Ferkelerzeuger und Schweinemäster senden SOS

Ferkelerzeuger und Schweinemäster senden SOS
Hans-Benno Wichert (2. von re)) übergibt die Brandbriefe an MdL Klaus Burger (re) und MdL Martin Hahn (3. von re). Daneben Erwin Heckler, Stefan und Jonas Käppeler (Bild: M.Kohler)

Freier Redakteur
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Zum Pressegespräch über die Dauerkrise am Schweinemarkt begrüßte Ariane Amstutz (Pressesprecherin des Landesbauernverbandes) u. a. die Landtagsabgeordneten Martin Hahn (Bündnis 90/Die Grünen) und Klaus Burger CDU). Den Anwesenden wurde im Pressegespräch schwere Kost vermittelt, den Mandatsträgern zum Abschluss ein Brandbrief übergeben.

Hans-Benno Wichert (Vizepräsident des Landesbauernverbandes und Schweinezuchtverbandes Baden-Württemberg) ging sofort in die Vollen. Mit einer Statistik, die es in sich hatte, ließ er aufhorchen: „Das Ergebnis einer Umfrage ist erschütternd. 50 Prozent der Schweinehalter stehen vor einem totalen oder teilweisen Rückzug aus der Landwirtschaft.“ Diese Horrorzahlen aus den Familienbetrieben, so Wichert, führten zur Initiative „Gib der Krise ein Gesicht“. Nach Wicherts Worten äußerten sich viele betroffene Ferkelerzeuger und Schweinmäster zu Wort, sie werden an die politischen Mandatsträger weitergereicht.

Schreckliche Zahlen und Erlöse

Die Zahlen für die Erlöse während der Corona-Zeit sind furchterregend. Mäster erhielten, so Wichert, 1,20 Euro pro Kilo Schweinefleisch, für Ferkel wurden 25 Euro erlöst. Aktuell sind die Werte deutlich gestiegen, mit 2,50 Euro für Fleisch ist für die Mäster ein auskömmlicher Erlös erreicht. Die Ferkelerzeuger erhalten zwar 56 Euro, aber dieser Preis ist nicht auskömmlich. Notwendig wären 80 bis 100 Euro pro Ferkel. „Die Ferkelerzeuger bleiben auf der Strecke,“ malte Wichert ein düsteres Bild und sprach von einem Strukturbruch, den er mit Zahlen untermauerte. Im ganzen „Ländle“ gibt es nur noch 1700 Schweinehalter, davon 700 Ferkelerzeuger. Der Selbstversorgungsgrad beträgt noch 45 Prozent aus heimischer Erzeugung, aber bereits 55 Prozent kommen aus anderen Regionen, oder gar aus dem Ausland.

Wichert forderte die Verbraucher auf, sich für den Kauf von regional erzeugtem Fleisch zu entscheiden: „Damit unterstützen sie auch kurze und klimafreundliche Wege.“

Weitere Zahlen und Fakten finden Sie im Brandbrief hier:

Trotz Bio-Betrieb unsichere Zeiten

„Viele Ferkelerzeuger sind ausgebrannt und am Ende“, berichtet Erwin Heckler (Mitglied im Fachausschuss Vieh- und Fleisch vom Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverband). Er wies auf die hohen Kosten von Gas, Öl, Strom und weiteren Betriebsmitteln hin. „Ich habe zwar ein Bio-Betrieb, mir geht es etwas besser, aber die Zukunft sieht düster aus“, so Heckler.

Ohne langfristige Planungssicherheit keine Zukunft

Stefan Käppeler stellte die Entwicklung seines Betriebes seit 1986 vor. Sein Sohn Jonas, der den Betrieb in die Zukunft führen soll, warf einen Blick in die Zukunft: „Wir brauchen Planungssicherheit für 25 bis 30 Jahre. Die Vorschriften für die Mast treiben die Kosten für einen Platz auf 20.000 Euro. Ist keine Planungssicherheit gegeben, sind diese Kosten nicht mehr tragbar.“ Die Schlüsselrolle für Ferkelerzeugung und Schweinemast liegt, so Käppeler bei der Politik und den Verbrauchern: „Sie haben es gemeinsam mit ihren politischen Entscheidungen und dem Einkaufsverhalten in der Hand!“ Mitgefühl zeigte er mit den Ferkelerzeugern, diese stünden buchstäblich mit dem Rücken zur Wand. Mehr zum Betrieb der Familie Stefan Käppeler gibt es hier:

„Wir ruinieren unsere Landwirtschaft“

Wohltuend sachorientiert präsentierte und argumentierte der Landtagsabgeordnete Hahn. Er betonte, dass die bäuerliche Landwirtschaft für den lokalen Wirtschaftskreislauf überaus wichtig sei und betonte: „Wir ruinieren mit den Discountern unsere Landwirtschaft.“ Hahn setzt auf Gespräche zwischen Handel, Erzeugern, Politik und Verbrauchern, um aus dieser Sackgasse wieder herauszukommen. Er gab aber bereitwillig zu, dass die notwendigen Investitionen langfristig plan- und kalkulierbar sein müssen. Anzustreben sei, so Hahn, dass der Fleisch-Standard 5 D (in Deutschland geboren, aufgezogen, gemästet, geschlachtet und verarbeitet) erreicht werde: „Oder wollen wir unsere Bedarfe aus dem Ausland decken?“

Hahn sah es als Ziel, dass Betriebe trotz mangelnder Eigenkapitalbildung Zugang zu Fördermitteln erhalten. Mit einer Frage in die Runde ließ er aufhorchen: „Wollen wir eine Abhängigkeit vom Ausland, vom dortigen Tierwohl abgesehen?“ Der Abgeordnete betonte, dass Baden-Württemberg die landwirtschaftlichen Betriebe brauche. Zu einem „Stand still“ sagte er: „Die Fristen für die Umsetzung der Haltungsvorschriften sind bei dem derzeitigen Geldmangel nicht einzuhalten.“

Verbraucher sollen regionale Ware honorieren

Sein Abgeordnetenkollege Burger macht nicht nur der niedrige Selbstversorgungsgrad im Land zu schaffen: „Der Krieg hat explodierende Kosten verursacht. Die steigenden Anforderungen an die Tierhaltung müssten durch einen ausreichenden Erlös der Erzeuger begleitet sein.“ Weil dies offenkundig nicht der Fall ist, plädierte auch er für einen „Stand still“, es sei jetzt nicht die Zeit für die Umsetzung der Vorschriften. Burger appellierte, dass die regional gekennzeichnete Ware von den Verbrauchern auch akzeptiert und honoriert werden sollten. Nach seiner Ansicht ist es höchste Zeit, sich mit den Handelsstrukturen auseinanderzusetzen und forderte: „Wir müssen mit den Landwirten reden, nicht über sie!“

Fleischpreis als Lockmittel des Handels

Jonas Käppeler erinnerte in der Diskussion, dass der Handel Fleischpreise als Lockmittel für die Verbraucher nutze. Wichert ergänzte, dass es Erhebungen eines Kompetenznetzwerkes gäbe, nach denen etwa 3,5 bis fünf Milliarden an Zahlungen notwendig wären, um die Diskrepanz zwischen den ausufernden Forderungen an die Erzeuger und deren erzielbaren Erlöse auszugleichen. Dem Kompetenzteam gehören, so Wichert, u. a. Vertreter der Wissenschaft, Politik, Landwirte, Tier- und Umweltschützer an. Düster fiel sein Fazit zur derzeitigen Situation mit hochwertigster Ware aus: „Der Bio-Bereich bricht ein und auch EDEKA hat große Probleme, hochwertiges Fleisch zu verkaufen.“ Problematisch wird deshalb auch die Situation für die kleineren Metzgereibetriebe. Stefan Käppeler dazu: „Die Betriebe bekommen keinen Metzgernachwuchs, die Berufsschulklassen sind leer, geschlachtet wird fast nur noch in großen Schlachthöfen.“