Auf schmaler Spur zu großem Erfolg – Bregenzerwälderbähnle mit dem Österreichischen Bahnkulturpreis 2020 ausgezeichnet

Auf schmaler Spur zu großem Erfolg – Bregenzerwälderbähnle mit dem Österreichischen Bahnkulturpreis 2020 ausgezeichnet
Diese Zuggarnitur, die sich im täglichen Fahrbetrieb der Bregenzerwälderbahn bis 1980 bewährte, hat der Verband der Österreichischen Museums- und Touristikbahnen (ÖMT) mit dem Bahnkulturpreis 2020 geehrt. Gezogen wird die Garnitur von der historischen Diesellok der Baureihe 2095 (Bild: Wilfried Vögel)

Bezau – Die Bregenzerwaldbahn, im Volksmund auch Wälderbahn oder liebevoll Wälderbähnle genannt, ist eine österreichische Schmalspurbahn mit einer Spurweite von 760 Millimetern, der sogenannten „Bosnischen Spurweite“. Sie liegt im Bundesland Vorarlberg und verband von 1902 bis 1981 auf einer 35,302 Kilometer langen Strecke Bregenz am Bodensee mit Bezau im Bregenzerwald.

Heute ist nur noch ein 5,01 Kilometer langes Teilstück als Museumsbahn in Betrieb, die restliche Strecke ist stillgelegt und abgebaut, bzw. in Teilabschnitten als Geh- und Radweg nutzbar. Die vorbildliche, ehrenamtliche Arbeit des Vereins hat der Verband Österreichischer Museums- und Touristikbahnen mit dem Bahnkulturpreis 2020 honoriert.

Zur Ehrung gehört natürlich auch eine Urkunde, die in Bezau sicher einen würdigen Platz finden wird (Bild: Wilfried Vögel)

Genau dieses verbliebene Teilstück vom Bahnhof Schwarzenberg nach Bezau, das von einem emsigen Verein mit einem enormen Zeitaufwand und Engagement liebevoll gehegt und gepflegt wird, hat am vergangenen Wochenende bei Eisenbahnfreunden für Aufmerksamkeit gesorgt.

Obwohl auf dem Sektor des historischen Schienenverkehrs bereits seit 1950 Aktivitäten gesetzt und im Laufe der Zeit zahlreiche Vereine gegründet wurden, verfügte diese Gruppierungen durch mehr als fünf Jahrzehnte über keine Interessensvertretung.

Nach intensiven Vorbereitungen ist es gelungen im „Verband Österreichischer Museums- und Touristikbahnen“ – kurz ÖMT genannt – eine entsprechende Interessensvertretung zu schaffen. Bei der Gründungsversammlung am 30. Oktober 2004 traten 16 Vereine und Verkehrsunternehmen bei und legten die solide Basis für eine effektive Zusammenarbeit. die Arbeit des ÖMT als „Assoziierte Mitglieder“ und „Fördernde Mitglieder“.

40 solche Bahnen sind derzeit in Österreich in Betrieb. Sie bieten eine bunte Vielfalt an zum Großteil historischen Bahnen. Eine davon ist das Bregenzerwälder Bähnle.

Der Bahnkulturpreis ist die höchste Auszeichnung der ÖMT. Heuer darf sich die Bregenzerwälderbahn darüber freuen (Bild: Wilfried Vögel)

Am vergangen Samstag hat die ÖMT genau diese historische Bahn mit dem Österreichischen Bahnkulturpreis 2020 ausgezeichnet. Genau genommen geht es um die Baureihe 2095 mit Vierachsgarnitur. Von den insgesamt 15 gebauten Lokomotiven der ÖBB-Baureihe 2095 waren ab 1961 vier Exemplare mit den charakteristischen vierachsigen Spantenwagen zwischen Bregenz und Bezau im Einsatz. Sie bewährten sich im täglich Fahrbetrieb und bildeten bis Juli 1980 das Rückgrat der Bregenzerwaldbahn.

Die Garnitur konnte durch den Ankauf von baugleichen Fahrzeugen der Mariazellerbahn wieder zusammengestellt werden und nahm 2019 erfolgreich den Betrieb als einheitliches historisches Ensemble wieder auf. Sie steht seitdem den zahlreichen Gästen und Bahnliebhabern als besonderes Reiseerlebnis in funktionstüchtigem Zustand zur Verfügung und bietet auch bei großem Besucherandrang ein ausreichendes Platzangebot.

Landesrätin Martina Rüscher überbrachte auch die Grüße und Glückwünsche der Vorarlberger Landesregierung (Bild: Wilfried Vögel)

Das Besondere am Projekt – und das wurde durch die Jury der ÖMT auch entsprechend gewürdigt – ist, dass eine komplett historisch authentische Garnitur mit großer Sorgfalt ehrenamtlich und mit unglaublich viel Liebe zum Detail aufgearbeitet wurde und nun in ihrem ursprünglichen Umfeld zum Einsatz gelangt.

Zahlreiche Redner lobten bei einem Festakt das ehrenamtliche Engagement des Vereins.

Landesrätin Martina Rüscher, hier mit Vereins-Obmann Dr. Oskar Müller, freute sich über die Auszeichnung (Bild: Wilfried Vögel)

Vereins-Obmann Dr. Oskar Müller nannte Zahlen und Fakten: „ Die Bahn, oder das Bähnle, wie es liebevoll genannt wird, hat eine enorm große touristische Bedeutung im Bregenzerwald. Kaum eine Publikation in der Talschaft kommt ohne die Erwähnung des „Bähnle“ aus. Es versinnbildlicht wie kaum ein anderes Projekt die  Identifikation mit Kultur und Heimat im Bregenzerwald“. Ziel des Vereins sei es immer gewesen, Fahrmaterial (Lokomotiven und Wagen) als auch das Gleisbett zu pflegen und zu bewahren. All das geschehe ehrenamtlich. Würde man, so Müller, die geleisteten Arbeitsstunden alleine für 2020 berechnen, entspräche das einem Gegenwert von rund 120.000 Euro.

Die Bahn präsentiert sich längst als lebendiges Museum, als ein Stück Zeit- und Kulturgeschichte der Talschaft.

Diese historische Dampflok wird derzeit fachgerecht saniert und „wiederbelebet. Sie stammt aus dem Jahr 1902 und soll nach 120 Jahren im Jahr 2022 wieder den Betrieb aufnehmen (Bild: Wilfried Vögel)

Angefangen hat alles am 15. September 1902. Die Strecke führte damals vom Bregenzer Bahnhof nach Kennelbach und weiter wildromantisch durch das Tal der Bregenzer Ache und die Ortschaften Egg, Andelsbuch, Bersbuch und Schwarzenberg nach Bezau. Eine Verlängerung nach Schoppernau war geplant, kam aber wegen des Ersten Weltkrieges leider nie zur Realisierung.

Mit der Betriebsführung waren zu Beginn die kaiserlich-königlichen österreichischen Staatsbahnen beauftragt, 1936 übernahmen die BBÖ und 1945 die ÖBB Betrieb und Verwaltung.

In den ersten Jahren war die Bahn für einen wirtschaftlichen Aufschwung der Region, die früher oft nur durch Saumpfade erreichbar war, verantwortlich.

Für manche Einwohner im Bregenzerwald sorgte die Bahn dafür, dass sie überhaupt zum allerersten Mal die Vorarlberger Metropole Bregenz erreichen konnten. Die Alberschwender Bürgermeisterin, Angelika Schwarzmann, erinnert sich noch heute daran, dass sie als Achtjährige mit dem Bähnle zu den Klavierstunden in die Musikschule in Bregenz gefahren war.

Als problematisch erwies sich immer wieder die Linienführung durch das Tal der Bregenzer Ache. Auf der einen Seite befanden sich die Haltestellen im Tal der Ache, die Ortschaften, wie z.B. Doren oder Langenegg auf der Höhe und konnten nur mühsam erreicht werden. Auf der anderen Seite sorgten immer wieder Naturkatastrophen wie Hangrutschen oder Lawinen- bzw. Murenabgänge für massive Störungen im Betriebsablauf.

Besonders betroffen war der Abschnitt zwischen Kennelbach und Egg. Am 14. Juli 1980 verschütteten 6.000 Kubikmeter Steine und Geröll die Trasse. Das führte schließlich dazu, dass die ÖBB den Betrieb am 10. Januar 1981 endgültig einstellte. Am 29. Januar verschwand die Strecke für immer aus dem Kursbuch der ÖBB.

Hier am ehemaligen Bregenzer Bahnhof, der längst Geschichte ist, startete die Bregenzerwaldbahn ihre Fahrt über 35,33 km nach Bezau (Bild: Norbert Fink)

Heute würde sich so mancher Touristiker wünschen, die Bahn würde noch in voller Länge existieren. Manche Teilstücke, wie z.B. zwischen Doren und Andelsbuch wurden als Rad-/Fußwege auf der ehemaligen Bahntrasse neu ausgebaut. Weitere Teilabschnitte wie z.B. zwischen Kennelbach und Doren sollen folgen.

Obmann Dr. Oskar Müller äußerte im Gespräch mit dem Wochenblatt die Hoffnung, dass auf dem Teilabschnitt zwischen Schwarzenberg und Andelsbuch, trotz der Verbreiterung der Straße, eine Verlängerung der Trasse ermöglicht werden könnte. Das hänge allerdings von den politisch Verantwortlichen ab.

1985 wurde der Verein Bregenzerwaldbahn-Museumsbahn gegründet, um die Strecke zumindest in Teilabschnitten zu erhalten und im Museumsbetrieb weiter zu bedienen. Die Originalfahrzeuge waren jedoch schon alle abtransportiert worden, weshalb der Betrieb 1987 nur mit von anderen Strecken beschafftem Rollmaterial, darunter einem umgespurten Beiwagen der Stubaitalbahn, von Bezau ausgehend bis zum Bahnhof Schwarzenberg eröffnet werden konnte.

Zeil des Vereins war es immer, aus jeder Epoche der Bahn ein betriebsbereites Fahrzeug anzubieten (Bild: Wilfried Vögel)

Das erste Triebfahrzeug war ein zu einem Schienenfahrzeug umgebauter Lastkraftwagen, einige kleinere Diesellokomotiven, unter anderen die heute mit Namen „Hilde“ bezeichnete Heeresfeldbahnlokomotive (HF130C), welche von der Lokalbahn Payerbach–Hirschwang stammte und dort als D1 bis zur Einstellung am 12. August 1982 im Einsatz war, und weitere Wagen der Stubaitalbahn wurden in den folgenden Jahren angeschafft. Auch konnte ein weiteres Teilstück bis zur Haltestelle Bersbuch reaktiviert werden.

Ziel der Arbeit des rührigen Vereins war es immer, aus jeder Epoche eine fahrfähige Lokomotive herzurichten und betriebsfähig zu machen. In der Remise am Bahnhof Bezau wird derzeit eine Dampflok aus dem Jahr 1902 mühevoll und detailgenau und liebevoll restauriert. Sie soll 2022, 120,Jahre nach ihrem ersten Einsatz im kommenden Jahr zu ihrem 120. Jubiläum wieder fahrbereit sein.

Bei der Übergabe der Ehrung: v.l.n.r.: Wälderbahn-Geschäftsführer Walter Ruef, ÖMT-Vortsand Harald Baminger, Vereins-Obmann Dr. Oskar Müller,Betriebsleiter Ernst Cavegn und ÖMT-Geschäftsführer Gottfried Aldrian(Bild: Wilfried Vögel)

Zahlreiche Gastredner, wie auch Landesrätin Martina Rüscher, würdigten die Leistungen und Arbeiten des Vereins und überbrachte die Glückwünsche der Vorarlberger Landesregierung. Der Vorsitzende des Verbandes Österreichischer Museums- und Touristikbahnen, Harald Baminger, überreichte den Bahnverantwortlichen den Preis, eine Ehrentafel samt Urkunde. Unter acht eingegangen Bewerbungen für den Österreichischen Bahnkulturpreis habe die Wälderbahn den zweiten Preis erzielt.

Die Arbeit hier im Bregenzerwald habe sich bis nach Wien, ja sogar international bis nach Brüssel herumgesprochen.

Dr. Oskar Müller freute sich in seiner Ansprache über zahlreiche Partner, wie z.B. die historische Schifffahrt auf dem Bodensee oder das Rheinbähnle. Diese Aktivitäten erzählten Geschichten und schufen Reiseeindrücke, die unvergesslich blieben.

Unvergessen sind auch zahlreiche Anekdoten, die die eindrucksvolle Geschichte der Bahn widerspiegelten:

1943 entgleiste eine Dampflokomotive in der Nähe des Rotachtunnels; Lokführer und Heizer starben im ausströmenden Dampf.

Zahlreiche Tunnels waren nötig, um die wildromantische Streckenführung entlang der Bregenzer Ache zu ermöglichen (Bild: Norbert Fink)

Am 11. Januar 1965 um 19:02 Uhr prallte der Abendzug zwischen Egg und Lingenau/Hittisau, kurz nach Egg, vor der Tuppenbrücke (Straßenbrücke) gegen die Trümmer eines Felssturzes. Die Diesellokomotive 2095.05 stürzte 30 Meter tief und kam im Flussbett der Bregenzerache aufrecht zu stehen. Der Lokomotivführer wurde schwer verletzt. Der nachfolgende Postwagen blieb – weil die Kupplung zur Lokomotive brach – am Hang auf der Stützmauer hängen. Die drei dahinter angehängten Personenwagen verblieben entgleist, aber kaum beschädigt, auf den Gleisen. Die Lok wurde repariert und war (zumindest) bis Oktober 1980 wieder auf der Strecke im Einsatz.

Am 10. September 1965 wurde der Zug von Bezau nach Bregenz überfallen. Ein etwa 22-jähriger Einzeltäter brach die Tür zum Postwagen auf, in dem sich mehr als eine Million österreichische Schilling befanden (Einnahmen aus den Postämtern im Bregenzerwald, die jeden 10. im Monat nach Bregenz transportiert wurden) und griff den im Wagen befindlichen Postbeamten mit zwei Messern an. Nach einem Kampf, bei dem beide Männer schwer bzw. lebensgefährlich verletzt wurden (der Postbeamte durch 18 Schnitt- und Stichwunden), flüchtete der Täter ohne Beute.

In der Nähe des Rickenbachtunnels, bei Kilometer 9,3 um 19:34 Uhr, konnte der Postbeamte die Notbremse auslösen und um Hilfe rufen. Die Fahndung nach dem Täter blieb bis heute erfolglos. Der gleiche Postbeamte saß auch in dem Postwagen, der am 11. Januar 1965 knapp einem Absturz in die Bregenzerache entging.

Im Anschluss an den Festakt hatten die Teilnehmer Gelegenheit bei einer Sonderfahrt nach Schwarzenberg und zurück die Zugfahrt in der prämierten Garnitur hautnah zu erleben und zu genießen.

Ein besonderes Erlebnis für die Fahrgäste ist es, wenn der Zug auf der „Museumsstrecke“ zwischen Bezau und Schwarzenberg von einer Dampflok gezogen wird (Bild: Norbert Fink)

Im Anschluss stellten Norbert Fink und Peter Balmer ihren neuesten Bildband „Die Geschichte der Bregenzerwaldbahn – Fotografien von 1902 bis 1983 – vor. Mit rund 150 faszinierenden Aufnahmen, die zu einer kurzweiligen Reise in die bewegte Vergangenheit der Bregenzerwaldbahn einladen, lassen die beiden Autoren die Geschichte der Bahn revuepassieren.

Die eindrucksvollen Bilder dokumentieren den Betriebsalltag an der rund 35 km langen Originalstrecke, erinnern an die eingesetzten Loks und Waggons und verdeutlichen die Folgen der zahlreichen Naturkatastrophen, Unfälle aber auch Kriegswirren.

Immer wieder ist es aber im Betriebsablauf zu teils schweren Unfällen gekommen. Zahlreiche Murenabgänge und Steinschläge führten schließlich dazu, dass die ÖBB den Betrieb 1981 endgültig einstellte (Sammlung Oskar Müller)

Dieser liebevoll gestaltete Bildband ist ein Muss für alle Eisenbahninteressierte und Freunde der legendären Bregenzerwaldbahn. (ISBN 978-3-96303-314-8).

Mehr Infos zur Bahn, zum Verein und zum Fahrplan gibt es unter www.waelderbaehnle.at