler nachdrücklich.

Manche Behandelte würden keine Regeln akzeptieren und, um ihre Forderungen zu erpressen, andere Mitpatient:innen aufwiegeln oder bedrohen und das Personal beschimpfen und angreifen – ohne, dass dieses Verhalten in der Erkrankung begründet ist. „Es ist nur ein kleiner Teil der Behandelten, der auffällig ist und gewalttätig wird“, betonte Friederich. Bei Vorfällen werde klar gemacht: Die Psychiatrie ist kein rechtsfreier Raum und respektloses Verhalten wird nicht toleriert. Taten werden vom Personal angezeigt, Sachbeschädigungen werden den Verursachenden in Rechnung gestellt. Ein Behandlungsabbruch mit der Aufforderung, die Sachen zu packen sowie die Aussprache von Hausverboten seien ebenfalls möglich. Auch dann würden Mitarbeitende oft noch bedroht und die Polizei eingeschaltet.

In einer abschließenden Podiumsdiskussion wurde erörtert, ob gewalttätige Vorfälle zunehmen und welche Lösungsstrategien es geben könne. Was hat sich in den letzten Jahren verändert? Wie zeigt sich die Verrohung der Gesellschaft? Diese und weitere Fragen stellte Dr. Friederich den Teilnehmenden.  Dr. Petra Zahn, Chefärztin der Klinik für interdisziplinäre Notfallmedizin der Kreiskliniken Reutlingen, berichtete vom Alltag in der Notaufnahme. „Gefühlt hat die Gewalt gegen Rettungskräfte und das Personal zugenommen“, so die Chefärztin. Die Vorfälle würden oft jedoch nicht dokumentiert und auch nicht angezeigt, weshalb kaum Zahlen über die Häufigkeit vorlägen. Mitarbeitende fühlten sich zunehmend belastet und bedroht.

Albert Keppler ist Leiter des Amts für öffentliche Ordnung in Reutlingen und hat in der Unterbringungsbehörde Überschneidungen mit der Psychiatrie. Er sagte: „Die Menschen erwarten als Lösung für Probleme wie Lärm oder andere störende Aspekte häufig eine psychiatrische Unterbringung der auffälligen Person.“ Dass es eine zunehmende Verrohung der Gesellschaft gibt, konnte der Ordnungsamtsleiter aus seiner Perspektive nicht bestätigen. Es handele sich lediglich um eine subjektive Zunahme. Beschimpfungen des Personals gebe es seit Jahren. „Manche abnormale Verhaltensweisen werden krasser, aber nicht häufiger“, berichtete Keppler.

„Störende Personen können nicht einfach zwangsbehandelt werden“, stellte der Direktor des Amtsgerichts Münsingen, Joachim Stahl, klar. Bei einer Unterbringung in der Psychiatrie müsse immer geprüft werden, wie lange ein Unterbringungsgrund vorliege, ob dieser ausreichend sei und wie lange jemand als gefährlich gelte. Die psychischen Auffälligkeiten würden zunehmen, stellte Stahl fest. Klinikdirektor Schwärzler berichtete: „Die Menschen haben unterschiedliche Auffassungen davon, wofür die Psychiatrie zuständig ist. Immer öfter werden Aufträge an uns herangetragen, die wir nicht erfüllen können.“ Er kritisierte zudem, dass angezeigte Übergriffe auf Psychiatriebeschäftigte strafrechtlich nicht so verfolgt würden wie wenn die gleiche Tat gegenüber dem Rettungsdienst oder der Polizei verübt worden wäre. Auch Friederich findet dies „schwer nachvollziehbar, wenn die Teams bei uns schlechter gestellt sind“. Kriminalinspektor Kächele bat darum, die Vorfälle weiterhin anzuzeigen, damit die Staatsanwaltschaften diesen nachgehen könnten.

Die Beteiligten waren sich insgesamt einig, dass es keine reale Zunahme der gewalttätigen Vorfälle gebe. Es werde mehr und öfter über Fälle von Gewalt und Aggression gesprochen und berichtet, Statistiken und Kriminalitätsberichte lägen jedoch keine Zunahme nahe. Chefärztin Zahn berichtete von einem gewachsenen Bewusstsein bei Übergriffen gegen Hilfskräfte und meinte: „Wir dürfen uns das nicht gefallen lassen.“ Die verbale Rohheit nehme zu und Respektlosigkeit werde extremer, berichtete Kächele. Gründe seien eine fehlende soziale Kontrolle sowie ein gesellschaftlicher Wertewandel. „Es ist unser aller Aufgabe, wieder mehr Respekt herzustellen“, so der Polizeidirektor. Zum Schluss entstand noch ein reger Austausch mit dem Publikum.

Der Pflegedirektor der Zwiefalter Klinik Ralf Aßfalg meinte, dass die subjektive Verrohung zunehme. Er betonte, dass Übergriffe auf Mitarbeitende jedoch häufiger würden. „Ein Teil der Patienten ist heute extrem gewaltbereit, das kenne ich so von früher nicht“, so der langjährige ZfP-Mitarbeiter. Gründe sieht er in einer gestärkten Patientenautonomie und dass Zwangsmaßnahmen erst gerichtlich geprüft werden müssen. Ein anderes Statement vonseiten der Pflegenden lautete: „Es gibt weniger Personal bei mehr Dokumentationsaufgaben. Da bleibt weniger Zeit für die Patienten.“ Ein Vertreter des Landratsamtes sagte: „Unser kollektives Sicherheitsbedürfnis ist angekratzt. Zusammen müssen wir dieses wieder stärken, das ist ein gesellschaftliches Problem.“ Einig waren sich alle, dass Klinikpersonal, Polizei, Verbünde, Institutionen und Ämter weiter in einem guten Austausch bleiben müssten, um gemeinsam Lösungen zu finden. Im Jahr 2022 findet die Ethiktagung wieder in der PP.rt in Reutlingen statt.

(Pressemitteilung: ZfP Südwürttemberg)