Der DFB und seine Suche nach Identität

Der DFB und seine Suche nach Identität
Steht neben Bundestrainer Joachim Löw im Kreuzfeuer der Kritik: DFB-Teammanager Oliver Bierhoff. (Bild: Wikimedia/Steindy)

Die deutsche Fußballnationalmannschaft absolviert zum Jahresabschluss zunächst das Freundschaftsspiel gegen Tschechien (Mittwoch, 20.45 Uhr), anschließend stehen in der Nations League die Auftritte gegen die Ukraine (Samstag, 20.45 Uhr) sowie in Spanien (Dienstag, 20.45 Uhr) an. Der DFB kämpft dabei weiter um das Aufpolieren seines Rufs, doch die Kadernominierung von Bundestrainer Joachim Löw sorgt erneut für Kritik.

Leipzig (dab) – Nach den zuletzt eher enttäuschenden Auftritten im Oktober kämpft die deutsche Nationalmannschaft zum Abschluss des Länderspieljahres um die Gunst ihrer Fans. Konstant nachlassende Einschaltquoten im TV setzen aktuell den negativen Trend rund um die DFB-Elf, den sinkende Ticketverkäufe bereits vor Beginn der Corona-Pandemie eingeleitet hatten, fort.

Die Gründe, weshalb die Nationalelf in den vergangenen Jahren dermaßen viel von ihrem Kredit verspielt hat, sind vielseitig. Einerseits steht über allem das enttäuschende Abschneiden bei der WM 2018. Nicht nur das sportlich historische Vorrunden-Aus, sondern auch die damalige Abschottung von den Fans und die zunehmenden Marketing-Kampagnen („Die Mannschaft“, „Best never rest“), für die sich vor allem DFB-Teammanager Oliver Bierhoff verantwortlich zeichnet, waren und sind den Fans ein Dorn im Auge.

Hinzu kommen überteuerte Ticketpreise und in Freundschaftsspielen bekamen die Anhänger oft maues Gekicke – gegen No-Name-Teams – einer deutschen B-Elf zu sehen. „Wir werden auch am Mittwoch gegen Tschechien testen“, ließ Löw bereits durchblicken. Ohnehin lassen ihn und Bierhoff jegliche Kritik quasi kalt – man wolle „den Ruf aufpolieren“, Änderungen bei den gewohnten Abläufen, die Fan-Nähe suggerieren könnten, gibt es jedoch kaum: Zuletzt zog es der DFB-Tross trotz Klima-Debatten vor, von Stuttgart nach Basel zu fliegen, anstatt einfach mit dem Bus die Autobahn zu nehmen und begründete dies zu allem Überfluss auch noch mit einer angeblich „besseren Regeneration der Spieler im Flugzeug“. Bodenständig geht im wahrsten Sinne des Wortes anders.

Nach wie vor für großes Unverständnis sorgt außerdem die Ausbootung von Mats Hummels, Thomas Müller und Jerome Boateng im Frühling 2019. Nun sind gegen Tschechien Akteure wie Nico Schulz, Antonio Rüdiger oder auch Mahmoud Dahoud und Jonathan Tah im Kader – allesamt defensiv orientierte Spieler und im Verein ohne Stammplatz. Doch die Probleme, die vor allem Deutschlands Defensive aktuell hat, sind unübersehbar: Neun Gegentore in fünf Spielen sind alles andere als typisch für die deutsche Auswahl. Nichtsdestotrotz verzichtet Löw weiterhin auf Hummels, der seit Saisonbeginn in bestechender Form und überdies torgefährlich agiert, Boateng, der auch nach dem Triple-Gewinn seinen Stammplatz beim FC Bayern behalten hat, sowie Müller, der aktuell mit acht Scorerpunkten die meisten aller deutschen Bundesligaspieler verbuchen kann. Für Experten wie Fans gleichermaßen unverständlich, doch Löw bleibt stur.

„Wir müssen den jungen Spielern Raum zur Entfaltung geben“, wird der 60-Jährige nicht müde zu betonen. Der Bundestrainer scheint dabei aber den Zeitfaktor allmählich außer Acht zu lassen: In rund sechs Monaten (sollte es die Pandemie zulassen) steht bekanntermaßen eine EM an. Dort zählt einzig und allein das Abschneiden der Nationalmannschaft, Zeit für besagte Entwicklung der Spieler – die nebenbei erwähnt ohnehin zum Großteil unter den Fittichen der Vereinstrainer stattfindet – bleibt nach dem Turnier wieder reichlich.

Die hohe Belastung aufgrund des eng gestrickten Spielplans war bei der Pressekonferenz am Dienstag ebenfalls Thema: „Die Gesundheit der Spieler ist das Wichtigste und die Trainer, die die Belastung jetzt nicht dosieren, werden nächstes Jahr die Folgen davon zu spüren bekommen“, sagte der Bundestrainer. Da sei die Frage erlaubt: Braucht es dann überhaupt das Freundschaftsspiel gegen die Tschechen, deren Heimatland derzeit zudem als Hochrisikogebiet gilt?

Was meinen Sie? Schreiben Sie uns Ihre Meinung an d.balzer@wochenblatt-news.de