Die Handwerkskammer Ulm sorgt sich um die Jugend

Die Handwerkskammer Ulm sorgt sich um die Jugend
Der Nachwuchs droht in Pandemie-Zeiten den Anschluss zum Handwerk zu verlieren. (Bild: www.amh-online.de)
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Redaktion

Ulm – Die Handwerkskammer Ulm (HWK) zeigt sich mit Blick auf den Ausbildungsmarkt im zweiten Corona-Krisenjahr besorgt und warnt – laut Pressemitteilung – vor einem „Problem-Ausbildungsjahr“ im regionalen Handwerk, wenn nicht gegengesteuert wird.

Die Zahl der Bewerber um eine Ausbildungsstelle im Handwerk ist laut Agentur für Arbeit Ulm deutlich rückläufig im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, während die Zahl der Schulabgänger eigentlich stabil wäre. Weniger Jugendliche interessieren und bemühen sich derzeit für ihre Zeit nach der Schule und ihre Berufsorientierung.

Angesichts geschlossener Schulen und fehlender Ausbildungsmessen fällt dem Handwerk – so die HWK weiter – der Kontakt zu den Jugendlichen schwer. „Wir erreichen die Jugendlichen in ihren Zimmern zuhause nicht. Das Ausbildungsjahr 2021 ist schwieriger als das letzte Krisenjahr“, betont Dr. Tobias Mehlich, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Ulm.

Dadurch könne ein großer Schaden entstehen – nicht nur für Betriebe, die keinen Azubi finden, sondern vielmehr auch für die Jugendlichen, die durch Corona und den damit einhergehenden Einschränkungen den Einstieg in ihr Berufsleben verpassen. „Der Start ins Berufsleben ist grundlegend wichtig fürs Lebensglück junger Menschen. Der darf nicht verbockt werden, sonst nimmt auch unsere Gesellschaft Schaden“, ist Mehlich überzeugt.

Für das vergangene Jahr hatte die Handwerkskammer ein Minus von 4,8 Prozent an neuen Ausbildungsverhältnissen gemeldet. Aktuell sind im Gebiet der Handwerkskammer Ulm zwischen Ostalb und Bodensee noch 461 Lehrstellen für den Ausbildungsstart im September offen.

In jeder Region könne die Handwerkskammer Ulm noch jeden Ausbildungsberuf in einem Handwerksbetrieb ermöglichen. Die Chancen für Jugendliche auf einen modernen und anspruchsvollen Ausbildungsplatz seien bestens. Ein Grund für die sinkende Zahl an Bewerbern – vor allem der aktuellen Schulabgehenden – sieht die Handwerkskammer Ulm darin, dass die gewohnten Kontaktpunkte zwischen Jugendlichen und ausbildenden Handwerksbetrieben durch die Pandemie seit vielen Monaten versperrt und gestört sind.

Berufsorientierung sei für junge Menschen mit dem Unterricht oft ausgefallen. Schülerinnen und Schüler hätten keine Ferienpraktika absolviert, konnten keine Berufsmessen besuchen und keine Angebote der Schule wahrnehmen, um Berufe kennenzulernen. Austausch über Bildungspartnerschaften, an Elternabenden oder Gespräche mit Ausbildungsbotschaftern seien ausgefallen.

Die Handwerkskammer habe in der Corona-Zeit dazu viele Angebote und Instrumente zur Berufsorientierung digitalisiert: digitale Ausbildungsmessen, Speed-Dating, Lehrstellenradar. Diese digitalen Angebote könnten aber eine pädagogische Berufsorientierung nicht ersetzen. „Es ist digital auch zu viel los in den Kinderzimmern. Die Jugendlichen lassen sich weder von uns noch von anderen Bildungswegen in der Flut vor dem Bildschirm erreichen und bleiben so unorientiert zu Hause kleben oder jobben sich durchs Leben“, weiß Mehlich.

Auch die Hochschulen und beruflichen Schulen beklagen zurückgehende Zahlen und können das Ausbleiben der Bewerber nicht gänzlich erklären. Diese Lethargie bei der Berufsorientierung gelte es, in einem gemeinsamen gesellschaftlichen Kraftakt zu durchbrechen, ansonsten wird das duale Berufsbildungssystem ebenso gefährdet wie die Sozialsysteme gefordert werden.

Mehlich dazu: „Wir dürfen nicht zulassen, dass unsere Jugendlichen den Anschluss an unsere Arbeits- und Berufswelt verpassen und damit nicht ihren Platz in unserer Gesellschaft finden können. Wir dürfen sie nicht sozial abhängen, zumal wir sie in unseren Betrieben brauchen und ihnen eine schöne Perspektive bieten können.“ Die Handwerkskammer wirbt bei den regionalen Handwerksbetrieben verstärkt dafür, trotz derzeit angespannter Wirtschaftslage weiter und noch mehr auszubilden und jungen Menschen so eine Perspektive zu bieten.

Die konjunkturellen Aussichten für Handwerksbetriebe zeigten grundsätzlich eine gute Nachfrage und damit gute Aussichten. Der Fachkräftebedarf erfordere eine gesteigerte Nachwuchsarbeit, denn viele Betriebe seien auf der Suche nach gut ausgebildeten Fachkräften. Eine berufliche Ausbildung ist somit für junge Menschen ein sicheres Fundament für ihren Berufsweg.

Junge Menschen, die eine Ausbildung im Handwerk beginnen möchten, können sich online im Lehrstellenradar der Handwerkskammer Ulm über freie Ausbildungsplätze in ihrer Nähe informieren (www.lehrstellen-radar.de). Jugendliche können zudem Eigeninitiative ergreifen und unkompliziert direkt auf die Ausbildungsbetriebe zugehen und nachfragen. 

Insgesamt gibt es derzeit 461 offene Lehrstellen zwischen Ostalb und Bodensee:

  • Bodenseekreis: 36
  • Landkreis Ravensburg: 164
  • Landkreis Biberach: 60
  • Alb-Donau-Kreis: 68
  • Stadtkreis Ulm: 34
  • Landkreis Heidenheim: 13
  • Ostalbkreis: 86