Bodensee-Airport in Not: Neue Finanzierungsmaßnahmen vorgestellt

Bodensee-Airport in Not: Neue Finanzierungsmaßnahmen vorgestellt
Die Stadt Friedrichshafen und der Bodenseekreis sind die beiden Hauptgesellschafter des Flughafens. (Bild: David Balzer)
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Redaktion

Der Bodensee-Airport Friedrichshafen hat gemeinsam mit seinen Gesellschaftern einen weitreichenden Finanzierungsplan erarbeitet, durch den der Flughafen mittelfristig stabil aufgestellt werden soll. Der entwickelte Finanzplan wird im Juni Gegenstand der Beratungen in den Gremien der Stadt Friedrichshafen und des Bodenseekreises sein, teilt die Flughafenverwaltung via Presseerklärung mit.

Am Dienstag informierten Claus-Dieter Wehr und Alexander Reus, beide Geschäftsführer der Flughafen Friedrichshafen GmbH (FFG) zusammen mit dem vom Gericht eingesetzten Sachwalter, Rechtsanwalt Alexander Hubl, im Rahmen eines Pressegesprächs über die Maßnahmen zur Finanzierung des Flughafens. Diese wurden gemeinsam mit den Gesellschaftern erarbeitet und werden in den kommenden Wochen Gegenstand der Gremien der Stadt Friedrichshafen und des Bodenseekreises sein.

Die Stadt Friedrichshafen und der Bodenseekreis sind die beiden Hauptgesellschafter des Flughafens. „Ich bin sicher, dass wir mit dem vorgeschlagenen Maßnahmenpaket den Flughafen in diesen herausfordernden Zeiten finanziell sanieren können“, so Wehr.

Wie alle deutschen und europäischen Verkehrsflughäfen ist der Flughafen Friedrichshafen stark durch die COVID-19 Pandemie betroffen. Die finanziellen Auswirkungen in der gesamten Luftverkehrsbranche sind enorm. Der Flughafen Friedrichshafen musste aufgrund dieser Auswirkungen und einer eingetretenen Überschuldung Anfang Februar in ein vorläufiges Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung (Schutzschirmverfahren) eintreten.

„Die Buchungszunahmen in anderen europäischen Ländern mit einer bereits höheren Durchimpfung als in Deutschland zeigen, dass sich der Luftverkehr wieder erholen wird. Das wird nicht von heute auf morgen geschehen, aber nach einer langen Zeit der Entbehrungen wird die Reiselust auch wieder eintreten. Wir haben bereits früher in schwierigen Zeiten gut gewirtschaftet und operativ positive Ergebnisse erreicht. Wir gehen davon aus, dass wir das auch wieder schaffen werden.“, so der Geschäftsführer.

Bereits im Herbst 2020 wurde in den Gremien der beiden Hauptgesellschafter ein Maßnahmenpaket erörtert und Beschlüsse zur weiteren Finanzierung gefasst. Bestandteile waren damals unter anderem der Ausgleich des finanziellen COVID-19 Schadens in der Zeit des Lockdowns von März bis Juni 2020 in Höhe von insgesamt 1,9 Mio. EUR sowie eine vorübergehende Umstrukturierungshilfe in Höhe von 6 Mio. EUR. Letztere wurde bisher noch nicht abgerufen.

Der Finanzbedarf in den nächsten fünf Jahren (bis 2025) ergibt sich aus dem operativen Geschäft, den notwendigen Investitionen und den Finanzierungskosten. Im operativen Bereich werden aufgrund der COVID-19 Pandemie, die sich über den Lockdown von März bis Juni 2020 hinaus bis mindestens 2024 in niedrigeren Passagierzahlen niederschlägt, sowie in geringerem Maße durch das Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung insgesamt 13,9 Mio. EUR erforderlich.

Für die nächsten fünf Jahre sind am Flughafen außerdem Investitionen in die Infrastruktur in Höhe von 22,6 Mio. EUR notwendig. Hinzu kommen für die Finanzierung Aufwendungen von insgesamt 7,4 Mio. EUR bis 2025. Daraus ergibt sich für die nächsten fünf Jahre ein Finanzbedarf von insgesamt rund 43,8 Mio. EUR, oder jährlich rund 8,8 Mio. EUR. Spätestens ab 2024 wird das operative Geschäft gemäß den Planungen wieder schwarze Zahlen schreiben, sodass in den Folgejahren nur noch Zuschüsse für Investitionen von jährlich maximal 3 Mio. EUR erforderlich sein werden.

Der Finanzbedarf kann über die Maßnahmen, die bereits im Herbst 2020 in den Gremien der beiden Hauptgesellschafter erörtert wurden und nochmals auch im Insolvenzverfahren bestätigt werden sollen, gedeckt werden. Wesentlicher Teil sind Finanzzuschüsse in die auch die vorübergehende Umstrukturierungshilfe einfließt. Weiterer Teil des Finanzpakets soll ein Verkauf der Grundstücke des Flughafens an Gesellschafter oder an Unternehmen in deren Umfeld sowie die Rückanmietung durch den Flughafen sein. Die daraus resultierenden Mietkosten sind dann Teil der jährlichen operativen Kosten. Zu dieser Finanzierungsüberlegung werden derzeit noch Gespräche geführt.

Das zuständige Insolvenzgericht Ravensburg hat das Insolvenzverfahren am 1. Juni 2021 in Eigenverwaltung eröffnet und für Ende Juli die Gläubigerversammlung terminiert. Formal beendet wird das Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung nach Zustimmung der Gläubigerversammlung zum Insolvenzplan sowie der EU-Kommission zum Finanzierungsplan. Dies ist laut Pressemitteilung spätestens Ende des Jahres zu erwarten.

Der Flughafen leistet in der Region jährlich eine Bruttowertschöpfung in einem hohen zweistelligen Millionenbetrag. Dem steht ein Finanzbedarf von jährlich 8,8 Mio. EUR gegenüber. Danach reduziert sich dieser für notwendige Investitionen auf durchschnittlich 3 Mio. EUR jährlich. Durch die Übernahme der Flugsicherungskosten wird sich der Finanzierungsbedarf voraussichtlich noch reduzieren. „Der aktuelle Finanzbedarf des Bodensee-Airports ist hoch, seine wirtschaftliche Bedeutung für die gesamte Region allerdings auch.“, resümiert Wehr.