Austrittszahlen 2021 auf Rekordhoch in Diözese

Austrittszahlen 2021 auf Rekordhoch in Diözese
Die Austrittszahlen bei der katholischen Kirche sind deutlich gestiegen. (Bild: pixabay)
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Redaktion

28.212 Kirchenmitglieder weniger / Bischof Dr. Gebhard Fürst: „Das tut sehr, sehr weh“

Rottenburg am Neckar – Nach einem Corona-bedingten Rückgang um 15 Prozent 2020 ist die Zahl der Kirchenaustritte in der Diözese Rottenburg-Stuttgart, dem Trend für ganz Deutschland folgend, im vergangenen Jahr auf 28.212 gestiegen.

Dies entspricht einer Steigerung von 29 Prozent gegenüber dem Vor-Corona-Jahr 2019. Mit zum Stichtag 31. Dezember 2021 noch 1,714 Millionen Katholikinnen und Katholiken ist die Diözese Rottenburg-Stuttgart die drittgrößte in Deutschland nach Köln und Münster. Für Bischof Dr. Gebhard Fürst spiegeln die Austrittszahlen „die tiefe Krise wider, in der sich unsere Kirche nicht nur wegen des Missbrauchsskandales befindet“.

Dass seit Jahren quer durch die Republik auch andere wichtige Organisationen und Verbände, etwa Parteien und Gewerkschaften, massiv Mitglieder verlieren, „kann für uns als Kirche kein Trost sein – das tut einfach sehr, sehr weh!“

Dabei, so Bischof Fürst, bemühe sich die katholische Kirche in Württemberg seit langem um die zeitgemäße Ansprache ihrer Gläubigen, stehe beim Thema Beteiligung der sogenannten Laien im Rahmen des „Rottenburger Modelles“ ganz vorne in Deutschland und sei auch bei Verfolgung und Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch einen anderen  Weg gegangen als die restlichen 26 (Erz-)Bistümer: „Wir haben bereits seit 2003 eine unabhängig arbeitende Kommission sexueller Missbrauch (KsM), die jedem Vorwurf nachgeht, die Prävention steht seit 2013 auf der Agenda, bei uns wurde und wird nichts vertuscht.“

Letzten Endes werde aber auch die Ortskirche in Württemberg für die Versäumnisse und Fehler andernorts in Haftung genommen – klar ablesbar daran, dass nach Veröffentlichung der Missbrauchsgutachten in Köln und München 2021/2022 auch in der Diözese Rottenburg-Stuttgart im Folgemonat die Austrittszahlen in die Höhe schnellten. In Ergänzung der Kommission sexueller Missbrauch gibt es dort seit einem halben Jahr eine Unabhängige Aufarbeitungskommission, die den Blick zurück auch über das Jahr 2000 hinaus richten soll. Der Betroffenenbeirat konstituiert sich Ende Juli.

Der für die pastorale Konzeption zuständige Weihbischof Matthäus Karrer sieht durch die hohen Austrittszahlen – auch wenn sie in der Diözese Rottenburg-Stuttgart knapp unter dem deutschen Durchschnitt von 1,63 Prozent im vergangenen Jahr bleiben – die strukturelle Verfasstheit der Kirche in Deutschland zunehmend infrage gestellt: „Ihre Bindungskraft lässt leider seit Jahren nach. Was auffällt, ist aber, dass besondere pastorale und caritative Orte – zum Beispiel Geistliche Zentren, Klöster oder soziale Einrichtungen – zur Heimat vieler Menschen geworden sind, die klassischen Kirchengemeinden dagegen immer weniger.“

Bei den Menschen heute zähle der konkrete Inhalt mehr als die äußere Struktur. Die katholische Kirche, so Weihbischof Karrer, müsse in ihrer pastoralen Arbeit „wieder mehr Jesus-Bewegung werden, die ohne Angst mit vielen zivilgesellschaftlichen Partnerinnen und Partnern zusammenarbeitet“.

Bei der notwendigen, auch beim Synodalen Weg im Mittelpunkt stehenden inhaltlichen und seelsorglichen Erneuerung der Kirche, setzt das Prozessteam Pastorale Entwicklung im Bischöflichen Ordinariat unter Leitung von Weihbischof Karrer in enger Abstimmung mit dem Diözesanrat auf ein ganzes Bündel an Maßnahmen – die der Diözesanrat bei seiner Vollversammlung im vergangenen März beschlossen und Bischof Fürst im Mai in Kraft gesetzt hat.

Neben dem bereits 2020 angelaufenen Projekt „Glaubenskommunikation Junge Erwachsene“ für die Gruppe der 25- bis 35-Jährigen und der Besetzung von 40 Profilstellen für besondere Angebote von der Betriebsseelsorge über Burnout-Hilfe bis zur Trauerberatung fokussiert die künftige Kirchenentwicklung auf die Stärkung von Seelsorge und Ehrenamt, die Förderung der Caritas-Arbeit und eine Qualitätsoffensive im Bereich der Trauerpastoral.     

Die vier künftigen Schwerpunkte:

1. Der einzelne Mensch, sein Leben und sein Glauben stehen im Mittelpunkt kirchlichen Handelns. Dies konkretisiert sich in einer bedarfsgerechten Einzelseelsorge (zum Beispiel durch ehrenamtliche Seelsorgeteams), in einer lebendigen Glaubenskommunikation ohne Bevormundung und im Austausch über Glaubensvorstellungen, die sowohl aktuelle religiöse Erfahrungen als auch deren Entwicklung widerspiegeln, sowie in einer Digitalisierungsstrategie auch in der Glaubenskommunikation.

2. Engagemententwicklung und eine zeitgemäße Ehrenamtskultur sind grundlegend für eine partizipative Kirche. Dies wird deutlich in neuen Formen des Engagements, in Qualifizierung, in neuen Modellen geteilter Macht und Verantwortung, unter anderem im Hinblick auf die Gemeindeleitung (Fortschreibung des Rottenburger Modells). Ergänzt wird dies durch eine Theologie des Ehrenamts / Engagements (Taufberufung, Charismenorientierung) und die Etablierung von Engagementförderern und -förderinnen.  

3. In ihrem pastoralen und diakonischen Handeln vernetzen sich kirchliche Orte untereinander und mit Partnern im Dienst des gesellschaftlichen Zusammenhalts in sozialen Räumen. Dies konkretisiert sich, indem eine diakonisch und caritativ tätige Kirche zum Türöffner für Vernetzungen mit gesellschaftlichen Einrichtungen und Organisationen wird, in Partnerschaften zwischen kirchlichen Orten (u.a. Kirchengemeinden) und dem Caritasverband oder caritativen Einrichtungen, in der Quartierspastoral im ländlichen und städtischen Raum sowie im Engagement von kirchlichen Orten und Christen und Christinnen im sozialen Umfeld.

4. Damit Kirchenentwicklung wirksam werden kann, wird mit den drei inhaltlichen Schwerpunkten eine strategische Personal- und Organisationsentwicklung verbunden. Dazu gehören die Entwicklung einer Personalstrategie für das Pastorale Personal mit Fokus auf Kompetenzentwicklung und die Unterstützung der Charismen der einzelnen hauptberuflich Tätigen unter Berücksichtigung der Ziele der Diözese. Wichtig sind dabei die Förderung und Entwicklung der Teamkultur in Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen und Gremien – in Verwirklichung einer dialogischen und synodalen Kirche –, die Erprobung und Evaluation neuer Leitungsmodelle auf der Ebene der Kirchengemeinden und Seelsorgeeinheiten sowie die Erarbeitung eines aktualisierten Rollenverständnisses des Pfarrers als Leiter und Seelsorger.

Diese vier Schwerpunkte sind für Bischof Dr. Gebhard Fürst eine adäquate und aktuelle Antwort auf die Zeichen der Zeit. Sie sollen 2023 und 2024 einen Kulturwandel zu einer diakonischen und missionarischen Kirche an vielen Orten befördern – damit Kirche soziales Leben zum Wohl aller Menschen mitgestalten kann. „Kirche muss dort sein, wo Menschen zusammenkommen, sich mit dem beschäftigen, was für sie sinnstiftend ist und die Dimension des Glaubens benannt werden kann“, so der Bischof. „Wir wollen Gott und den Menschen nahe sein – das ist in Württemberg an immer mehr Orten möglich, die sich von den oft gängigen Vorstellungen vom Kirchen- und Gemeindeleben stark unterscheiden.“ Lebendige, geistlich erneuerte Gemeinden müssten sich vernetzen mit diesen anderen Orten des Glaubens.

 

Die Statistik:

Die Mitgliederzahl der Diözese Rottenburg-Stuttgart belief sich am Ende des vergangenen Jahres auf 1.714.155 Frauen und Männer. Damit ist die württembergische Diözese nach Köln und Münster bundesweit die drittgrößte.

 

Die Zahl der Taufen, Trauungen sowie die der Kinder und Jugendlichen, die an Erstkommunion und Firmung teilnahmen, war 2021 wegen Corona-bedingter Nachholeffekte höher als 2020 – aber meist niedriger als im Vor-Corona-Jahr 2019.

Taufen: 11.574 (2020: 8274 / 2019:12.801 / 2018: 13.398)


Trauungen: 1.653 (2020: 884 / 2019: 3079 / 2018: 3308)


Erstkommunionkinder: 13.549 (2020: 10.912 / 2019: 13.980 / 2018: 14.355)


Firmlinge: 14.386 (2020: 4495 / 2019:12.877 / 2018: 10.724)


Sonntagsgottesdienste: 1.456 (2020: 1.487 / 2019: 1.624 / 2018: 1.678)


Bestattungen: 17.889 (2020: 17.758 / 2019: 17.100 / 2018: 17.441)

(Pressemitteilung: Diözese Rottenburg)