Fastenzeit mit Baby und Kleinkind – Auf was soll ich denn noch alles verzichten?

Fastenzeit mit Baby und Kleinkind – Auf was soll ich denn noch alles verzichten?
Wo steht mir der Kopf: Das Leben mit Baby ist wundervoll und anstrengend zugleich. (Bild: picture alliance / Zoonar | lev dolgachov)
Julian Leberer

Es ist Fastenzeit aber als frisch gebackener Vater verzichte ich doch eh schon die ganze Zeit. Auf Schlaf, Nahrung oder ein Sozialleben zum Beispiel!

Eine genaue Anleitung zum Fasten gibt es nicht. Im Grunde kann man alles fasten, was einem persönlich weh tut. Das ist eine sehr anwenderunfreundliche Auslegung. Vor allem für uns Männer, deren Frauen festlegen, worauf genau wir verzichten sollen.

Grundsätzlich halte ich es für absolut sinnvoll zu fasten und bin der Meinung, dass wir alle ein paar Laster im Alltag haben, deren Verzicht, zumindest für einen überschaubaren Zeitraum, ganz bestimmt nicht schadet und uns auch dabei helfen kann, insgesamt dankbarer und nachhaltiger zu leben.

Ich verzichte doch jeden verdammten Tag!

Aaaaber: Auf der anderen Seite bin ich aber auch junger Vater. Mein erstes Kind, geboren mitten in der Pandemie. Seit der Geburt bin ich gefühlt am Dauerfasten. Ich weiß manchmal nicht, ob ich denn auf irgendetwas NICHT verzichte. Auf Schlaf verzichte ich jedenfalls seit 12 Monaten. Würde ich mein, letzten Sommer neu angeschafftes Bett, verkaufen wollen, könnte ich es gut und gerne als „neuwertig“ oder „kaum benutzt“ inserieren. Da ich zudem noch einer der wenigen Menschen bin, die keinen Kaffee trinken, hilft morgens nur die eiskalte Dusche, um einigermaßen auf Touren zu kommen. Aufgrund chronischen Zeitmangels mit Kleinkind, verzichte ich dann auch an den meisten Tagen auf ein Frühstück. Beim Blick auf meinen Bauch, sollte das aber ohne ernste Konsequenzen bleiben.

Freunde, Essen, Schlaf – Was wollt ihr denn noch von mir?

Bevor ich das Haus verlasse, überfliege ich noch schnell die 5 neuen Nachrichten von der Kita: Corona-Test positiv, Erzieherin mit positivem Schnelltest, Frederike hat Geburtstag und ihre Mama bringt zur Feier des Tages Brokkoli-Muffins mit und noch zweimal Corona-Verdacht. Also ein ganz normaler Morgen. Im Büro angekommen, geht der Verzicht dann weiter. Hier beschränken sich nette Unterhaltungen mit Kollegen ebenfalls auf ein Mindestmaß, da durch Maskenpflicht und Mindestabstand einfach keine entspannte Atmosphäre aufkommen mag. Irgendwie geht jeder seiner Arbeit nach und ist fast froh, wenn er nicht gestört und somit einem erhöhten Ansteckungsrisiko ausgesetzt wird.

Wieder zuhause angekommen, werde ich direkt freudestrahlend von meiner kleinen Tochter empfangen. Auch wenn das für mich persönlich einer der schönsten Momente am Tag ist, so weiß ich trotzdem genau, was jetzt die nächsten Stunden angesagt ist: Spielen, Toben, Tragen, auf dem Boden herum kriechen. Für mich heißt dieses Nachmittagsprogramm auch Verzicht. Treffen mit Freunden, Sport (na gut, hier ist es nicht immer ein ganz so schlimmer Verzicht), Zeit für sich alleine – alles Dinge, die mit Kind erfolgreich gefastet werden.

Da ich schon kein Frühstück hatte und das belegte Brötchen bei der Arbeit auch kein wirklicher Gaumenschmaus gewesen ist, freue ich mich umso mehr aufs Abendessen und mein wohlverdientes Feierabendbier. In meinem Kopf male ich mir also schon einen saftigen Braten mit Knödeln und Kroketten aus – diese Belohnung habe ich mir schließlich mehr als verdient! Gute zehn Minuten später sitze ich dann vor einem Teller mit Gemüsesticks und einer Scheibe Brot, die mich mit ihrem Frischkäsegesicht angrinst. Kurzzeitig muss ich also wohl vergessen haben, dass wir uns ja dazu entschlossen hatten, nur noch Dinge zu essen, die unsere Tochter auch schon mitessen kann. Ach ja, das Bier gibt es natürlich auch nicht – mit Kind am Tisch darf kein Alkohol getrunken werden.

Schwiegis statt Schiris

Abends steht dann noch der Besuch bei den Schwiegereltern auf dem Programm – und das an einem Mittwoch, an dem endlich wieder Champions League vor Fans im Stadion läuft. Bis vor einem Jahr wäre das eigentlich undenkbar gewesen. Heute stehe ich aber vor der Wahl, bis fast 22 Uhr zuhause Bettexpress zu spielen und das Spiel zu verpassen oder meine Frau glücklich zu machen, indem wir ihre Eltern besuchen und auch das Spiel zu verpassen. Dort angekommen, wird mir von der Schwiegermama zuerst einmal direkt der Maxi-Cosi aus der Hand gerissen. Auf eine Begrüßung muss ich verzichten. Etwas später sitzen wir dann alle, zusammen mit gut 300 Spielsachen, auf einer dicken Decke auf dem Boden und schauen unserer Tochter dabei zu, wie sie ausschließlich mit dem Korb spielt, in dem das Spielzeug aufbewahrt wird. Im Sekundentakt darf ich mir ganz aufgeregt anhören, was unsere Tochter seit dem letzten Besuch bei Oma und Opa alles neu dazugelernt hat. Da ich auf Höflichkeit zum Glück noch nicht verzichte, setze ich ein erstauntes Gesicht auf und versuche ebenfalls sehr überrascht zu wirken.

Ein Glas Wein, leckere Kekse oder etwas zu knabbern kann uns meine Schwiegermama leider nicht anbieten – schließlich ist gerade Fastenzeit. Wenn wir dann endlich zu Hause sind und das Kind schläft, versuche ich mir das Spiel nachträglich anzuschauen und irgendwo im Keller ist bestimmt auch noch ein Bier versteckt. So ein klein wenig Selbsterhalt muss sein. Auch wenn es dann heute wieder so spät wird, dass mich morgen nur noch ein Eimer voll kaltem Wasser aus dem Bett bekommt. In dem Sinne: Prost!