57.600 Kitaplätze fehlen: Land unterläuft Rechtsanspruch

57.600 Kitaplätze fehlen: Land unterläuft Rechtsanspruch
Am Montag erst schlug die Studie zu großen Schwächen bei Grundschülern im Südwesten auf. Eine Antwort des Landes war: Die frühkindliche Bildung muss gestärkt werden. Doch in den Kitas herrscht akuter Platz- und Personalmangel. (Bild: Sebastian Gollnow/dpa/Illustration)
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Redaktion

Am Montag erst schlug die Studie zu großen Schwächen bei Grundschülern im Südwesten auf. Eine Antwort des Landes war: Die frühkindliche Bildung muss gestärkt werden. Doch in den Kitas herrscht akuter Platz- und Personalmangel.

Stuttgart/Gütersloh (dpa/lsw) – Baden-Württemberg kann den Bedarf an Kitaplätzen trotz eines massiven Ausbaus in den vergangenen Jahren bei weitem nicht erfüllen und unterläuft damit in vielen Teilen des Landes den Rechtsanspruch der Eltern auf eine Betreuung. Nach einer neuen Studie der Bertelsmann Stiftung fehlen im kommenden Jahr 57.600 Kitaplätze. Um diese Plätze zu schaffen, müssten die Kommunen als Kita-Träger zusätzlich 16.800 Fachkräfte einstellen. Die Stiftung schätzt die Kosten dafür auf über 700 Millionen Euro jährlich – weitere Betriebs- und Baukosten noch nicht eingerechnet.

Die Zahlen belegen laut den Experten der Bertelsmann Stiftung, dass Baden-Württemberg den Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz auch bis 2023 nicht für jedes Kind, dessen Eltern einen Bedarf haben, einlösen könne. «Das ist in doppelter Hinsicht untragbar: Die Eltern werden bei der Betreuung ihrer Kinder nicht unterstützt, während Kindern ihr Recht auf professionelle Begleitung in ihrer frühen Bildung vorenthalten wird», sagte Kathrin Bock-Famulla, Expertin für frühkindliche Bildung bei der Stiftung.

Die Kommunen im Südwesten hatten zuletzt im Sommer Alarm geschlagen, weil der Rechtsanspruch wegen des dramatischen Fachkräftemangels faktisch nicht mehr erfüllt werden könne. Sie forderten das Land auf, die Sonderregeln für den Personalschlüssel und die Gruppengröße aus der Corona-Zeit zu verlängern. «Die Reduzierung von Öffnungszeiten, Schließung von Gruppen und der Abbau von Plätzen ist in weiten Teilen Baden-Württembergs bereits heute bittere Realität», erklärten Gemeinde-, Städte- und Landkreistag damals. Für die Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern ist das Land zuständig. Der zuständige Kultus-Staatssekretär Volker Schebesta (CDU) will demnächst ein Programm für Quereinsteiger starten.

Zur Erinnerung: Der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr besteht seit 2013 und für Kinder ab drei Jahren seit 1996. Wenn dieser nicht eingelöst wird, können Eltern dagegen klagen.

Im Bundesvergleich steht das Land bei den Personalschlüsseln noch relativ gut da, heißt es in der Bertelsmann-Studie. Doch werden immer noch 45 Prozent der Kita-Kinder in Gruppen betreut, deren Personalschlüssel nicht den wissenschaftlichen Empfehlungen entsprechen. «Damit nächstes Jahr in Baden-Württemberg nicht nur ausreichend Kita-Plätze vorhanden sind, sondern auch alle Plätze kindgerechte Personalschlüssel aufweisen, müssten rund 28 400 Fachkräfte zusätzlich beschäftigt werden.»

Der Ausbaubedarf unterscheide sich im Südwesten je nach Altersgruppe. So liege die Quote der betreuten Kinder unter drei Jahren mit 29 Prozent deutlich unter dem Bedarf von 41 Prozent, heißt es in der Studie. Um die Lücke zu schließen, seien weitere 39.500 Kita-Plätze nötig. Für Kinder ab drei Jahren sei die Lücke kleiner, sie liege bei drei Prozentpunkten. Hier wären zusätzliche 18.100 Kita-Plätze notwendig.

Die Experten der Stiftung sehen die Probleme bei der Gewinnung von Fachpersonal und analysieren: «Eine fatale Wechselwirkung erschwert die Aufgabe: Zu wenig Personal verschlechtert nicht nur die Qualität der frühkindlichen Bildung für die Kinder, sondern auch die Arbeitsbedingungen für die pädagogischen Fachkräfte.» Dadurch werde es schwieriger, Personal zu halten. Damit dieser «Teufelskreis» durchbrochen werden könne, brauche es eine «erkennbare politische Priorität für eine bessere Personalausstattung».

Der SPD-Bildungsexperte Daniel Born forderte die Kommunen als Träger zu flexiblen Lösungen auf, zudem müsse das Land wartenden Eltern finanziell unter die Arme greifen. Er schlug ein «Platz-Sharing» vor, bei dem sich zwei Kinder aus zwei Familien zu Beginn der Kita-Zeit einen Kita-Platz teilen, wenn es mehr Nachfrage als Plätze gibt. Born hält zudem ein «Brückenelterngeld» für nötig. «Bei vielen endet das Elterngeld regulär 12 oder 14 Monaten nach Geburt.» Das Land müsse die Zeit finanziell überbrücken, bis das Kind in die Kita kann und Eltern wieder arbeiten gehen können.

Zuletzt hatte eine Studie über enttäuschende Leistungen von Grundschülern im Südwesten für Furore gesorgt. Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Kultusministerin Theresa Schopper (beide Grüne) hatten daraufhin erklärt, die Regierung müsse den Blick vor allem auf die frühkindliche Bildung lenken.