Der erste Schritt fällt nicht leicht und ist oft so wichtig

Der erste Schritt fällt nicht leicht und ist oft so wichtig
Mit ihrer offenen Art kann Sandra Weiß gut auf die Mitmenschen eingehen. (Bild: Diakonie RV)

Sandra Weiß ist seit März dieses Jahres die neue Leiterin der Psychologischen Beratungsstelle des Diakonischen Werks Oberschwaben Allgäu Bodensee. Ihr Büro hat sie im nagelneuen Haus der Evangelischen Kirche in Ravensburg. Die Laufbahn begann bei der Diakonie und jetzt kehrt die 37-Jährige wieder zu ihren Wurzeln zurück.

Die Sozialpädagogin, mit Ausbildung zur Systemischen Familientherapeutin und Supervisorin (DGSF), möchte ein offenes Ohr für die Probleme von Kindern, Jugendlichen und deren Familien haben und hilfreiche Unterstützungsarbeit leisten. Wir haben nachgefragt, ob sie sich schon eingelebt hat und wie der berufliche Alltag aussieht.

Sie kommen aus der Selbstständigkeit von Bad Wiessee nach Oberschwaben. Ist Ihnen das nicht schwergefallen?

Wie bei so vielem im Leben gibt es ein lachendes und ein weinendes Auge. Beruflich und privat lasse ich in Oberbayern ein gutes Netzwerk zurück und so manche Verbindung bleibt sicherlich bestehen. Von der Region hier bin ich begeistert und gespannt, was in diesem neuen Umfeld und Lebensabschnitt alles auf mich wartet.

Ich habe gelesen, dass Sie gerne Ski und Mountainbike fahren, Gleitschirm fliegen und in die Berge gehen. Dann wird man Sie hier demnächst sicher irgendwo in der Natur antreffen?

Ja, so ist es. Die Natur ist für mich der Ort, wo ich aufatme, wo ich mich an der Schönheit dieser Erde freuen kann und wo ich einen guten Ausgleich zu meinem Berufsleben finde. Je nach Jahreszeit und Wetterlage in ganz unterschiedlicher Form.

Die Corona-Pandemie belastet zunehmend Kinder und Jugendliche. Wer familiär nicht gefestigt ist, hat oft Probleme und hängt schulisch hinterher. Wie kann hier Hilfe aussehen?

In unserem Fachbereich erleben wir genau das, was Sie beschreiben. Die Pandemie wirkt wie ein Beschleuniger und Verstärker für familiäre und schulische Probleme. Wir sind da, um mit Kindern, Jugendlichen und deren Eltern ganz individuelle Lösungen zu entwickeln. Mit dem Fortschreiten des Lockdowns zeigt sich, dass auch Familien, die unter normalen Bedingungen ein sehr gutes Miteinander hatten, an ihre Grenzen und in Überforderungssituationen kommen.

Jugendliche, die sich nicht auf ihr Elternhaus verlassen können, haben oft Probleme. (Bild: Pixabay)

Bei Kindern erleben wir neben Zukunfts- und sozialen Ängsten verstärkt Fragen, die den eigenen Selbstwert betreffen, selbstverletzendes Verhalten und Gewalterfahrungen sind weitere Themen.

Um in Drucksituationen eine schnelle und unkomplizierte emotionale erste Hilfe zu ermöglichen, haben wir in dieser Zeit mit der Caritas ein Ökumenisches Sorgentelefon gegründet, wo wir ganz unkompliziert an 4 Tagen der Woche telefonische Beratung anbieten. Auch sind wir an den regionalen Schulen mit Schulsozialarbeitern vernetzt, um für Jugendliche und deren Familien niedrigschwellige Kontakte zu ermöglichen.

Partnerschaften werden gerade jetzt oft auf eine harte Probe gestellt. Die Wohnung ist eng, das Geld vielleicht knapp. Bieten Sie hier die Möglichkeit der Paargespräche an?

Die Pandemie stellt Paarbeziehungen verstärkt auf die Probe. Es gibt zeitweise kaum Möglichkeiten, um Zeit für sich oder mit Menschen außerhalb der Familie zu verbringen. So wird mancher Konflikt, der in einem „geregelten Alltag“ ausbalanciert werden kann, zur akuten Belastung.

Wir haben individuelle Unterstützungsmöglichkeiten: Über unsere Videoberatung können wir beide Partner zuschalten und im virtuellen Raum Paarberatung ermöglichen. In existenziellen familiären oder partnerschaftlichen Krisen können wir auch in der Beratungsstelle Gesprächstermine unter der Einhaltung der Hygienevorschriften anbieten.

Paarbeziehungen werden in der Pandemie ganz besonders auf die Probe gestellt. (Bild: Pixabay)

Neben all diesen individuellen Hilfen haben wir aktuell zwei neue Projekte entwickelt, die beide ab Mitte Juni an den Start: „Kraft.akt“ richtet sich an Männer, die häusliche Gewalt gegenüber ihrer Partnerin anwenden. Es ist ein speziell für Männer entwickeltes Training, in dem es um das Einüben von gewaltfreien Konfliktlösestrategien geht.

Dazu haben wir als Gegenstück für Frauen „Grenzen setzen – ohne zu verletzen“ auf die Beine gestellt. Hier können sich Frauen mit ihrer weiblichen Identität auseinandersetzen und besser lernen, ihre Grenzen deutlich und bestimmt zu vertreten. Es sind noch wenige Plätze frei, Anmeldungen für die beiden Projekte nehmen wir gerne telefonisch an.

Besonders in der Pubertät haben Eltern oft das Gefühl, dass sie an ihre Kinder nicht mehr rankommen und wissen sich oft keinen Rat mehr. Vermittelt die Psychologische Beratungsstelle zwischen Jung und Alt?

Die Vermittlung zwischen Kindern und Eltern ist eine sehr zentrale Aufgabe für uns. Wir stellen den Raum zur Verfügung, in dem sich Kinder und Eltern mit einem Vermittler begegnen können und bieten Gespräche mit allen oder auch nur mit einzelnen Familienmitgliedern an. Wenn ein*e Jugendliche*r keine Lust auf ein Beratungsgespräch hat, sich die Eltern aber Sorgen machen und einen Beratungsbedarf haben, sind sie willkommen.

Über eine Elternberatung können sehr hilfreiche Impulse und Hilfestellungen für schwere Erziehungssituationen erarbeitet werden. Für Jugendlichen sind wir da, wenn Sie Probleme haben, über die sie nicht mit ihren Eltern sprechen möchten. Gemeinsam wird nach Lösungen gesucht.

Trennungen sind meistens für den Verlassenen schmerzhaft. Was hilft, ist zuhören und eine Perspektive. Fällt so ein Problem auch in ihr Raster?

Die Bewältigung von Trennungen oder Scheidungen sind ein entscheidendes Thema. Wir bieten Beratungen an, um mit der Verunsicherung und Trauer leben zu lernen und geben somit diesen Gefühlen einen Raum. In einem nächsten Schritt begleiten wir Menschen auf ihrem Weg, sich neue Zukunftsaussichten zu erarbeiten.

Eine Trennung belastet nicht nur die Kinder. (Bild: Pixabay)

Eine große Herausforderung ist es, wenn Kinder da sind. Die Auseinandersetzungen zwischen den Eltern bringen Kinder in große Loyalitätskonflikte, da diese ein hohes Bedürfnis an Sicherheit und Verlässlichkeit haben. Aber auch hier sind wir da, um Unterstützung anzubieten, dies gilt besonders auch bei hochstrittigen Eltern.

Die Sorge um den Arbeitsplatz ist aktuell bei vielen präsent. Gibt es bei der Diakonie eine Art „Gesprächsgruppen mit Gleichgesinnten“?

Sorgen hinsichtlich der Zukunft, der Sicherheit des Arbeitsplatzes und der finanziellen Stabilität sind Themen, die Menschen im Moment sehr umtreiben. Hier bieten wir über den Rahmen der Ehe-, Familien- und Lebensberatung Einzelgespräche an, um einen Umgang damit zu erarbeiten.

Wird ein Arbeitsplatzverlust konkret und entstehen finanzielle Engpässe oder gar Verschuldungssituationen, können über die Diakonische Bezirksstelle, den hausinternen benachbarten Fachdienst, finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten oder auch Schuldnerberatung in Anspruch genommen werden. So versuchen wir in der Diakonie, Menschen in allen Notlagen des Lebens mit konkreten Taten zur Seite zu stehen.

Wenn der Job plötzlich wegfällt, fallen viele Menschen in ein Loch. (Bild: Pixabay)

Wie sieht der bürokratische Kraftakt aus, wenn man Hilfe von der Psychologischen Beratungsstelle in Anspruch nehmen möchte und wie lange sind in der Regel die Wartezeiten für einen Termin?

Ein Erstgespräch kann an unserer Beratungsstelle in Ravensburg ganz leicht und unbürokratisch über einen Anruf unter Tel. 0751-95223-070 oder in Wangen, Tel. 07522-707500 vereinbart werden. In beiden Städten gibt es Beratungen vor Ort. Je nach Auslastung beträgt die Wartezeit für ein Erstgespräch momentan zwischen 1 – 4 Wochen.

Gibt es die Möglichkeit einer Online-Kommunikation und wie sieht es mit der Verschwiegenheit gegenüber Dritten aus?

Durch die Pandemie wurde die Online-Kommunikation an unserer Beratungsstelle forciert – über Video, Telefon und über eine Online-Schreib-Beratung. So kann jeder Ratsuchende entscheiden, welche Form der Beratung für ihn am besten passt. Bei all unseren Beratungen sind wir dem Datenschutz und der Schweigepflicht verpflichtet – außer es besteht eine Gefahr für Leib und Leben oder die Vereitelung einer Straftat.

Sind alle Beratungs- und Hilfsangebote kostenfrei?

Unsere Erziehungsberatung ist ein Angebot, das kostenfrei und vom Landkreis Ravensburg finanziert wird. Bei der Ehe-, Familien- und Lebensberatung ist das Erstgespräch kostenfrei, danach erbitten wir eine Kostenbeteiligung in Höhe von 2 % des Nettoeinkommens, da dieses Angebot rein über die Kirche finanziert wird.

Für Menschen in Notlagen gilt, dass an der finanziellen Situation keine Beratung scheitern darf, hier finden wir dann individuelle Lösungen. Bei Kursen und Trainingsprogrammen erheben wir ebenfalls eine Kostenbeteiligung – immer unter Berücksichtigung der finanziellen Situation des Ratsuchenden. Natürlich sind wir über Spenden dankbar, damit Zugänge für Menschen in finanziellen Notlagen ermöglicht werden können.

Ist die evangelische Glaubensrichtung ein Muss für einen Termin?

Nein, das ist nicht der Fall. Wir sind mit unseren Angeboten offen für alle Menschen – unabhängig von Glauben, Geschlecht oder Nationalität.