Fahrerflucht – alles andere als ein Kavaliersdelikt

Fahrerflucht – alles andere als ein Kavaliersdelikt
Im vergangenen Jahr klärte die Polizei Ravensburg etwa 1/3 der Verkehrsunfallfluchten auf / Symbolbild (Bild: picture alliance/dpa | Philipp von Ditfurth)

Die Polizei Ravensburg unternimmt große Anstrengungen, die Verursacher zu ermitteln und ist oft erfolgreich

Ravensburg (le) – Wie schnell ist es passiert. Ein kleiner Dreh am Radio und schon hat man beim Einparken den Außenspiegel des Wagens nebenan abgefahren oder den Vordermann an der roten Ampel kurz gerammt. Jetzt spielen sich in Sekundenschnelle zwei Szenarien im Kopf ab: Anhalten und sich der unangenehmen Situation stellen oder die Fliege machen, es war ja nur ein Kavaliersdelikt. Weit gefehlt! Wer sich entfernt, begeht Fahrerflucht. Das gilt auch, wenn man im ersten Schock zunächst nur 100 m weitergefahren ist und dann zum Unfallort zurückkehrt.

Rund 5 Millionen Euro Sachschaden bei uns

Das Thema Verkehrsunfallflucht spielt im polizeilichen Alltag eine große Rolle. Aktuelle Zahlen des Polizeipräsidiums Ravensburg bestätigen das. So wurden im Jahr 2020 insgesamt 2.790 und im Jahr 2019 insgesamt 3.256 Strafanzeigen nach einem Unfall mit zunächst unbekanntem Verursacher vorgelegt. Der jährlich entstandene Sachschaden wird dabei allein im Zuständigkeitsbereich des Präsidiums Ravensburg auf etwa 5 Millionen Euro beziffert.

Wir haben bei der Polizei nachgefragt:

Was sind die Hauptbeweggründe des unerlaubten Entfernens?

Die Beweggründe der Täter sind vielschichtig und reichen von der Bagatellisierung des entstandenen Sachschadens und Unbehagen über einen höheren Versicherungsbeitrag bis hin zur Unsicherheit bezüglich des richtigen Verhaltens nach einem Unfall. Ein weiterer Hauptbeweggrund besteht in der Absicht, andere Vergehen im Straßenverkehr, wie beispielsweise das Fahren und Alkohol- und Drogeneinfluss, das Fahren ohne Führerschein, oder die Begehung von Straftaten zu verdecken. Insbesondere bei Fällen mit größerem Sachschaden oder gar verletzten und getöteten Personen kann dies ein Motiv darstellen. 

Welche Anstrengungen unternimmt die Polizei, die Täter zu ermitteln?

Auch wenn die Täter damit rechnen, unentdeckt zu bleiben, bietet sich der Polizei – in Abhängigkeit von der Schwere der Unfallfolge – ein großes Spektrum an Ermittlungsmöglichkeiten. Oftmals können Zeugen wesentliche Hinweise geben. Zudem können bereits kleinste Fahrzeugteile und Spuren sowie Teilkennzeichen und Fahrzeugtypenbeschreibungen zur Ermittlung des Unfallverursachers führen. Im vergangenen Jahr wurden etwa 1/3 der Verkehrsunfallfluchten aufgeklärt.    

Ich habe ein Auto auf dem Parkplatz angefahren und hinterlasse meine Daten an der Windschutzscheibe. Reicht das für den Moment?

Der leider sehr bekannte „Zettel an der Windschutzscheibe“ reicht nicht aus. Sie müssen vor Ort warten, bis der andere Verkehrsteilnehmer an sein Auto zurückkehrt, um den Austausch der Personalien und die Schadensregulierung zu ermöglichen. Wenn der Fahrer des anderen Autos nach einer angemessenen Wartezeit noch nicht zurück an sein Fahrzeug gekehrt ist, verständigen Sie unbedingt telefonisch ihre nächstgelegene Polizeidienststelle oder wählen den Polizeinotruf. Die Kolleginnen und Kollegen können Ihnen dann im Einzelfall das weitere Vorgehen schildern.   

Der bei vielen bekannte „Zettel an der Windschutzscheibe“ reicht bei einem Rempler auf keinen Fall aus
Der bei vielen bekannte „Zettel an der Windschutzscheibe“ reicht bei einem Rempler auf keinen Fall aus (Bild: picture alliance / ZB | Jens Wolf)

Ein Passant hat gesehen, wie jemand einen Wagen anfährt und meldet das Kennzeichen des Verursachers bei der Polizei. Was geschieht?

Der Fahrzeughalter kann über eine Halterabfrage ermittelt werden. Die Polizei wird daher weitere Ermittlungen zum tatsächlichen Fahrer tätigen und an dem Fahrzeug des Unfallverursachers eine entsprechende Spurensicherung vornehmen.  

Mit welchen Strafen muss man beim unerlaubten Entfernen rechnen und kann auch der Führerscheinentzug drohen?

Verkehrsunfallflucht ist kein Kavaliersdelikt. Der Gesetzgeber sieht als Strafmaß für das unerlaubte Entfernen von der Unfallstelle nach §142 StGB eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe vor. Zudem drohen führerscheinrechtliche Maßnahmen, wie zum Beispiel ein mehrmonatiges Fahrverbot.

Wie lange hat man nach begangener Fahrerflucht Zeit für eine Selbstanzeige und wirkt sich das positiv auf die Strafe aus?

Nach §142 StGB kann das Gericht die Strafe mildern oder ganz von einer Strafe absehen, wenn sich der Unfallverursacher innerhalb von 24 Stunden freiwillig meldet. Dies gilt jedoch nur für den sogenannten „ruhenden Verkehr“, das heißt bei einem Unfall im Zusammenhang mit geparkten Fahrzeugen und nur, wenn hierbei lediglich geringer Sachschaden entstanden ist. In den übrigen Fällen wägt das Gericht bei der Würdigung des Einzelfalls ab, inwieweit sich eine Selbstanzeige positiv auf die Strafe auswirkt. 

Ein Parkrempler gilt als kleiner Unfallschaden. Daher sollte man sich gewissenhaft verhalten.
Ein Parkrempler gilt als kleiner Unfallschaden. Daher sollte man sich gewissenhaft verhalten. (Bild: bussgeldkatalog.org)

Ich habe einen Rempler beobachtet und informiere die Polizei. Muss ich vor Ort warten bis Beamte eintreffen?

Dies hängt vom Einzelfall ab. Am besten sprechen Sie dies in der konkreten Situation direkt telefonisch mit dem zuständigen Beamten ab. Wichtig wäre, dass sie den beobachteten Rempler unverzüglich melden, sodass zeitnah Ermittlungen aufgenommen und entsprechende Spuren im ursprünglichen Zustand gesichert werden können.  

Wie verhält man sich richtig, wenn das Malheur passiert ist?

Sie müssen die Feststellung ihrer Personalien und gegebenenfalls die Überprüfung ihres Fahrzeugs ermöglichen, bevor Sie die Unfallstelle verlassen. Sollten nicht alle Unfallbeteiligten vor Ort sein, oder Unklarheit darüber bestehen, wer den Unfall verursacht hat, verständigen Sie telefonisch ihr nächstgelegenes Polizeirevier. Sollten alle Beteiligten vor Ort sich einig sein, können die Personalien direkt ausgetauscht werden. In diesen Fällen ist die Polizei nicht unbedingt erforderlich. Fertigen Sie sicherheitshalber Fotos von der Unfallstelle und den entstandenen Schäden.

Weitere Infos gibt es auch unter www.bussgeldkatalog.org