EU: Frau nach Protestaktion im russischen TV verschwunden

EU: Frau nach Protestaktion im russischen TV verschwunden
In Russland ist es Medien verboten, den russischen Einmarsch in die Ukraine als «Krieg» oder «Invasion» zu benennen - eine Frau tat in einer Nachrichtensendung genau das. (Bild: Social Media/dpa)
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Redaktion

«Nein zum Krieg!»: Eine Mitarbeiterin des russischen Staatsfernsehens stört mit einem Protestplakat eine Nachrichtensendung. Weltweit bekommt sie Lob für ihren Mut – in ihrer Heimat wird sie festgenommen.

Moskau (dpa) – Die Frau, die im russischen Live-Fernsehen gegen den Ukraine-Krieg protestiert hat, ist laut EU-Angaben verschwunden. «Ihre Anwälte dürfen keinen Kontakt zu ihr aufnehmen», fügte der Sprecher des EU-Chefdiplomaten Josep Borrellhinzu.

Der Protest sei das jüngste Beispiel einer mutigen Haltung, welche die Lügen und Propaganda des Kremls widerlege. Russlands Regierung setze ihre Unterdrückung der einheimischen Opposition und der friedliebenden Bevölkerung fort und verweigere ihnen Grundrechte wie die Meinungsfreiheit.

«Hier werdet ihr belogen»

Mit einem Protestplakat und lauten Rufen hatte eine Kriegsgegnerin im russischen Staatsfernsehen für eine Unterbrechung der abendlichen Hauptnachrichtensendung gesorgt. Während der Live-Übertragung am sprang die Frau plötzlich hinter Nachrichtensprecherin Jekaterina Andrejewa ins Bild und hielt ein Schild mit der Aufschrift «Stoppt den Krieg. Glaubt der Propaganda nicht. Hier werdet ihr belogen» hoch. Dazu rief sie mehrmals laut: «Nein zum Krieg, Nein zum Krieg, Nein zum Krieg!»

Anschließend brach die Übertragung ab und es wurden Bilder aus einem Krankenhaus gezeigt.

Aktion zuvor angekündigt

Laut russischen Medienberichten und Journalisten heißt die Frau Marina Owsjannikowa und ist eine Mitarbeiterin des Staatssenders. Im Netz verbreitete sich ein zuvor aufgenommenes Video, in dem sie sagt, sie schäme sich dafür, jahrelang Kreml-Propaganda verbreitet zu haben. «Was in der Ukraine geschieht, ist ein Verbrechen.»

Verantwortlich für die Aggression sei nur Russlands Präsident Wladimir Putin. Sie rief ihre Landsleute dazu auf, gegen den Krieg zu protestieren. «Es liegt nur an uns, diesen ganzen Wahnsinn zu beenden.» Die Behörden könnten nicht alle einsperren.

Der Videoausschnitt aus der Nachrichtensendung verbreitete sich umgehend in sozialen Netzwerken. Vor allem russische Oppositionelle lobten die Frau für ihren Mut. «Was Mut wirklich bedeutet», schrieb der Pianist Igor Levit bei Twitter. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bedankte sich bei ihr.

Kreml bezeichnet Aktion als «Rowdytum»

Der Kreml hat die Kritik der Mitarbeiterin scharf verurteilt. «Was dieses Mädchen angeht, das ist Rowdytum», sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow der Agentur Interfax zufolge. Der Fernsehsender müsse die Angelegenheit regeln, es sei nicht Aufgabe des Kreml. Auf dem Plakat war auch zu lesen, dass die Zuschauer «hier belogen» werden.

Es war auch am Tag nach dem Zwischenfall unklar, wo die Journalistin sich aufhielt. Anwälte hatten mitgeteilt, es fehle jeder Kontakt zu ihr. Medienberichten zufolge soll sie festgenommen worden sein.

In Staatsmedien ist es untersagt, von Krieg zu sprechen. Die russische Staatsführung nennt das Vorgehen eine «militärische Spezial-Operation» zur «Entmilitarisierung» und zur «Entnazifizierung» der Ukraine. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, der jüdische Wurzeln hat, bedankte sich bei Owsjannikowa.

Bürgerrechtsorganisationen wollen helfen

Anwälte der Bürgerrechtsorganisation IWD-Info hätten die Frau auch mehr als zehn Stunden nach der Protestaktion nicht kontaktieren können, schrieb der Ex-Chefredakteur des dichtgemachten Radiosenders Echo Moskwy, Alexej Wenediktow, bei Twitter.

Das Lager des russischen Oppositionsführers Alexej Nawalny will die Frau unterstützen. Man wolle die Strafen übernehmen, die gegen sie verhängt werden könnten, schrieb Maria Pewtschich von Nawalnys Organisation FBK bei Twitter.

In Russland drohen hohe Strafen für angebliche Falschinformationen über die russischen Streitkräfte bis hin zu 15 Jahren Gefängnis. Der Krieg in der Ukraine wird in den Staatsmedien als «militärische Spezialoperation» bezeichnet.