Anstieg von Cybercrime: Polizeiarbeit wird digitaler

Anstieg von Cybercrime: Polizeiarbeit wird digitaler
Digitaltechnik ist für Polizisten heute ein ebenso selbstverständliches Arbeitsmittel wie die Dienstwaffe oder Handschellen. Allerdings bedeutet Cybercrime einige Herausforderungen, die sich selbst durch noch mehr Technik kaum lösen lassen. (Bild: stock.adobe.com © MoiraM)

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Redaktion

Seit die Digitalisierung Fahrt aufnimmt, verlagern sich auch immer mehr kriminelle Aktivitäten in dieses Metier. Dementsprechend müssen die Verbrechensbekämpfer ebenfalls digitalere Wege gehen – allerdings ebenso, um schlicht im analogen Bereich effizienter agieren zu können.

Offline-Kriminalität sinkt, Cybercrime steigt an

Insbesondere, was die Zahlen von klassischen Gewaltdelikten anbelangt, kann Deutschland schon seit Jahren sinkende Zahlen vermelden. 2021 etwa gab es bundesweit rund 165.000 Fälle von Mord, Totschlag und anderen Formen der sogenannten Gewaltkriminalität.  2007, als ein Höchststand erreicht wurde, waren es noch gut 218.00 Fälle.

Ähnliches beispielsweise bei Einbrüchen: 2015 wurden noch 167.000 Fälle gemeldet. Unter anderem wurde seitdem ein massives Förderungsprogramm für Einbruchschutz seitens der KfW aufgelegt. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. 2021 war die Zahl der Einbrüche auf unter ein Drittel geschrumpft, nämlich 54.000 Fälle.

All das sind zweifellos erfreuliche Nachrichten, selbst wenn einige Offline-Straftaten tatsächlich sogar angestiegen sind. Namentlich vor allem Betrugsmaschen. Eine generelle Reduktion der Kriminalität können die Behörden indes nicht vermelden, eher eine Verschiebung. Seit 2015 beispielsweise hat sich Cybercrime in Deutschland nahezu verdoppelt – wobei eine hohe Dunkelziffer vermutet wird. Die Gründe dafür sind eine Verkettung verschiedener Faktoren:

  1. Die digitale Welt ist global. Täter müssen sich deshalb keinen Risiken und Mühen aussetzen, die durch den direkten Kontakt zu Opfern und Tatorten entstehen.
  1. Immer mehr Lebensbereiche bekommen eine digitale Komponente, immer mehr Menschen nutzen ganz alltäglich digitale Techniken und werden dadurch zu potenziellen Opfern.
  1. Die Nutzungsbereitschaft steigt deutlich schneller an als die Awareness für die Risiken und Eigensicherungsmaßnahmen; derartige digitale Kompetenzen sind bei vielen Menschen Mangelware.
  1. Aufgrund der globalen, dezentralen Natur des Internets gibt es zahlreiche Angriffsvektoren. Gleichsam ist es Tätern ein Leichtes, ihr Tun zu verschleiern. All das trifft überdies auf klassische Nationalstaaten mit nationalstaatlichen Denk- und Handlungsmustern.

Erschwerend kommt noch etwas hinzu: Speziell Eigentumsdelikte werden schon deshalb häufig angezeigt, weil es einen Versicherungsschutz gibt – bei Einbruch etwa greift die Hausratversicherung. Bei vielen (nicht allen) digitalen Kriminalitätsformen greift derartiges nicht. Entsprechend niedriger ist das Anzeigeverhalten.

Mehr polizeiliche Schlagkraft

Wer heute Kriminalpolizist werden will, der muss nicht nur eine mehrjährige grundsätzliche Polizeiausbildung durchlaufen, sondern wird typischerweise im Rahmen seiner Kripo-Ausbildung durch mehrere spezialisierte Dezernate geschleust, um verschiedenste Aspekte kriminalpolizeilicher Felder kennenzulernen – etwa Fälschungs- und Drogendelikte sowie Wirtschaftskriminalität.

Da Cybercrime so viele kriminalpolizeiliche Felder berührt, bekommt schon seit einigen Jahren in den meisten Bundesländern das Thema Digitalisierung einen deutlich größeren Schwerpunkt bei der Kripo-Ausbildung. Das heißt, selbst Beamte, die später nicht in Dezernaten für Computerkriminalität arbeiten, erhalten ein grundständiges Wissen – etwa, weil sie bei Betrugsdelikten so häufig mit Fällen auf Internet-Verkaufsplattformen zu tun haben.

Doch nicht nur das: Generell stellen die Polizeien seit einigen Jahren verstärkt spezielle Cybercrime-Abteilungen auf. So hob beispielsweise das BKA 2020 seine eigenständige Abteilung CC aus der Taufe, nachdem Cybercrime zuvor nur ein Arbeitsbereich im Referat für Wirtschaftskriminalität gewesen war.

Generell digitalere Arbeitsmethoden

Wenn Kriminelle über das Internet Bankkonten leerräumen und mit Schadsoftware ganze Industriebetriebe in Geiselhaft nehmen können, dann gerät klassische Polizeiarbeit schlicht an ihre Grenzen. Es gibt keine DNA-Nachweise für die Spurensicherung, keine Fingerabdrücke, vielfach nicht einmal Zeugen. Und umgekehrt können digitale Methoden selbst bei analoger Kriminalität durch ihre Leistungsfähigkeit einfach bessere, schnellere Ergebnisse liefern.

Angesichts solcher Realitäten werden viele Arten der Polizeiarbeit heute ebenfalls deutlich digitaler. Es beginnt beispielsweise mit digitalen Möglichkeiten, um richterlich angeordnete Datenabfragen bei Telekommunikationsdienstleistern tätigen zu können – etwa, um herauszufinden, in welcher Funkzelle sich ein bestimmtes Handy zu einem Zeitraum befand.

Kartensysteme gestatten es, Einsatzgebiete besser zu überblicken und beispielsweise Fundorte exakt (und für alle Ermittler gleichermaßen zugänglich) zu kartografieren. Nicht zuletzt wird ebenso die gesamte Vorgangsbearbeitung derzeit zügig digitalisiert. Arbeiteten zuvor viele Polizeien mit einem Mix aus analogen und digitalen Methoden und bei letzteren wieder unterschiedlichsten Programmen, stellen derzeit immer mehr Behörden auf ein einheitliches System um.

Dieses sogenannte VIS-Polizei kann man sich (grob) wie eine polizeispezifische Unternehmensplattform vorstellen: Sämtliche Akten, Vorgänge usw. werden darauf angelegt, bearbeitet und ausgetauscht. Alle Beamten in allen Dienststellen arbeiten dadurch mit einem Programm, es gibt keine Probleme durch fehlerhafte Formatierungen – und natürlich werden sowohl Informationsaustausch als auch Ausbildung immens vereinfacht.

Jedoch sei unterstrichen, dass die in diesem Kapitel genannten Techniken nur einige Beispiele von vielen sind. Von Dienst-Smartphones über Digitalfunk bis zu polizeiinternen Hacker-Tools reicht die Bandbreite mittlerweile.

193 anerkannte Staaten gibt es auf der Erde. Die meisten von ihnen mit eigenen Gesetzen und Polizeibehörden. Längst nicht alle arbeiten miteinander zusammen. Das wird von international operierenden Cyber-Kriminellen schamlos ausgenutzt.
193 anerkannte Staaten gibt es auf der Erde. Die meisten von ihnen mit eigenen Gesetzen und Polizeibehörden. Längst nicht alle arbeiten miteinander zusammen. Das wird von international operierenden Cyber-Kriminellen schamlos ausgenutzt. (Bild: stock.adobe.com © Hakan)

Herausforderung internationale Zusammenarbeit

Jede Tat, die außer einem Opfer und dem angerichteten Schaden keine Spuren hinterlässt, ist für die Ermittler ein gigantisches Problem. Das ist mit ein Grund dafür, warum Cybercrime die Behörden weltweit vor besondere Schwierigkeiten stellt. Denn es ist selbst für mittelmäßig versierte Kriminelle leicht, ihre Spuren zu verwischen.

Was beispielsweise bei einem analogen Einbruch noch Schutzanzüge und stundenlanges Reinigen des Tatorts nötig machen würde, kann bei einem digitalen Einbruch schlicht durch einige Tools bewerkstelligt werden. Schon, wenn digitale Täter ein VPN nutzen, enden die Ermittlungen häufig vor einer dicken Mauer des Schweigens beim entsprechenden Anbieter.

Krimi-Fans mögen an dieser Stelle nun fragen, warum man dann nicht einfach per Gerichtsbeschluss den Anbieter zwingt, die Daten herauszugeben – etwa IP- und MAC-Adressen der Tatwerkzeuge. Die Antworten:

  1. Sehr häufig erfolgt Cybercrime grenzüberschreitend. Da jedoch die Kompetenzen aller Polizeien spätestens an deren Staatsgrenze enden, ist es stets nötig, mit örtlichen Behörden zusammenzuarbeiten. Selbst Interpol hat keine internationalen Kompetenzen.
  1. Sowohl die Polizeiarbeit an sich als auch die Kooperationsbereitschaft von Staaten untereinander ist enorm unterschiedlich. Viele Polizeien sagen schlicht „keine Chance“, wenn beispielsweise ein deutscher Kripo-Beamter sich mit einem Hilfegesuchen meldet.
  1. Ebenfalls ist die Gesetzeslage unterschiedlich. Beispielsweise kann es selbst bei einer funktionierenden Kooperation nicht möglich sein, einen VPN- oder Telekommunikationsanbieter zur Herausgabe von Daten zu zwingen, weil die Gesetze im Land des Sitzes dies nicht gestatten.

Cyber-Kriminalität zeigt sozusagen im Großen, woran bereits der polizeiliche Föderalismus innerhalb Deutschlands hakt. Zudem sprechen wir hier von vergleichsweise einfachen Fällen. Fähigere Hacker vertrauen oft nicht einmal auf solche Dienstleister, sondern verschleiern ihre Herkunft in Eigenregie, beispielsweise durch selbstgeschriebene Programme.

Natürlich forcieren verschiedene Staaten schon seit einiger Zeit ihre Zusammenarbeit, auch im Bereich Cybercrime. Allerdings ist die Welt diesbezüglich noch sehr weit von einer Globalisierung entfernt. Im Zweifelsfall operieren Cyber-Kriminelle deshalb schlicht von Staaten aus, in denen es um die behördliche Stärke nicht sonderlich gut bestellt ist.

Fazit: Cybercrime macht die Polizeiarbeit digitaler – aber ebenso schwieriger

Je mehr sich Verbrechen in die digitale Welt verlagert, desto mehr müssen die Verbrechensbekämpfer digital operieren. Diese Notwendigkeit wurde in Deutschland jüngst zwar trotz der damit verbundenen Kosten anerkannt und wird allmählich korrekt angesprochen.

Das größte Hindernis erfolgreicher digitaler Verbrechensbekämpfung sind allerdings nicht geizige Innen- und Finanzministerien, sondern Landesgrenzen. Digitale Kriminalität ist viel stärker internationalisiert als es analoge Kriminalität jemals sein könnte. Häufig scheitern deshalb selbst Top-Ermittler an so simpel wirkenden Schwierigkeiten wie nicht kooperationsbereiten Behörden in fremden Staaten.