„Besser ist es natürlich, wenn man die Waffen gar nicht erst braucht“

„Besser ist es natürlich, wenn man die Waffen gar nicht erst braucht“
Peter Köstlinger, Kriminalhauptkommissar, zum Thema Gewaltprävention. (Bild: privat)

Friedrichshafen (tmy) – „Wir wollen, dass Sie sicher leben“, hat sich die Polizei Baden-Württemberg auf ihre Fahnen geschrieben. Einer, der dieses Motto liebt und lebt, ist Kriminalhauptkommissar Peter Köstlinger aus Meersburg, der – für das Polizeipräsidium Ravensburg von seinem Büro in der Altstadt von Friedrichshafen aus – Bürgerinnen und Bürger auf die „ ganz bösen Buben“ vorbereitet.

Köstlinger, der im Jahr 2022 in den wohlverdienten Ruhestand gehen darf, ist seit über 17 Jahren im Dienste der sogenannten „Gewaltprävention“ unterwegs und besucht dort Schulen im Bodenseekreis, um insbesondere Schülerinnen und jungen Frauen das nötige Rüstzeug an die Hand zu geben, um sich vor Übergriffen zu schützen.

Das neue Programm, das das Innenministerium Baden-Württemberg seit 2019 initiiert hat, heißt „Sicher.Unterwegs.Gewalt gegen Frauen im öffentlichen Raum“ und richtet sich an alle Frauen. Die Zielgruppe beginnt mit dem Alter von 16 Jahren.

Und – das ist klar – zu einem Tatort können viele Plätze und Orte werden, an denen man sich ansonsten sicher fühlt. Das können die Schule, öffentliche Plätze, die Unterführung oder der Linienbus sein. Aber auch im Stadtpark oder einem Museum beziehungsweise im Kino, der Bar oder der Disko  können Belästigungen, die oft verbal beginnen, schwerwiegende Folgen haben. Es sei denn, man weiß sich zu wehren.

Wie das geht und was man tun kann, um sich keiner unnötigen Gefahr auszusetzen, das schildert Peter Köstlinger, der über 1,90 Meter misst und mit seinem kahlgeschorenen Kopf und den dunklen Klamotten ohnehin Respekt einflößend wirkt, in seinen Workshops für Frauen. Dort erklärt er seinen weiblichen Zuhörern, was erlaubt ist und „dass man, im Fall der Fälle, laut schreien sollte“, um Aufmerksamkeit zu erregen oder im Idealfall Zeugen zu finden.

Drei Mal den Buchstaben „L“ schreibt er an die Tafel. Das steht für „Licht, Leute und Lärm“. Das sollten sich die Frauen merken. Damit ist die Flucht ins Licht und zu Leuten, während man schreit und Lärm macht, gemeint. Das Schreien unterstützen und den Lärm erzeugen. kann auch ein technisches Gerät – ein sogenanntes „Schrill- oder Schreigerät“. Einfach den Stecker ziehen und ein ohrenbetäubender, sehr lauter Alarm (über 140 Dezibel) ertönt und „schreit quasi für die Frau“.

„Hey Baby, heute schon was vor?“, schmeichelt Peter Köstlinger einer Schülerin, sie sich freiwillig für ein Rollenspiel meldete, aber der die Situation sichtlich unangenehm ist. „Lass mal sehen, was du da auf dem Handy hast. Ist das ein Bild von dir? Hübsche Augen und Haare hast du?“, macht der Seminarleiter ziemlich ungeniert weiter. Bis, ja bis sich eine Mitschülerin einschaltet und den erfahrenen Kommissar anraunzt: „Hören Sie auf, lassen Sie das Mädchen in Ruhe!“

„Das war gut, sehr gut“, lobt der Beamte die beiden Freiwilligen, ermahnt aber die Helferin / Zeugin bei ihrer Zivilcourage dazu, auf Abstand zum Täter zu bleiben. Kommt man als Helfer nicht in das „Magnetfeld“ des Täters, kann man bei der Hilfsaktion auch nicht zum zweiten Opfer werden. „Das wollen wir auf keinen Fall“, stellt Peter Köstlinger unumwunden klar.

Anschließend zaubert er aus seinem Maßnahmenkoffer verschiedene Dinge hervor, die notfalls zum Selbstschutz in unangenehmen Situationen tatsächlich erlaubt sind: Pfefferspray, Trillerpfeife, Signaltongeber (Schrill- oder Schreigerät) und selbst ein Elektroschocker sowie eine Schreckschusspistole, die zusammen mit einem „Kleinen Waffenschein“, der beim Landratsamt erworben werden kann, hat Köstlinger mit dabei.

Nachdem bei der einen oder anderen das Gesicht kurz stehen geblieben ist, schiebt Peter Köstlinger hinterher: „Besser ist es natürlich, wenn man diese Waffen gar nicht erst braucht, sondern mit Worten und Schreien eine solche Situation auflöst sowie andere Passanten eure Notlage mitbekommen und eingreifen. Schaut, dass ihr am besten nie alleine heimgeht.“

Dass man im Ernstfall sogar zuschlagen darf, lässt Köstlinger dabei nicht unerwähnt, um sogleich hinterher zu schieben: „Nehmt jedoch besser sie flache Hand, also die Handkante. Falls ihr nämlich mit der Faust zuhaut, könntet ihr euch das Handgelenk brechen und seid dann womöglich wehrlos.“ Einige Mädels nicken zustimmend, andere notieren fleißig mit.

Nach gut zwei Stunden ist der Workshop „Sicher.Unterwegs.Gewalt gegen Frauen im öffentlichen Raum“ auch schon wieder vorbei und die Schülerinnen befassen sich wieder mit anderen Themen, die der Schulalltag mit sich bringt. Dennoch bleibt das Gefühl, dass man im Fall der Fälle Handlungsspielraum hat und weiß, was zu tun ist, um sich und andere vor Übergriffen verbaler und körperlicher Art zu schützen, bei den jungen Frauen bestehen.

Interessierte Frauen, Vereine und Schulen können mit Peter Köstlinger, Kriminalhauptkommissar des Polizeipräsidiums Ravensburg am Standort Friedrichshafen-Altstadt, telefonisch unter 07541 / 361 4252 oder per E-Mail an Peter.Koestlinger@polizei.bwl.de in Kontakt treten.